Sechs Koffer
Roman

von Maxim Biller

€ 19,60
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.08.2018


Rezension aus FALTER 32/2018

Wer hat Opa denunziert?

Maxim Biller hat sich mit dem Familienroman „Sechs Koffer“ durch Understatement selbst übertroffen

Seit fast 30 Jahren gibt Maxim Biller den Provokateur des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Er lässt kaum eine Gelegenheit ungenutzt, einzelne Kollegen (Schwachmaten), die deutsche Literatur an sich (ereignisarm, uninteressant) oder überhaupt die Deutschen (vermutlich ja doch alle Nazis) zu beleidigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass sein eigenes Werk fast hinter dem Kritiker und der öffentlichen Figur Biller zu verschwinden droht.

Jüngst führte er in einer schönen und reflektierten poetologischen Rede aus, woran das noch liegen könnte – an seinem jüdischen Widerspruchsgeist, „der natürlich auch aus dem Traum von einer besseren, klügeren, sprich antiantisemitischen Welt erwächst“. Er beendete die Ausführungen, die ungewohnt selbstkritische Töne enthielten, mit dem Wunschbild, irgendwann ein deutscher Philip Roth zu werden, der mit ebenjenem Widerspruchsgeist „ein Lächeln in die Gesichter und Herzen meiner deutschen Leser bringt und nicht Wut und Panik“.

Vielleicht ist der Zeitpunkt nun schon gekommen. Sein neuer Roman „Sechs Koffer“ entpuppt sich als großer, berührender und stellenweise auch witziger Familienroman über Liebe und Verrat. Dabei ist er mit gerade einmal 200 Seiten in höchst erfreulichem Maße konzentriert. Er beschränkt sich auf einige wenige Momente in der Geschichte einer jüdischen Familie, die es von Russland über Prag nach Hamburg und in die Schweiz sowie nach Brasilien verschlagen hat.

Es beginnt mit dem Großvater, der als Schmuggler in der Sowjetunion gutes Geld verdiente, bis er denunziert und daraufhin hingerichtet wurde. Hat ihn gar jemand aus dem Kreis seiner Familie verraten? Es könnte einer seiner vier Söhne gewesen sein oder eine Schwiegertochter. Die Frage überschattet über Jahrzehnte alle Beziehungen innerhalb der Familie, fast jeder verdächtigt jeden, obwohl nicht über die Angelegenheit gesprochen wird. Zumindest nicht mit dem Enkel. Dieser macht es sich nun zur Aufgabe, endlich die Wahrheit herauszufinden.

Es ist die Geschichte seiner eigenen Familie, die Biller erzählt. Und auch wieder nicht, denn eine schnöde Autobiografie darf man sich von ihm nicht erwarten. Es verhält sich vielmehr so, dass er seit langem obsessiv immer neue, nur zum Teil mit der Realität übereinstimmende Fiktionen über die Seinen ersinnt. „Sechs Koffer“ ist schon das dritte Werk, in dem seine Familie auftritt. Jedes Mal in etwas anderer Form: In der frühen Erzählung „Ein trauriger Sohn für Pollock“ war der Vater ein Bösewicht, in dem ausufernden Roman „Biografie“ (2016) zuletzt ein Held.

Diesmal ist Vater Biller eine eher kummervolle Gestalt. Er hat an den Launen und Depressionen seiner Frau zu leiden. Eigentlich wollte er eine andere, aber die hat dann doch lieber den Tölpelhaften seiner drei Brüder geheiratet. Was freilich auch nicht lange hielt. Verworrene Verhältnisse, die nur für weitere Verdächtigungen und Schuldzuweisungen sorgen. Ein anderer, in der Schweiz lebender Bruder vermeidet überhaupt jeden Kontakt zum Rest der Familie – ob aus Schuldgefühl, Ekel oder Habgier, auch darüber scheiden sich die Geister.

Dieser Roman ist, anders als im Klappentext vermerkt, kein Krimi. Bis zum Ende wird das Geheimnis nicht restlos gelüftet und kein Übeltäter überführt. Biller spielt nur mit der Form des Kriminalromans, ebenso wie mit jener des autobiografischen Romans. „Sechs Koffer“ ist die traurige Geschichte einer Familie, deren Mitglieder von Hitler und Stalin ihrer Heimat beraubt wurden und in der Folge stets rastlos Suchende mit wechselnden Wohnorten blieben.

Wohltuend ist, wie sehr sich der Autor nach dem fulminanten, doch aufgrund seiner Überdrehtheit nur schwer lesbaren Roman „Biografie“ diesmal stilistisch zurückhält. „Sechs Koffer“ verzichtet auch auf Übertreibungen, Provokationen und zwanghafte Witzeleien, die die Geschmacksgrenzen der Leserschaft austesten. Es ist das Werk eines gereiften Autors, der es nicht mehr nötig hat, sich über andere zu erheben. Biller ist groß genug. Soll er ruhig der deutsche Philip Roth werden.

Sebastian Fasthuber in FALTER 32/2018 vom 10.08.2018 (S. 29)


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