Ein Hologramm für den König
Roman

von Dave Eggers

€ 20,60
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Übersetzung: Klaus Timmermann
Übersetzung: Ulrike Wasel
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Fahrradverkäufer unterm Rad der Zeit

In seinem Roman "Ein Hologramm für den König" zeigt Dave Eggers die Schattenseiten der Globalisierung

Man mag ihn von den ersten Seiten an und am Ende des Romans noch ein wenig mehr: Alan Clay, selbstständiger Geschäftsmann, 54 Jahre alt und somit "für die amerikanische Unternehmenswelt so faszinierend wie ein Flugzeug aus Lehm". Finanziell ist Clay ein Fall für Schuldnerberater Peter Zwegat, das Sexuelle betreffend ein potenzieller Viagra-Kunde. "Abgerockt", könnte man sagen.
Clay trifft zu Beginn des Romans in Dschidda ein, um dem saudischen König für und in dessen noch in Entstehung begriffener Wirtschaftsmetropole, der King Abdullah Economic City KAEC, ein holografisches Telekonferenzsystem zu präsentieren, im Auftrag eines großen US-amerikanischen IT-Anbieters. Bekommt Reliant, so der Name der Firma, den Zuschlag für den Großauftrag, ist Clay zumindest einmal aller pekuniären Malaisen entledigt.

Der global Handlungsreisende ist zuerst einmal einfach nur froh, "den würgenden Schraubstock seines Lebens in Amerika" zurücklassen zu können, ist er doch nicht nur finanziell, sondern auch emotional schwerstversehrt (genau: die gemeine, dominante, schreckliche Ex-Frau). Clay wohnt in Dschidda in einem verwechselbaren Luxushotel und fährt jeden Morgen – wenn er nicht gerade verschläft – mit drei jungen Reliant-Mitarbeitern eine Stunde durch die Wüste in die KAEC. In einem Präsentationszelt warten sie auf den König. Der lässt sich, wie Godot, aber reichlich Zeit.
Dave Eggers, 1970 in Boston/Massachusetts geborener Sohn eines Anwalts und einer Grundschullehrerin, ist eine Art James Franco der Literatur: ein engagierter Vielmacher. Er hat einen Verlag gegründet (McSweeney's), eine Zeitschrift (San Francisco Panorama), das Oral-History-Projekt "Voice of Witness", welches Geschichten von benachteiligten Menschen veröffentlicht, weiters eine Stiftung, die sich im Sudan engagiert (Valentino-Achak-Deng-Stiftung), und ein Nachhilfeprogramm für Jugendliche (826 Valencia). Ein "enfant terrible der guten Tat" nannte ihn darob die deutsche Tageszeitung Die Welt, für Jeffrey Eugenides ist er der "Bono der Literatur".
Noch was? Ja: Eggers ist erfolgreicher Schriftsteller. In seinem ersten Kracher "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" (2000) verarbeitete er den Krebstod seiner Eltern und die Jahre als Erziehungsberechtigter für seinen jüngeren Bruder. Seine letzten zwei Veröffentlichungen sind dem Bereich des dokumentarischen Romans zuzuordnen.
In "Weit gegangen" (2006) erzählte er das Leben eines sudanesischen Flüchtlingsjungen, in "Zeitoun" (2011) beschrieb er das Schicksal eines aus Syrien stammenden US-Amerikaners, der im Chaos nach den Ereignissen des Hurrikans Katrina inhaftiert wird. Die Berliner Zeitung sah hier das Niveau von Truman Capotes Rechercheroman "Kaltblütig" erreicht.
"Ein Hologramm für den König" erinnerte den Rezensenten der New York Times an einen anderen US-Schriftsteller: an Norman Mailer, der speziell in den 1960er-Jahren den Zustand der amerikanischen Gesellschaft präzisen Beschreibungen unterzog. Die Handlung von Eggers Roman spielt sich zur Gänze in Saudi-Arabien ab, dennoch zielt das Thema Globalisierung mitten ins Herz der maladen US-amerikanischen Gesellschaft.

Alan Clay steht, kämpft, trinkt und verzweifelt stellvertretend für die Mittelklasse, der die Globalisierung in den letzten Jahren peu à peu die Basis ihrer Existenz entzogen hat: ihre Arbeitsplätze und, als Folge davon, ihre Häuser. Doch Eggers schildert diesen Prozess der Globalisierung differenziert: So lässt er in der Vorgeschichte seines Helden diesen quasi zum Mittäter für diesen Niedergang werden.
Nach ersten Arbeitsjahren als Vertreter hat Clay in einer Managementposition bei einem traditionellen amerikanischen Hersteller für Fahrräder die Entlassung von 1200 Arbeitern und die Verlegung der Produktion zuerst nach Osteuropa und dann nach China zu verantworten. Die Stückkosten müssen runter! Die Firma geht dann trotzdem pleite, und Eggers lässt Clay davon träumen, wieder eine Firma für Fahrräder in den USA zu gründen, solide gebaute, verlässliche Dinger.

Der ganzen New Economy und IT-Branche scheinen sowohl Clay als auch sein Schöpfer Eggers – der Schriftsteller besitzt zu Hause keinen Internetzugang und keinen Kabelanschluss – eher skeptisch gegenüberzustehen. Die in ferner Zukunft zu realisierende King Abdullah Economic City scheint über weite Strecken des Buches ähnlich nah an einer Fata Morgana zu sein wie der nicht erscheinende König und auch wie das Produkt, das Clay verkaufen möchte – holografische Projektionen.
Clays Mitarbeiter sind jung, immer freundlich und funktionieren perfekt. Clay selbst, in einem Alter, in dem die Gebrechen einsetzen "wie Regen", hat schon diverse Funktionsstörungen: Er verschläft oft und in seinem Nacken hat sich eine Beule gebildet. Dank Ersterem lernt Clay den Einheimischen Yousef kennen, der ihn in seinem Privatauto wiederholt in die KAEC fährt, dank Letzterem die einheimische Ärztin Zahra, die ihm die Geschwulst entfernt. Mit Yousef unternimmt Clay eine Landpartie, mit Zahra den Versuch, geschlechtlich zu verkehren. Beide Aktionen enden in einem Teildesaster.
"Der Roman und die literarische Reportage sind immer noch der beste Weg zu Empathie und Verstehen", so Eggers in einem Interview. In "Ein Hologramm für den König" lässt der sich als "pragmatischer Idealist" bezeichnende Schriftsteller den Leser an den Leiden des spätmittelalten Mittelklassemannes teilnehmen, so wie er die Schattenseiten der Globalisierung verständlich macht. Das Rad der Zeit wird sich dadurch aber nicht zurückdrehen lassen.

Stefan Ender in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 17)


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