Das Leben des Vernon Subutex 3
Roman

von Virginie Despentes

€ 22,70
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Übersetzung: Claudia Steinitz
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.09.2018

Rezension aus FALTER 37/2018

Der düstere Groove der Utopie

Virginie Despentes erzählt in „Das Leben des Vernon Subutex“ das Scheitern eines Plattenhändlers. Der Autorin gelingt ein Epos über eine zerbrechende Gesellschaft. Nun liegt der Abschluss dieser furiosen Trilogie auf Deutsch vor

Ein bisschen ist es wie bei „Harry Potter“. Man weiß, dass es gut ausgeht: Der harmlose Knabe mit der runden Brille bricht die Macht des Bösen und sorgt dafür, dass die Liebe über den Hass triumphiert. Das ändert aber nichts am Lesegenuss, allen Abzweigungen und Längen zum Trotz. Für „Das Leben des Vernon Subutex“ gilt Ähnliches – nur unter gänzlich anderen Vorzeichen.

Auch Vernon Subutex war einst ein Zauberer. Sein magischer Ort hieß nicht Hogwarts, sondern Revolver. Dieser Pariser Szeneplattenladen machte den Betreiber selbst zu einem kleinen Popstar. Doch das ist lange her, das Internet hat sein kulturelles Kapital als wandelndes Musiklexikon pulverisiert, die Downloadkultur machte seinem Laden den Garaus.

Früher war Subutex – sein Pseudonym ist dem Namen eines Drogen-Substituts entlehnt – dem ausschweifenden Leben des Sex, Drugs & Rock’n’Roll stark zugetan, für Kinder oder längerfristige Beziehungen blieb in dieser Feier des Moments kein Platz. Dann aber kam die Pleite, und irgendwann funktioniert das Prinzip Durchwurschteln nicht mehr: Subutex landet auf der Straße, doch das Ende seines bisherigen Lebens ist – wundersam und sonderbar – der Beginn für etwas Neues.

Virginie Despentes hat die Geschichte dieser fiktiven Figur aufgeschrieben und damit einen ganz konkreten Text zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen geschaffen. Teil eins ist im französischen Original 2015 erschienen, er wurde euphorisch rezensiert und geriet wie seine Nachfolger zum Bestseller. Nun liegt auch der abschließende dritte Teil auf Deutsch vor, der mit Abstand düsterste der Reihe.

Bekannt wurde Virginie Despentes mit Mitte 20 durch den Sex-und-Gewalt-Aufreger „Baise-moi“ (Deutsch: „Fick mich!“), bei der Verfilmung führte sie später selbst Regie. Auch „Das Leben des Vernon Subutex“ ist laut und direkt, Sex und Gewalt sind zumindest in Nebenrollen präsent. Doch die Geschichte ist ganz anders gestimmt, kaum auf Skandal und Krawall gebürstet.

Die 49-jährige Französin beschreibt über den Ex-Plattenhändler und diverse Szenemenschen der 1980er- und 90er-Jahre treffsicher allgemeine Befindlichkeiten und die Erosion der Mittelschicht. Sie erzählt von geplatzten Träumen, Abstiegsängsten und faschistischer Gewalt auf der Straße, vom Älter-, Schwächer- und Verletzlicherwerden, von Sehnsüchten und der heilenden Kraft der Musik. Ihre von Claudia Steinitz exzellent ins Deutsche übertragene Sprache ist reduziert und intensiv. „Jetzt vögelt Vernon weniger als ein Ehemann“, viel länger müssen die Sätze hier nicht sein. Oder, noch knapper: „Internet ist Krieg.“

Ort der Handlung ist Paris, die meisten Akteure sind aus unterschiedlichen Gründen desillusionierte Großstädter Ende 40, Anfang 50. Doch bei aller Härte und Lebensnähe trägt „Das Leben des Vernon Subutex“ teils märchenhafte Züge. Das Personal ist üppig und beinahe kurios divers; selbst hanebüchene Wendungen wirken im Gesamtkontext irgendwie plausibel; das fein austarierte Wechselspiel zwischen enormem Drive und Auf-dem-Fleck-Treten dient der Gesamtdramaturgie; an Botschaften herrscht kein Mangel.

Antikapitalistisch und religionsskeptisch ist der Tenor dieser ungemein unterhaltsamen und letztlich doch furchtbar bedrückenden Geschichte. Der defätistischen Grundstimmung steht ein utopisches Hoffen gegenüber, aus dem auch tatsächlich ein Handeln erwachsen kann. Wirklich gut geht es trotzdem nicht aus, vorsichtig formuliert. Das zu verraten spoilert nichts, die Weichen sind ja schon zu Beginn entsprechend gestellt, als Subutex seine Wohnung verliert. Aus dem sozialen Leben hatte sich dieser Antiheld da längst ausgeklinkt und seine persönlichen Bedürfnisse auf ein Minimum reduziert.

Eine Weile hielt er sich noch über Wasser, verkaufte die eigene Plattensammlung über das Internet und bekam in entscheidenden Momenten finanzielle Unterstützung von Alex Bleach, einem Rockstar, der bereits als Teenager Stammgast im Revolver war. Bleach aber starb an einer Überdosis. Alles, was Subutex bleibt, sind Videobänder, die der Musiker in einem illuminierten nächtlichen Monolog als sein Vermächtnis aufgenommen hatte – und die er bei der Räumung auch als Einziges aus der Wohnung mitnimmt.

„Sein Handyabo ist abgelaufen, er macht sich keinen Kopf mehr über Flatrates“ wird er ganz zu Beginn vorgestellt. „Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es wie in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu. Aber Vernon hat weder die Gleichgültigkeit noch die Eleganz aufzugeben.“

Letztlich hat er sie doch, Subutex landet als Obdachloser im Park Buttes-Chaumont. Davor klappert er noch diverse Freunde und Bekannte aus seinem früheren Leben ab. Niemandem erzählt er die Wahrheit, dafür erfährt er einiges über die Biografien von Menschen, die einst ihr subkulturelles Interesse verbunden hatte. Er trifft die verspießerte Exbassistin einer Indierockband, den reaktionären Drehbuchschreiber mit Vergangenheit, aber ohne Zukunft und Alex Bleachs Exfreundin. Vorübergehend landet er als DJ in der illustren Loft-Kommune des Super-Yuppies Kiko und wird von einer Journalistin aufgenommen, die an einem Buch über den verstorbenen Sänger arbeitet.

Eine Parallelhandlung um einen durchtriebenen Filmproduzenten führt ebenfalls mit viel Empathie gezeichnetes Bonus-Personal ein: den aufgeweckten ehemaligen Pornostar Pamela Kant etwa, ihre tote Kollegin, deren zum Islam konvertierte Tochter oder eine toughe lesbische Privatdetektivin ohne Lizenz und Moral, aber mit Prinzipien, spezialisiert auf Sauereien aller Art, Rufmord in sozialen Medien inklusive. Von der abgebrühten Handlangerin des Bösen wandelt sich diese Frau – Rufname: „die Hyäne“ – im weiteren Verlauf zur Sympathieträgerin.

Formal gleicht „Das Leben des Vernon Subutex“ der Erzählform aktueller TV-Serien, die je nach Episode unterschiedliche Aspekte und Akteure in den Fokus rücken, immer wieder Brüche setzen und je nach Bedarf das Tempo variieren, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Kaum verwunderlich also, dass der Stoff derzeit als Serie verfilmt wird.

Politische Korrektheit ist Despentes’ Sache nicht, die antifeministische Wutrede tönt bei ihr ähnlich eindrucksvoll wie feministischer Furor oder genereller Welt-
ekel zwischendurch. Verzogene Bobo-Fratzen kann der ebenso treffen wie heiratswillige Lesben: „Adoption, künstliche Befruchtung, Ehe – ich bin gegen alles für alle. Ich bin für die Sterilisierung der Weltbevölkerung in der Pubertät. Wir sind sieben Milliarden. Findest du nicht, das reicht? Man muss das Wachstum dringend verlangsamen. Ich sehe die Leute mit ihren Kinderwagen, sehe ihnen ins Gesicht und frage mich: Warum? Was denkt ihr, dass ihr da macht, wenn ihr euch fortpflanzt? Niemand braucht eure idiotischen Gene, hört auf mit diesem Größenwahn. Malt Bilder, wenn ihr euch beschäftigen wollt. Aber nervt uns nicht mit eurem Nachwuchs.“

Besticht der mit vielen popkulturellen Referenzen versehene erste Teil durch Drive und Intensität, nimmt der zweite das Tempo heraus und sorgt für mehr Farben und Facetten. Die Figuren werden näher beleuchtet, ihre Biografien erzählt, neue Akteure kommen dazu. Farblos bleibt niemand, die Perspektive wechselt rasant. Subutex, knapp dem Grippetod auf der Straße entronnen, schließt mit dem Trankler Charles Freundschaft und führt ein Eremitendasein im Park. Gleichzeitig bildet sich ein Suchtrupp, um ihm zu helfen, aber auch, um das Geheimnis der Selbstinterview-Videos des verstorbenen Rockstars zu lüften.

Der Inhalt von Alex Bleachs ungewöhnlichem Testament erweitert die biografische Abstiegserzählung und die beinahe soziologischen Gesellschaftsbeobachtungen um eine Kriminal- und Rachegeschichte. Derweil mutiert Subutex in seiner antimaterialistischen Genügsamkeit wider Willen zu einer Art Guru, dessen Fähigkeiten als DJ ihn zu einem modernen Schamanen machen. Er hat das perfekte Gespür für Stimmungen und Songabfolgen, ganz ohne Drogeneinsatz schafft er kollektive Rauschzustände.

Der Park, in dem er zur Irritation seiner alten Freunde keineswegs unglücklich lebt, entwickelt sich zur urbanen Pilgerstätte, aus der schließlich das Neo-Hippie-Idyll eines Nomadendaseins auf dem Land erwächst. Höhepunkt des kargen Lebens ist die monatliche Party, eine mysteriös-mythische Veranstaltung namens „Convergence“, die im Tanz utopische Momente von Gleichheit, Glück und beseelter Zufriedenheit schafft. Das Experiment scheitert im dritten Teil, der ereignisarm beginnt, dann aber Fahrt aufnimmt. Ein überraschendes Erbe führt zu Missgunst und dem Ende des Aussteiger-Experiments.

Subutex geht – außerhalb seiner Community mäßig erfolgreich – als DJ auf Tournee und tritt zusehends in den Hintergrund, während die anderen Handlungsstränge intensiver verfolgt werden. 2015 ereignen sich die Pariser Anschläge, bald darauf stirbt David Bowie. Die Subutex-Gruppe findet wieder zusammen, doch die Wunden haben Narben hinterlassen. Und dann kommt es noch einmal spektakulär anders: Jenes teils diffuse, teils ganz konkrete Unbehagen, das den gesamten letzten Band durchzieht, mündet in der Apokalypse.

Diverse Wendungen legen die Vermutung nahe, dass der Verlauf und vor allem das Ende noch offen waren, als der Auftakt erschienen ist. So mag man den finalen Kunstgriff als allzu verstiegen abtun, man kann ihn aber ebenso gut als genialen Wuchtverstärker lesen.

Abgebrühte Zynikerin ist Virginie Despentes jedenfalls keine, sie lächelt nicht, wenn alles in Scherben liegt. Es könnte auch ganz anders laufen, aber ihr versemmelt es ja doch, sagt sie vielmehr mit kühlem, aber traurigem Blick. Und sie meint damit keineswegs nur Vernon Subutex und seine illustre Gang.

Gerhard Stöger in FALTER 37/2018 vom 14.09.2018 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Leben des Vernon Subutex 2 (Virginie Despentes, Claudia Steinitz)
Das Leben des Vernon Subutex 1 (Virginie Despentes, Claudia Steinitz)

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