Der Schneesturm
Roman

von Vladimir Sorokin

€ 18,50
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Übersetzung: Andreas Tretner
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.08.2012


Rezension aus FALTER 41/2012

Emigranten, Dissidenten, Anti-Utopisten

Russischer Leseherbst: Stalins Tod als Dreh- und Angelpunkt der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert

Als Stalin am 1. März 1953 auf seiner Datscha einen Gehirnschlag erlitt und bewusstlos am Boden seines Schlafzimmers lag, trauten sich die Wachen nicht zu ihm. Zu groß war die Furcht vor dem Gewaltherrscher. Sie riefen das Politbüro zur Hilfe. Doch als Chruschtschow, Berija und die anderen Stalin im durchnässten Pyjama liegen sahen, wussten sie sich in Lebensgefahr: Sollte er sich jemals wieder erholen, würde der Diktator sie töten lassen, weil sie ihn so gesehen hatten.
Man ließ ihn also liegen. Erst am folgenden Tag wurden Ärzte gerufen. Sie konnten Stalin nicht mehr retten. Am Ende hat die Angst, die er verbreitete, ihn womöglich selbst getötet. Am 5. März starb er – und sogar nach seinem Tod hat er noch Menschen umgebracht. Unter den Menschenströmen, die sich in Moskau zu Stalins Begräbnis drängten, brach eine Massenpanik aus. Mindestens 1500 wurden totgetrampelt oder erdrückt. Das Sowjetvolk war außer sich vor Trauer und Desorientierung nach dem Tod des Allmächtigen. Die einzigen Orte, an denen man die Kunde von Stalins Tod mit unverhüllter Freude bejubelte, waren die Zwangsarbeitslager des Gulag.

Auf Angst folgt Lethargie
So liest man es in Jörg Baberowskis aufwühlender Studie über Stalins Terrorherrschaft "Verbrannte Erde", ferner in Ljudmila Ulitzkajas Roman über die Nach-Stalin-Zeit "Das grüne Zelt" und in der Gulag-Liebesgeschichte von Lew und Sweta, die der britische Historiker Orlando Figes aus Archivdokumenten herausgefiltert und nacherzählt hat ("Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne"). Alle drei Autoren sehen in Stalins Tod den eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert.
Die stalinistischen Gewaltexzesse der ersten Jahrhunderthälfte mit ihren Millionen von Todesopfern wurden abgelöst von Jahrzehnten dumpfer Unterdrückung; auf die große Angst folgte die lähmende Mutlosigkeit, auf den Schrecken die Lethargie. Doch verglichen mit Stalins Terror war die Lage nach seinem Tod allemal erträglicher. Im Zeichen der Entstalinisierung wurden ab April 1953 mehr als 1,5 Millionen Gulag-Häftlinge aus den Straflagern entlassen. Dissidenten und Oppositionelle wurden zwar weiterhin überwacht, oft auch verhaftet und eingesperrt oder ausgebürgert. Aber sie wurden wenigstens nicht mehr nachts aus ihren Betten geholt und erschossen wie in den Jahrzehnten des Terrors zuvor.
Die traumatischen Erfahrungen aus beiden Epochen, vor und nach 1953, wirken bis heute fort und finden ihren Niederschlag in der Literatur. So ist es vermutlich kein Zufall, dass in diesem Bücherherbst Russland als untergründiges Thema vielfach rumort: Im russischen Jahrhundert sind große Erzählstoffe verborgen, das haben auch die übersetzenden deutschen Verlage bemerkt.
So kommt's, dass sich in den neuen Herbstbüchern ein gewaltiges, große Zeiträume umspannendes Russlandpanorama auftut. Das reicht von der Generation der Emigranten nach der Russischen Revolution von 1917 (mit der Wiederentdeckung des Exilautors Gaito Gasdanow) bis zu Vladimir Sorokin, dem postmodernen Anti-Utopisten, Mythenzerfetzer und krassesten Kritiker der neuen Moskauer Eliten. Wobei sich der berüchtigt schrille Sorokin diesmal ungewöhnlich zahm gibt. Sein kleiner Roman "Der Schneesturm" kommt wie ein (allerdings etwas schräges) russisches Wintermärchen daher, nimmt überdeutliche stilistische Anleihen bei Puschkin und bei Tolstois Schneesturm-Erzählung "Herr und Knecht" und fletscht nur am Schluss dystopisch die Zähne: Kutscher und Herr, die in ihrem Schneemobil im Orkan alle Orientierung verloren haben, werden am Ende von Chinesen gerettet.

Revival des Vergessenen
Im Gegensatz zum Nobelemigranten und Weltautor Vladimir Nabokov hat Gaito Gasdanow (1903–1971), der Petersburger aus kaukasischer Familie, alle Mühsal und Härte des mittellosen Exillebens durchgemacht. Mit 16 Jahren schloss sich der Gymnasiast als Freiwilliger der Wrangel-Armee an, kämpfte im Bürgerkrieg aufseiten der Weißen und landete danach auf Umwegen in Paris, der Hauptstadt der russischen Emigration. Er schlug sich als Hilfsarbeiter durch, wurde zwischendurch zum Clochard und brachte sich dann jahrzehntelang als Taxifahrer durch. Seine neun Romane und mehr als 50 Erzählungen entstanden nebenbei. Der Hanser Verlag startet nun ein Revival des Vergessenen mit dem Roman "Das Phantom des Alexander Wolf".
In diesem raffiniert gebauten psychologischen Krimi aus dem Jahr 1947 spielt Gasdanow mit diversen biografischen Versatzstücken. Sein Held ist ein russischer Emigrant im Paris des Jahres 1936, der von der Erinnerung an einen Mord eingeholt wird, den er als 16-Jähriger in Südrussland, in den letzten Tagen des Bürgerkriegs, begangen hat. Vielmehr: begangen zu haben glaubt. Denn der damals Getötete ist offenbar noch am Leben und kreuzt mehrfach die Wege des Erzählers – ein Phantom, das ihn quält und narrt und sich immer wieder entzieht.
Bis zum ausgeklügelt verschraubten Ende hält der Autor die Spannung aufrecht. So rätselhaft und diffus die Vorgänge, so prägnant konturiert ist das Seelenleben des Erzählers. Die Kriegserlebnisse haben seine moralischen Koordinaten verwüstet und ihn kalt, leer und fatalistisch zurückgelassen. Die Parallelen zu den moralisch erkalteten Helden von Albert Camus sind mehrfach bemerkt worden. Sie sind tatsächlich frappierend. Man wünscht sich weitere Bekanntschaft mit dem Phantom des Gaito Gasdanow.
Während der Exilant Gasdanow in Paris Taxi fährt und schreibt, bekommt der Moskauer Physikstudent Lew Mischtschenko (1917–2008) die brutale Willkür des Stalin-Regimes aufs Grausamste zu spüren. Lew ist ein träumerischer, empfindsamer Junge, und er hat gleich im ersten Semester die große Liebe seines Lebens gefunden – die gleichaltrige Studentin Swetlana ("Sweta"). Sie sind verlobt, als Lew gegen Nazideutschland in den Krieg zieht, in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät und als Zwangsarbeiter im KZ Buchenwald landet. Nach der Befreiung 1945 widerfährt ihm, was das Sowjetregime Hunderttausenden seinesgleichen antat. In deutsche Kriegsgefangenschaft geraten zu sein galt Stalin als Hochverrat: Lew wird zu zehn Jahren Zwangsarbeit im Gulag verurteilt, zu verbüßen im Lager Petschora im arktischen Norden Russlands.

Briefe aus dem Gulag
Seine Verlobte Sweta, die seit 1941 nichts mehr von Lew gehört hat, hält ihn für tot – bis ein Lebenszeichen von ihm aus dem Gulag zu ihr nach Moskau dringt. Fortan schreiben die beiden einander Briefe, mindestens zweimal pro Woche. Fast 1300 Liebesbriefe laufen auf in den achteinhalb Jahren bis zu Lews Entlassung aus dem Gulag im Juli 1954. Mehr noch: Dank ihrer Courage und des Beistands mutiger (oder bestechlicher) Helfer gelingt Sweta das fast Unmögliche – sie reist mehrmals verbotenerweise nach Petschora, kann sich in das Lager hinein- und wieder hinausschmuggeln und Lew heimlich treffen.
Es ist eine einzigartige Korrespondenz, die sich heute im Archiv der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial befindet – einzigartig schon deshalb, weil Lews Briefe authentisch, da unzensiert, über das Alltagsleben im Lager informieren, genauso detailliert wie Swetas Briefe die alltägliche Zwangs- und Mangelwirtschaft im ausgepowerten Nachkriegs-Moskau schildern. Der britische Historiker Orlando Figes, der das greise Paar 2002 in Moskau noch selbst interviewen konnte, hat dieses singuläre Briefkonvolut ausgewertet und zu einer bewegenden, fast romanhaften Erzählung über die Liebe in den Zeiten des Terrors montiert.
Die Welt der sowjetischen Straflager kommt im neuen Roman von Ljudmila Ulitzkaja zwar nicht direkt vor, sie ist aber doch ständig präsent, als ausgesparter
Erzählraum im Hintergrund, als drohende Kulisse, hinter der jederzeit Menschen
verschwinden konnten – Freunde, Nachbarn, Verwandte oder man selbst. "Das grüne Zelt" lässt sich demnach als eine Art Komplementärbuch zu Orlando Figes lesen. Die Autorin führt den Leser nicht selbst in die Lager, doch sie erzählt, was alles ihre Helden in die Lager hatte führen können.
Ulitzkaja ist fast 70, sie hat die Endzeit von Stalins Herrschaft und seinen Tod bewusst erlebt und die bleiernen Jahrzehnte unter Chruschtschow und Breschnjew in Moskau am eigenen Leib durchgemacht. Sie gehörte, wenn auch nur als Randfigur, zur Welt der Dissidenten. Sie war befreundet mit dem Untergrunddichter Julij Daniel, der 1966 gemeinsam mit Andrej Sinjawskij wegen antisowjetischer Schriften zu langjähriger Haft in einem Straflager verurteilt wurde. Dieser politische Schauprozess gilt als die Geburtsstunde der Dissidentenbewegung; er figuriert auch prominent in Ulitzkajas Roman. Julij Daniel ist die erste von mehreren Romanfiguren im "Grünen Zelt", die in der Schattenwelt der Lager verschwinden.
Ulitzkaja, die Biologin und Genetikerin jüdischer Herkunft, wurde 1967 wegen der illegalen Verbreitung von Samisdat-Literatur aus dem Akademie-Institut in Moskau entlassen und fand erst viel später eine Stelle als Dramaturgin am Jüdischen Kammermusiktheater Moskau. Zugleich begann sie zu schreiben. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1998 mit ihrem Krim-, Sommer- und Sippenroman "Medea und ihre Kinder". Doch nie hat sie Ehrgeizigeres versucht als mit ihrem neuen Roman. Er erhebt den Anspruch, das Gesamtpanorama der sowjetischen Dissidentenwelt von den 1960er-Jahren bis in die 90er-Jahre zu entrollen. Ulitzkaja macht sich damit zum Tolstoi dieser Epoche, auch im klassisch ausgreifenden, getragenen Erzählgestus. Sie singt das Hohelied der ersten sowjetischen Generation, die ihrer Sehnsucht nach geistiger und kultureller Freiheit aktiv und kämpferisch Ausdruck verlieh. Dass der Roman zugleich die Jugendgeschichte der Autorin reflektiert, gibt ihm die besondere Glaubwürdigkeit und Erlebnisdichte.

Freiheit und Leben
Die strahlenden großen Namen des verfemten, verfolgten und schließlich ausgebürgerten literarischen Untergrunds von Sinjawskij und Daniel bis zu den Nobelpreisträgern Solschenizyn und Joseph Brodsky leuchten im Romangeschehen gelegentlich auf, doch eigentlich geht es der Autorin um die vielen kleinen Lichter, die mit ihrer widerständigen Emsigkeit die Dissidentenszene erhellten (und am Leben erhielten). Ständig im Visier der Geheimpolizei, riskiert diese pfiffige und ein bisschen schlampige Kulturboheme mit dem Abschreiben und Weitergeben von Samisdat-Texten permanent Freiheit und Leben.
In der verordneten geistigen Dürre der Nach-Stalin-Ära dürsten diese jungen Leute nach Anschluss an die Weltkultur, in der schäbigen Hässlichkeit des Sowjetalltags hungern sie nach Schönheit. Sie hören heimlich Schnittke und Stockhausen und lesen heimlich Freud; sie schwärmen von Westfilmen und reichen einander Westbücher und Tonbandmitschnitte des Sängerdichters Wladimir Wyssozki weiter. Juri Ljubimows Theater an der Taganka wird zu ihrem Wallfahrtsort. "Die moderne Kunst", sagen sie zu einander, "das einzig Lebendige in diesem allgemeinen stickigen Stillstand."

Keine Heldengeschichten
Ins Zentrum dieser Intellektuellenszene stellt Ulitzkaja drei Freunde – den Fotografen Ilja, den Musikwissenschaftler Sanja und den Literaturlehrer Micha. Seit ihrer Schulzeit in den 1940er-Jahren sind die drei als Außenseiter einander verschworen, allein die adelige, bildungsbürgerliche oder jüdische Herkunft stigmatisiert sie. Ein charismatischer neuer Lehrer öffnet ihnen die Sinne für die Literatur. Sie lernen die Kultur als ihre Rettung begreifen. Der Roman begleitet die drei – samt Familien, Geliebten, Ex-Ehefrauen, Kindern, Freunden, Spitzeln, Verrätern – durchs ganze Leben, das bei zweien in die Emigration und bei einem in den Selbstmord führt.
Es sind keine Heldengeschichten aus der großen Dissidentenepoche, die Ulitzkaja hier erzählt, aber sie berichtet von vielen kleinen Waghalsigkeiten, Widerständigkeiten und Mutproben – und von so manchen Kleinmütigkeiten, Ängsten und von kläglichem Versagen. Unverkennbar auch, wohin der langjährige hartnäckige Kampf von staatlichem Druck und Gegendruck von unten schließlich geführt hat: Das System hat seine Dissidenten, die es nicht brechen konnte, abgestoßen. Sie sahen keine Zukunft mehr im Lande. Wenn sie nicht tot sind, leben sie heute in Israel, in Deutschland oder in den USA. Ljudmila Ulitzkaja hat ihnen ein großes Denkmal gesetzt.

Sigrid Löffler in FALTER 41/2012 vom 12.10.2012 (S. 4)


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