Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
Roman. Alle Toten fliegen hoch, Teil 2

von Joachim Meyerhoff

€ 20,60
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.01.2013


Rezension aus FALTER 26/2013

"Routine ist ein bösartiger Virus"

Der Burgschauspieler Joachim Meyerhoff geht nach Hamburg und nimmt am Bachmann-Preis teil. Ein Abschiedsgespräch.

Joachim Meyerhoff ist derzeit sowohl im Gehen als auch im Kommen. Als Schauspieler ist er im Gehen: Im Herbst wechselt er vom Burgtheater an das Deutsche Schauspielhaus nach Hamburg, das von der neuen Intendantin Karin Beier aus der Krise geholt werden soll. Als Schriftsteller ist er im Kommen: Sein zweiter Roman ist noch erfolgreicher als der erste; Anfang Juli tritt Meyerhoff in Klagenfurt beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis an. Wien wird er aber nicht ganz verlorengehen. Seine Töchter gehen hier zur Schule, und an der Burg sind noch etliche Stücke mit Meyerhoff im Repertoire.
Als Ort des Falter-Interviews hat Joachim Meyerhoff das Café Heumarkt vorgeschlagen. Die Lektüre der vielen anderen Interviews, die er in den letzten Wochen gegeben hat, zeigt: Das Heumarkt ist offenbar sein Stammcafé – auch wenn die Welt am Sonntag ihn im "Café am Neumarkt" getroffen haben will. Meyerhoff kommt an diesem brüllend heißen Mittwoch in kurzen Hosen. Unter dem T-Shirt lugt ein Tattoo auf einem ziemlich muskulösen Oberarm hervor. "Von meiner Tochter", erklärt er. "Zum Glück ist es nicht Justin Bieber."

Falter: Sie haben das Interview zunächst verweigert, weil Sie in letzter Zeit so viele Pressetermine hatten. Ist es wirklich so schlimm?
Joachim Meyerhoff: Die Interviews sind nicht so schlimm. Aber mit einem selber wird's irgendwann schlimm – weil man ja nicht immer was Neues sagen kann. Man wird dann zum Wiederholer seiner selbst.

Das müsste Ihnen als Schauspieler doch bekannt vorkommen!
Meyerhoff: Stimmt. Aber bei einem Interview ist man auch immer in so einem Zwiespalt: Zu bestimmten Themenkomplexen kann man ja nicht einfach die Wahrheit sagen. Und weil ich zu bestimmten Dingen nicht alles sage, was ich mir denke, wird das dann schnell ein bisschen schal. Außerdem musste ich nach dem zweiten Roman jetzt aufpassen, dass ich nicht zur Fachkraft für psychische Erkrankungen werde und in irgendwelchen Ärzteblättern Interviews zur aktuellen Situation der Psychiatrie gebe. Da gab es Anfragen!

Werden Sie oft angesprochen?
Meyerhoff: Schon, das ist aber immer mit einem Interesse für den Gegenstand verbunden. Das sind Leute, die im Theater was gesehen oder das Buch gelesen haben. So was freut mich eigentlich immer.
Und die Autogrammjäger?
Meyerhoff: In Maßen. Das Signieren wird aber manchmal tatsächlich zu einem Problem. Nach so einer Lesung muss man da eine Stunde lang Widmungen schreiben: "Für Professor Soundso, in tiefer Dankbarkeit …" Ich bin aber rechtschreiberisch nicht immer so sicher, das kommt im Roman ja auch vor, und dann sitze ich da und denke: Oh Gott, wie schreibt man das denn alles? Die Vernünftigeren wollen nur eine Unterschrift, die sagen: "Bitte, keine Widmung, ich weiß ja, wer ich bin!"
Welche Themen müssen wir auslassen, damit Sie nicht lügen müssen?
Meyerhoff: Na ja, wenn man einen Ort verlässt, gibt es dafür immer verschiedene Gründe. Das hat mit einem selber zu tun, es hat natürlich aber auch mit dem Ort zu tun. Sonst würde man ja nicht weggehen. Und da wird's dann sehr schnell sehr intern. Ich hänge sehr an der Burg, weiß aber auch, dass es jetzt mal Zeit ist, sie zu verlassen.

Sie verlassen das Burgtheater? Die Burg selbst hat das dementiert.
Meyerhoff: Ach, das sind so Machtkämpfe, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun haben will! Das hat mich genervt. Es ging da einfach um die Frage: Nennt man jemanden, der hier seine laufenden Vorstellungen noch weiterspielt, noch Ensemblemitglied? Ist mir doch völlig schnurz!

Sind die Wiener besitzergreifend?
Meyerhoff: Total! Das ist aber auch gut. Die sagen so Dinge wie: "Ich fand ja die erste ‚Tartuffe'-Vorstellung toll, in der dritten fand ich Sie nicht so gut, und in der vierten waren Sie im zweiten Teil dann besser." Man redet hier mit lauter Fachkräften, die das drei-, viermal gucken! "Was war denn im ,Professor Bernhardi' mit Ihnen los? Im ersten Akt hatte man das Gefühl, Sie sind mit den Gedanken noch woanders. Im zweiten Akt, wenn der Ofczarek kommt, mit dem Sie ja eh gut zusammenspielen, wurde es besser." Da sagt man: Danke! So etwas würde einem in Berlin nie passieren.

Spielen Sie lieber Komödien als Tragödien?
Meyerhoff: Nicht unbedingt. Ich habe nur das Gefühl, dass ich Komödie leider noch ein bisschen besser kann als das andere. Komik wie in "Robinson Crusoe", den ich mit Ignaz Kirchner spiele, finde ich großartig. Es gibt aber auch Komik, über die man sich ärgert. Zum Beispiel diese gelben Strümpfe des Malvolio in "Was ihr wollt" – dieser Auftritt nervt mich so tierisch! Vorher finde ich das echt schön, es macht mir Spaß. Aber dann wie so ein alter Zirkuslöwe wieder durch den Reifen springen zu müssen mit den gelben Strümpfen … Alle lachen, und ich finde es schrecklich. Aber es fällt einem auch nichts Besseres ein, irgendwie kommt man aus der Nummer nicht raus.

Es gibt Lacher, über die man sich nicht freut?
Meyerhoff: Viele! Das Tolle bei einem guten Lacher wiederum ist: Egal, wie oft man das gesehen hat, man lacht immer wieder. Die Xylofon-Nummer von dem Wuttke in dieser einen Pollesch-Inszenierung zum Beispiel, die hab ich dreimal gesehen – und ich lag jedes Mal darnieder vor Lachen. Das hätte ich auch zehnmal sehen können.

Sie spielen "nur" noch zwei Rollen im Jahr. Warum?
Meyerhoff: Weil ich Freiräume für mein
Schreiben brauche.

Wenn Sie zwischen Wien und Hamburg pendeln, wird es wieder enger. Was spielen Sie denn dort als Erstes?
Meyerhoff: Karin Beier eröffnet im November mit so einem achtstündigen Antikenprojekt. Da bin ich in den letzten beiden Teilen dabei. Ich habe bis jetzt aber noch keinen Text gesehen. Und dann gibt es einen Abend mit Vorlesungen, die der südafrikanische Künstler William Kentridge in Harvard gehalten hat: die "Norton Lectures", sechs Vorstellungen à eine Stunde. Die sind großartig! Ich habe Kentridge auch in Johannesburg besucht, das war toll.

Die beiden Regisseure, mit denen Sie bisher am öftesten zusammengearbeitet haben, waren der mittlerweile verstorbene Jürgen Gosch und Jan Bosse. Warum gerade die?
Meyerhoff: Als ich mit dem Gosch in Hamburg gearbeitet habe, fing der gerade mit seinem neuen Stil an. Das war sehr unfertig, teilweise im Zumutungsbereich, aber alle spürten, dass da irgendwas passiert. Sein Credo war: Alles ist darstellbar. Eine Säge, einen Wald, wir spielen alles. Ich mag Gosch und Bosse deshalb so gerne, weil das Regisseure sind, die Proben als etwas begreifen, wo man was rausfinden will. Nichts ist schlimmer, als auf Proben zu sitzen und zu denken: Was mache ich hier eigentlich? Worum geht's? Warum sind nicht alle vorbereitet? Es gibt ja auch Regisseure, die auf den Proben das Stück kennenlernen, das sie noch nicht gelesen haben.

Das schätzen Sie weniger?
Meyerhoff: Das verachte ich! Es bedarf so vieler Vorarbeit, um dann auf Proben was ganz anderes machen zu können. Aber diese Vorstellung, dass man auf Proben einfach mal so reingucken kann in Stücke – das führt zu nichts! Grauenhaft.

Gosch hätte 2008 am Burgtheater "Faust" inszenieren sollen, mit Ihnen als Faust. Daraus wurde nichts, und ein Jahr später hat Matthias Hartmann dann seine Intendanz mit "Faust" eröffnet. Warum haben Sie da nicht den Faust gespielt?
Meyerhoff: Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich überhaupt gefragt wurde. Aber ich wollte das auf keinen Fall mehr machen, ohne Gosch.

In Christoph Schlingensiefs Inszenierung "Mea Culpa" haben Sie Christoph Schlingensief gespielt, der damals schon nicht mehr die Kraft hatte für einen ganzen Abend. Was war das für eine Erfahrung?
Meyerhoff: Das war an der Grenze dessen, was Theater machen kann und was man selber aushält. Dabei hatte das – anders als "Kirche der Angst" oder andere Projekte – noch einen Hoffnungsschimmer in sich. Es war so traurig, so schön und zugleich so lustig. Christoph war ja unglaublich lustig. Er hat mich aber auch verunsichert, weil er die Schonmechanismen, über die jemand wie ich verfüge, ständig vorsätzlich abgebaut hat. Er hat sich überempfindlich gemacht – total verletzbar. Ich habe das sehr bewundert, konnte damit aber schwer umgehen.

Bevor Sie ins Schriftstellerfach gewechselt sind, haben Sie die Erzählungen aus Ihrem Leben, die dann zu Romanen wurden, erst einmal im Vestibül vor Theaterpublikum aufgeführt. War dieser Umweg notwendig, damit Sie schreiben konnten?
Meyerhoff: Das war total notwendig! Ich habe mich nach diesen Abenden immer eine halbe Stunde hingesetzt und die Dinge, die mir während der Aufführung eingefallen sind, dazugeschrieben. Ich musste einfach diesen langen, langen Weg gehen und habe die zehn Jahre gebraucht, um eine Sprache und einen Ton zu entdecken, die ich in die Bücher übertragen konnte. Ich mache diese Abende jetzt auch ganz bewusst nicht mehr.

Außer im Rahmen einer Buchpräsentation, die dann gleich dreimal stattfindet.
Meyerhoff: Ja, so ein Buch soll sich doch auch verkaufen, und wenn da dreimal die Hütte voll ist, kann man sich das natürlich nicht durch die Lappen gehen lassen! Da habe ich überhaupt keine Hemmungen und hätte es auch fünfmal gemacht.
Bringt das Schreiben was fürs Spielen?
Meyerhoff: Auf einer ganz banalen Ebene: Das Schreiben macht mir so viel Freude, dass es dann auch gegen eine gewisse Spielmüdigkeit gut ist. Wenn die eigenen Kinder zu einem sagen "Spiel schön!", denkt man ja auch: Ist das nicht doch eine Sackgasse? Und wenn man schreibt, merkt man auch wieder, wie toll es eigentlich ist, Dinge auch physisch auszuagieren.

Und andersrum?
Meyerhoff: Andersrum hat es mich natürlich zum Schreiben gebracht, dass ich so was wie "Der Ignorant und der Wahnsinnige" gespielt habe. Jemand, der das nicht gemacht hat, kann sich das ja nicht vorstellen. Es ist eine Art sadomasochistischer Wahn: Das sind 80 Seiten, die man auswendig lernen muss. Tag und Nacht! Es ist eine menschenverachtende Gemeinheit von Thomas Bernhard, solche Texte in die Welt zu setzen. Natürlich sind die auch toll, und natürlich macht das etwas mit einem, wenn man das lernt. Das setzt sich als Struktur im Gehirn fest.

Sie haben einmal gestanden, dass Sie vor jeder Vorstellung von "Der Ignorant und der Wahnsinnige" Angst haben.
Meyerhoff: Weil das einfach so viel Text ist! Da kann es einfach passieren, dass man komplett die Bodenhaftung verliert – und dann weiß man nichts mehr. Man klettert so eine Steilwand hoch, und dann fällt man runter. Die Souffleuse hat da auch so Zeichen für mich. Aber in so einem Moment versteht man auch die Zeichen nicht! Die Souffleuse zeigt dann mit den Händen einen Berg. Und man denkt: Was war das noch?

Und was bedeutet das Zeichen?
Meyerhoff: Das steht für den Satz "Wenn Ihr Herr Vater sich wenigstens entscheiden könnte, für mehrere Wochen ins Gebirge zu gehen". Jetzt weiß ich ihn ja.

Sie waren mit Ihrer Kollegin Christiane von Poelnitz zusammen. Zwischen 2006 und 2008 haben Sie mit ihr in drei Stücken hintereinander ein streitendes Paar gespielt. Hat das zur Trennung geführt, oder waren Sie da schon getrennt?
Meyerhoff: Ich glaube, beides. In der schwierigen Phase habe ich mich mit ihr in diesen Stücken jedenfalls noch am besten verstanden. Die Serie gipfelte dann allerdings in "Wer hat Angst vor Virgina Woolf?" – und das war keine gute Idee. Gar keine gute Idee! Mittlerweile haben wir Frieden geschlossen, wobei das allerdings auch beinhaltet, dass wir nicht mehr zusammen spielen.

Es gibt den Spruch: Der könnte auch das Telefonbuch spielen und man würde sich das ansehen. Könnten Sie?
Meyerhoff: Das ist so ein Quatsch! Das Telefonbuch zu spielen ist todlangweilig und hat gefälligst auch das Langweiligste zu sein, was es gibt. Aber in Wien besteht tatsächlich die Gefahr, dass Schauspieler zu Repräsentanten ihrer selbst werden und die Rolle hinter den Umstand zurücktritt, dass wir Herrn und Frau Soundso sehen. Das ist der Tod des Spielens!

Was macht man gegen Routine?
Meyerhoff: Na, weggehen. Routine ist ein bösartiger Virus, weil man ihn gar nicht spürt. Es geht einem ja gut. Aber bevor ich an der Rampe stehe und endgültig krank zusammenbreche, gehe ich lieber weg.

Aber wachsen die Person, die man ist, und die Rollen, die man spielt, nicht automatisch zusammen?
Meyerhoff: Ja. Und man hat auch – das fällt mir beim Tanztheater immer auf – nur diese und jene Mittel, ist also begrenzt. Das tut schon auch weh. Ich kenne viele Schauspieler, die sich nicht mehr hören können.

Man muss mit dem Material, das man hat, arbeiten. Nicholas Ofczarek wuchtet dann halt seine Wampe über die Bühne.
Meyerhoff: Ich schwöre Ihnen, dass sich Herr Ofczarek mit seiner Wampe zu Tode langweilt. Vielleicht nimmt er genau deswegen gerade ab.

Und Sie tragen immer enge Pullis.
Meyerhoff: Ist das so? Das find ich ja toll.

Das ist einem Bekannten von mir unlängst aufgefallen.
Meyerhoff: Es stimmt auch. Ab und zu denke ich: Jetzt wär's mal wieder Zeit für einen engen Pulli. Es gibt aber auch so viele Enge-Pullover-Rollen. Bei "Tartuffe" denkt man doch sofort an enge Pullis!

Und warum tun Sie sich jetzt auch noch den Bachmann-Wettbewerb an?
Meyerhoff: Was ist das eigentlich für eine Frage?! Warum assoziieren das alle mit Qual? Ich habe das immer als Ehre empfunden. Das ist doch toll!

Man kann natürlich auch abstürzen. Wer da hinfährt, will doch gewinnen.
Meyerhoff: Das ist bei mir aber anders! Mein Zugang ist wirklich: Dabei sein ist alles. Ich freue mich, dass ich da lesen darf, und bin total interessiert, was die Fachjury dazu sagt. Man darf übrigens auch zurückreden – ich habe sogar das Recht auf ein Schlussplädoyer.

Das birgt allerdings die Gefahr in sich, …
Meyerhoff: … dass man erklärt, was man gemeint hat. Das ist im Theater ja noch lustiger. Der Regisseur sagt: "Was spielst du da, das ist ja grauenhaft!" Dann erklärt man es, und der Regisseur sagt: "Ach so, dann war's toll!" Das geht natürlich nicht.

Bleibt es dabei, dass der dritte Roman von Ihren Großeltern handeln wird?
Meyerhoff: Das ist noch nicht ganz sicher. Entweder das Großeltern-Buch oder der Roman über meine Anfängerjahre als Schauspieler. Ich fand es immer ganz schön, dass ich nicht über Theater schreibe. Aber nun landet die Figur, über die ich erzähle, nun einmal beim Theater, und diese Provinzstädte, in denen man dieses schauderhafte Dasein als Anfänger führt – Dortmund, Kassel, Bielefeld – interessieren mich schon.

Sie können ja noch zwei Romane schreiben.
Meyerhoff: Das hoffe ich. Eines ist jedenfalls sicher: Wenn ich heute überfahren werde, würde man in meinem Nachlass nichts finden. Alles kommt in die Bücher!

Wolfgang Kralicek in FALTER 26/2013 vom 28.06.2013 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Alle Toten fliegen hoch - Amerika


Rezension aus FALTER 11/2013

Schreiende Patienten und viel Gebimmel

Joachim Meyerhoff erzählt aus seiner Kindheit: "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war"

Eines wurde ja schon 2011 geklärt, als Joachim Meyerhoffs erster Roman "Amerika" erschien: Das Ich, das die Geschichte erzählt, stimmt weitgehend mit Joachim Meyerhoff selbst überein, und die erzählten Geschichten sind seine eigenen. Nun legt der deutsche Schauspieler und Schriftsteller mit der fast schon unverschämt zu nennenden Doppelbegabung einen zweiten Roman nach – gleichsam Teil zwei seiner Autobiografie.
Der Titel ist Programm: "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war". Er verweist auf die Instabilität aller Erinnerung; darauf, dass aus dem Alltagsleben erst im Rückblick eine erzählbare Geschichte gemacht werden kann; dass die Dinge der Beschreibung bedürfen, um verdaulich zu werden; und dass man als Erzähler für jeden einzelnen Zuhörer die Geschichte so einfärben muss, dass sie diesem am besten zu Gesicht steht. Am meisten gilt das für einen selbst.

Die Sprache ist es, die die Erinnerung erst schafft, und am Ende sind die Dinge nur deswegen so und nicht anders, weil man sie in ganz bestimmte Worte gepackt hat. Der Icherzähler im Roman weiß das bestens: Als er als Volksschüler auf dem Schulweg einen toten Rentner im Schrebergartenblumenbeet liegen sieht, ist die Freude über die gute Story, die der Fund bedeutet, hundert Mal größer als der Schrecken über eine Leiche. "Ich verfeinerte die Geschichte, merkte mir gelungene Formulierungen und entwickelte sogar so etwas wie auf die Zuhörerschaft abgestimmte Varianten."
Ein jeder kriegt sie anders serviert: Die Mitschüler als wüst wuchernde Horrorstory, Eltern und Lehrer als Mitteilung eines verantwortungsvollen Jungen, die älteren Brüder als Triumpherlebnis, das ihrem ewigen Spott das Maul stopfen soll.
Das ist auch das Herrliche an diesem Buch: Joachim Meyerhoff berichtet über sein Leben und ist sich ständig der Erfindungsleistung bewusst, die im Erinnern enthalten ist. Und doch ist es gleichzeitig die Geschichte seiner eigenen Kindheit und Jugend, die in vielem ganz und gar außergewöhnlich war. "Ich soll als Baby nie geschrien haben. Das wundert mich nicht. Wozu auch, wenn das um einen herum, Nacht für Nacht, Tausend andere tun."

Die tausend anderen sind die Patienten der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im norddeutschen Schleswig, in deren Herzen Meyerhoff aufgewachsen ist. Sein Vater war Direktor der Klinik, die Familie lebte inmitten der vielen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Anstaltsgebäude in der Direktorenvilla. Wenn Joachim Meyerhoff als Kind abends im Bett lag, hörte er das Schreien der Patienten – "dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr, allabendliches Brüllkonzert mit großem Orchester". Für ihn war das normal, schön und beruhigend, sein persönliches vielstimmiges Schlaflied.
Vieles, was er als Kind mit seinen beiden Brüdern, seinem Vater und seiner Mutter dort erlebt, ist nach normalem Maßstab verrückt. Aus der Perspektive seiner Kindheit ist es normal. Viele der Erlebnisse, von denen dieses Buch berichtet, sind zweischneidig – lustig und traurig, aufwühlend und beruhigend. Eine Weihnachtsfeier in der Psychiatrie geht im Chaos unter, ebenso der Versuch, den geliebten Familienhund zum Blutsbruder zu machen.
Eine Geburtstagsjause des Vaters mit Familie und vier eingeladenen Patienten wird zu einer maßlos witzigen und ergreifenden Slapstickszene. Alles geht drunter und drüber, ist wild und ungebärdig in dieser Kindheit. Auch die sogenannten Normalen schrammen mehr als einmal an der als sehr durchlässig gezeichneten Grenze zu den psychisch Kranken entlang. Dass dieses Buch, das so randvoll ist mit im Hals steckenbleibender Komik, im Ende auf ein langes Sterben zuführt, macht es nur noch glänzender.

Joachim Meyerhoff hat ein exzellentes Gefühl für Spannungsbögen, schreibt famose Dialoge, die jedem Sprecher seine ganz eigene, wiedererkennbare Stimme geben, und hat ein untrügliches Gespür dafür, dass die erstaunlichsten Dinge einem Menschen Sicherheit geben können. Manchmal kann das auch ein verwildert aussehender, riesenhafter Psychiatrieinsasse sein, der den kleinen Icherzähler rennend auf seinen Schultern durchs Anstaltsgelände trägt – und dabei ohrenbetäubend mit großen Glocken bimmelt.
Dass Joachim Meyerhoff als Schauspieler viel vom Ausagieren auf großen und kleinen Bühnen versteht, wundert einen nach der Lektüre dieses Buches nicht.

Julia Kospach in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 18)


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