Die blaue Gitarre
Roman

von John Banville

€ 22,70
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Übersetzung: Christa Schuenke
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.09.2017


Rezension aus FALTER 41/2017

Der Maler, der Dieb, sein Freund und dessen Frau

Anspielungs-, assoziations- und alliterationsreich erzählt John Banville vom steilen Abstieg des Künstlers Oliver Otway Orme

Der erste Satz ist bezeichnend: Nennt mich Autolykos. Da ist die Anspielung auf den Beginn von Herman Melvilles „Moby Dick“, und da ist Autolykos, der Meisterdieb der griechischen Mythologie – wir haben es mit einem verdammt gebildeten Erzähler zu tun. Dabei befleißigt sich dieser Oliver Orme einer forciert umgangssprachlichen Ausdrucksweise, die der Übersetzerin einiges an volkstümlichen Verrenkungen abverlangt.
Oliver Otway Orme war einmal berühmt: ein Maler, der den Kunstmarkt beherrschte. Als „O O O“ pflegte er seine Gemälde zu signieren, offenbar vage gegenständliche Arbeiten, deren Hervorbringung ihm von einem Tag auf den anderen unmöglich wird. Ihm bleibt seine zweite Leidenschaft: Oliver ist Kleptomane. Von Kindesbeinen an betreibt er den Diebstahl als Kunst und erotisches Geschäft. Ihm geht es nicht um Bereicherung, sondern um Kreativität, mehr noch: um Verwandlung des Objekts im Sinne einer Transsubstantiation.

Der Anlass für Olivers Herzensergüsse verdankt sich allerdings dessen dritter Leidenschaft, den Frauen. Olly hat sich in die Frau seines besten Freundes Marcus verliebt, die er seit Jahren kennt: die junge Polly Pettit. (Banville frönt hier ganz ungeniert seiner Schwäche für Alliterationen.) Es geschah beim Jahresdinner der Uhrmacherinnung und beruhte blitzartig auf Gegenseitigkeit. Neun Monate brodelt die Affäre im Geheimen, unbemerkt auch von Olivers schöner Gattin Gloria. Schließlich kommt die Sache ans Licht und Oliver flüchtet vor seinem Freund, dem schüchternen Uhrmacher, vor der allzeit beherrschten, glorreichen Gloria und nicht zuletzt vor Pollys vulkanischer Liebeskraft ins einstige Elternhaus, wo er schreibend reinen Tisch macht.
Im Original nennt sich der Erzähler einmal irrtümlich „painster“ statt „painter“, und wahrlich, hier entblößt sich ein Schmerzensmann, ein Jammerlappen, der sich an der eigenen Jämmerlichkeit auch noch weidet. Rothaarig, dick und kurzbeinig punktet Oliver bei den Frauen offenbar durch eine Aura genialischer Potenz, die durch die Realität längst nicht mehr gedeckt ist.
Olivers Unglück begann mit dem Tod seiner kleinen Tochter und mündet in ein Scheitern von niederschmetternder Totalität: als Künstler, Freund, Ehemann – und schließlich als Liebhaber. Banville gewährt seinem Helden eine gute Portion Selbstironie und einen bärbeißigen Witz, und Olivers Hang zum Katastrophischen aktiviert mitunter unser Mitgefühl, wirklich nahe rückt er uns nicht. Eine Erklärung liefert er selbst: „Trauer ist, genau wie Schmerz, nur dann real, wenn man sie selbst durchlebt.“ Im Roman leidet der Held gleichsam ersatzweise für den Leser. „Doch der Schmerz nötigt zur Eloquenz.“ Man könnte hier auch sagen: zur Geschwätzigkeit.
Im Gedächtnis bleiben dennoch grandiose Szenen menschlicher Unzulänglichkeit, etwa als der betrogene Ehemann, der Verdacht geschöpft hat, just bei seinem Freund Oliver Trost sucht. Am Ende gruppiert sich die eheliche Viererbande zu neuen und tragischen Konstellationen. Ein leicht vertrottelt wirkender Aristokrat deutscher Abstammung erweist sich als Glückspilz.

Viel mehr als die Story interessiert Banville freilich die Frage nach der Macht der Dinge, nach ihrem zähen Eigenleben, ihrer Aufdringlichkeit. Sie hat dem Maler das Malen ausgetrieben, gegen sie lehnt der Dieb sich auf. Auch beim Entwenden der fremden Ehefrau war es ihm um die Verwandlung der Welt zu tun, um den Funken der Begeisterung. Oliver liebt aus ästhetischen Gründen, deshalb ist seine Liebe nicht haltbar.
Im bizarr heruntergekommenen Herrenhaus von Pollys Familie stiehlt Oliver einen Gedichtband. Autor und Titel werden nicht genannt, aber der Hausherr zitiert aus Rilkes neunter Duineser Elegie, die die Hingabe an das Irdische beschwört. Am Ende bleibt Oliver mit dem altersschwachen Hund der Familie übrig, das passende Resümee für eine lächerliche Existenz. „Aber dieses / ein Mal gewesen sein, wenn auch nur ein Mal: / irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.“

Daniela Strigl in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 14)


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