Der Lärm der Zeit
Roman

von Julian Barnes

€ 20,60
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Übersetzung: Gertraude Krueger
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten Seiten
Erscheinungsdatum: 16.02.2017

Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.
Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?
Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage der Integrität stellt und traurige Aktualität genießt. Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter »Flauberts Papagei«, »Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln«, »Lebensstufen«. Für seinen Roman »Vom Ende einer Geschichte« wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet und 2016 mit dem Siegfried-Lenz-Preis für sein Gesamtwerk. Julian Barnes lebt in London.

Rezension aus FALTER 8/2017

Denkmal für einen genialen Feigling

Der Brite Julian Barnes macht den russischen Jahrhundertkomponisten Dmitri Schostakowitsch zum Helden seines jüngsten Romans

Rund 40 Jahre nach seinem Tod ist dem russischen Pianisten und Komponisten Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) ein erstaunliches Comeback als Romanheld vergönnt. Sarah Quigley widmete ihm einen mitteldicken Roman („Der Dirigent“), William „Dürfen’s ein paar tausend Seiten mehr sein?“ Vollman die Schwarte „Europe Central“, und nun hat auch Julian Barnes einen „Schosti“-Roman vorgelegt, in dem der Komponist bei seiner Ankunft in LaGuardia von US-Journalisten respektlos mit Fragen à la „Hey, Schosti, sind dir Blondinen oder Brünette lieber?“ empfangen wird.
Diese Episode aus dem Jahr 1949 ist „Im Flugzeug“ übertitelt (die anderen beiden, „Auf der Treppe“ und „Im Auto“, spielen 1936 bzw. in der Chruschtschow-Ära). Sie handelt von einer US-Reise, zu der Schostakowitsch von Stalin persönlich gezwungen wird, um zu helfen, das Image der Sowjet­union aufzupolieren. Für den auch noch flugangstgeplagten Künstler geht sie freilich vollkommen in die Hose, und die Schraube aus Erniedrigung und Selbstverachtung bohrt sich gleich noch um ein paar Windungen weiter in dessen Gewissen. Im Rahmen einer Pressekonferenz wird er von Nicolas Nabokov, der zwei Jahre später Generalsekretär des CIA-finanzierten Congress for Cultural Freedom wird und ein Cousin des bekannten Schriftstellers ist, rhetorisch auseinandergenommen, erniedrigt und zur Selbst­denunziation genötigt.
Schostakowitsch verteidigt die stalinistischen Maßnahmen und sieht sich gezwungen, ausgerechnet Andrei Schdanow zuzustimmen, der mit seinem Hass auf alle nonkonformistische Kunst nicht nur Pasternak und die Achmatowa, sondern eben auch Schostakowitsch verfolgte.
Es ist dies das zweite „Gespräch mit der Macht“, das der Komponist in Barnes’ Roman führen muss. Das erste hat zwölf Jahre zuvor stattgefunden, nachdem der 30-jährige Komponist mit seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ in Ungnade gefallen war. Diese war 1934 erfolgreich uraufgeführt und umjubelt worden. Zwei Jahre später, nachdem Stalin persönlich einer Aufführung beigewohnt hatte, galt sie plötzlich als „formalistisch“, „kleinbürgerlich“ und „linksabweichlerisch“ – „Chaos statt Musik“, wie die Prawda in ihrer Schlagzeile festhielt.

Barocke Erzählfreude zählt nicht eben zu den herausragenden Eigenschaften des Schriftstellers Julian Barnes. Er, der 1984 mit dem Roman „Flauberts Papagei“ einen Meilenstein literarischer Metareflexion vorgelegt hat, bleibt auch als Romancier stets der brillante Essayist, der er auch ist: ironisch und skeptisch, diskret, aber insistent. Das Letzte, was ihm einfiele, wäre, den Stab über Schostakowitsch zu brechen und die moralische Summe eines Künstlerlebens zu ziehen, das von Angst, Repression und Verrat geprägt war wie wenige andere.
Mit „Der Lärm der Zeit“ ist Barnes ein zugleich elegantes, dreistes und krudes Kunststück gelungen. Im Grunde genommen handelt es sich bei diesem Roman, der es im englischen, recht großzügig gedruckten Original auf gerade einmal 180 Seiten bringt, um eine verhackstückte Schosti-Bio. Aus der üppigen Literatur über den Komponisten hat sich Barnes genommen, was er braucht. Manches von dem, was er eingearbeitet hat – etwa Schostakowitschs tiefe Verachtung für die hirn-, rückgrat- und risikolose prosowjetische Haltung von „Humanisten“ wie den Schriftstellern George Bernard Shaw, Lion Feuchtwanger oder André Malraux – findet sich zum Teil wortident in den von Solomon Wolkow herausgegebenen „Memoiren des Dmitri Schostakowitsch“. Auch das Telefonat, in dem Stalin „in seiner unerträglich quengeligen Art“ (so die „Memoiren“) Schostakowtisch wegen seiner Widerstände bezüglich der US-Reise ausfratschelt, hat Eingang in den Roman gefunden.

Die unverfrorene Rafinesse des Julian Barnes besteht darin, dass er sich in den Kopf des Komponisten versetzt und vorgibt, strikt aus dessen Perspektive zu erzählen, die unerlässlichen Informationen, die einem in erlebter Rede eben nicht durch die Rübe rauschen, aber ungeniert als Häppchen dazwischenstreut. Wo die Gedanken von Schostakowitsch in jene des Autors übergehen, ist keineswegs immer zweifelsfrei auszumachen.
Barnes schreckt vor Psychologisierung nicht zurück: Schostakowitschs Verhältnis zu dessen dominanter Mutter oder zu den Frauen ganz generell wird durchaus thematisiert. Hatte der Komponist seine Schüchternheit einmal überwunden, dann schwankte er, in der Theorie ein Vertreter der „freien Liebe“, gegenüber den Begehrten „zwischen unsinniger Begeisterung und taumelnder Verzweiflung“.
Das Interesse des Romans liegt allerdings nicht primär darin, uns seinen Protagonisten zu erklären, ihn zu heroisieren, und schon gar nicht darin, ihn zu entlarven, sondern in der Darstellung des Verhältnisses nicht einmal so sehr des Künstlers als des Individuums zur Macht.
„Der Lärm der Zeit“ betreibt – und darin besteht sein eminentes politisches Ethos – die Kartografie einer Unzumutbarkeit. Wer von den Mühlen des Totalitarismus kleingeschreddert wird, der hat unsere Empathie verdient, nicht aber unsere moralische Herablassung.
An einer Stelle vergleicht Barnes im Kopf von Schosti das Gewissen mit der eigenen Zunge, „die die Zähne nach Löchern absucht, Bereiche von Schwachheit, Falschheit, Feigheit und Selbstbetrug aufspürt“. Wer den Schaden hat, spottet bekanntlich jeder Beschreibung, wer sich vor Stalin „in die Hose macht“ – und diese wiederholt verwendete Phrase ist keineswegs nur als Redewendung gemeint –, kriegt zur Angst auch gleich noch die Selbstverachtung dazugepackt.
„Er konnte nicht mit sich leben“, auch das ist, wie es einmal heißt, „nur eine Redensart, aber sie traf es genau. Unter dem Druck der Macht zerbricht und zerfällt die Persönlichkeit. Der öffentliche Feigling lebt mit dem privaten Helden. Oder umgekehrt. Oder häufiger noch, der öffentliche Feigling lebt mit dem privaten Feigling.“
Selbst selten um ein Bonmot verlegen, kehrt der Roman eines von „Karlo-Marlo“, wie Marx wiederholt schnippisch genannt wird, gegen diesen: „Die Geschichte wiederholt sich: erst als Farce, dann als Tragödie.“

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2017 vom 24.02.2017 (S. 32)


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