Die einzige Geschichte
Roman

von Julian Barnes

€ 22,70
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Übersetzung: Gertraude Krueger
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.02.2019

Rezension aus FALTER 7/2019

Wie viel Leiden erträgt eine Liebe?

Mit seinem jüngsten Roman erweist sich der Brite Julian Barnes als unerbittlicher Anatom der Liebe

Die Frage, in welchen Regionen und Epochen sich das erotische Interesse von Gymnasiasten eher auf die Schwestern oder auf die Mütter der Schulfreunde fokussiert, wäre ein schönes Thema für eine Habilitation. Die jüngere anglophone Literatur scheint eher für die zweite Option zu votieren. Vor fünf Jahren hatte der Ire John Banville „Im Lichte der Vergangenheit“ seinem 15-jährigen Protagonisten eine Affäre mit einer um 20 Jahre älteren Frau vergönnt, nun zieht sein britischer Kollege Julian Barnes mit „Die einzige Geschichte“ nach und vergrößert den Altersabstand noch einmal um ein knappes Jahrzehnt.

Beide Autoren lassen ihre Protagonisten aus großer Distanz, vom anderen Ende des Lebens her erzählen; beiden geht es um das Verhältnis von Erinnerung und Wahrheit; beide vermeiden die Connaisseurhaftigkeit des Pikanten, beschreiben also keine „Affäre“, sondern suchen stattdessen der Einzigartigkeit einer Beziehung gerecht zu werden: „Eins darfst du nie vergessen, junger Herr Paul“, ermahnt Susan bei Barnes in gespielter mütterlicher Herablassung ihren Liebhaber, „jeder Mensch hat seine Liebesgeschichte. Jeder. (…) Es ist die einzige Geschichte.“

Anlass dieser Zurechtweisung ist ein gemeinsamer Besuch bei Susans Freundin Joan, die sich nach einer katastrophal verlaufenen Liebesgeschichte längst in ein Leben mit Hund, Zigaretten, Kreuzworträtseln und billigem Gin aus der Teetasse zurückgezogen hat. Apropos Kreuzworträtsel: In der Kleinstadt, wo die Geschichte ihren Ausgang nimmt, scheint Susan die einzige zu sein, die keine Kreuzworträtsel löst. Sie ist auch definitiv keine Caroline, also jener Typ Frau, der gemeinhin am Tennisplatz anzutreffen ist und sich dort an die Hugos hält: „bei den Hugos wussten sie eher, woran sie waren“.

Es sind solche Beobachtungen und ironisch kommentierten Details, mit denen Barnes in meisterlicher Manier die Atmosphäre eines spießigen und verklemmten Nachkriegsengland evoziert, in dem man in die Hauptstadt fahren muss, um an Verhütungsmittel zu kommen, oder per Briefschreiben aus dem Tennisklub ausgeschlossen wird, sobald das außereheliche Verhältnis ruchbar wird – zum Ärger des Protagonisten aber dennoch ignoriert wird: „Wozu sollte man sich skandalös aufführen und wie sollte man Spaß daran haben, wenn das Village sich nicht empören wollte, oder nur hinter geschlossenen Türen?“

Auch der Gatte von Susan, Mr. Mcleod scheint Paul zunächst ganz arglos nur als Tennispartner, Chauffeur und Konzertbegleiter seiner Frau wahrzunehmen. Von den Töchtern, „Miss G und Miss NS. Miss Grantig und Miss Nicht So (grantig)“, die naturgemäß in seinem Alter sind, wird Paul mit geteiltem Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Spätestens in dem Moment, in dem er Susan ganz schnell und ohne ihr ins Gesicht sehen zu dürfen zum Arzt nach London fahren muss, erweist sich freilich der gehörnte Ehemann nicht nur als biertrinkender, frühlingszwiebelkauender Ungustl, sondern als gewalttätiger Alkoholiker – was Paul insofern überrascht, als er dergleichen bislang für ein Unterschichtenphänomen gehalten hatte. Von daheim kennt er nur Bissigkeit und Ironie, aber: „We didn’t do anger in my family“ (die Übersetzung wird der subtilen Ironie des Originals hier leider nicht gerecht: „In meiner Familie gab es keinen Zorn“).

Wir sind an dieser Stelle gerade einmal zu Beginn des zweiten Drittels angelangt, und viel mehr soll auch nicht verraten werden. „Die einzige Geschichte“ – auf Deutsch als „Roman“ ausgewiesen, im Original ohne Genrebezeichnung – wird in der für den Autor typischen diskreten analytischen Unerbittlichkeit entfaltet.

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“ lautet die Eingangsfrage. Als ob man es in der Hand hätte! Das wäre die kurze Antwort. Aber kurze und vor allem endgültige Antworten sind Barnes’ und auch Pauls Sache nicht. In seinem Notizbuch notiert dieser Sätze über das Wesen der Liebe, die er durchstreicht, wenn sie sich als falsch erweisen und neu hineinschreibt, sobald er geneigt ist, die Negation zu negieren.

Das gestaltet die Lektüre des in drei Teile gegliederten, in der ersten, zweiten und dritten Person Einzahl erzählten Buches mitunter etwas unflüssig, zumal man bereits im Mittelteil dieses Triptychons das Gefühl hat, dass die todtraurige Geschichte bereits einigermaßen auserzählt ist, und neben Dingen, die man nicht unbedingt auch noch hätte erfahren müssen, auch solche nachgetragen werden, die bereits gesagt wurden.

Das verwundert doch ein wenig bei einem dermaßen gewissenhaften und auf Ökonomie bedachten Autor wie Julian Barnes – im Unterschied zum Umstand, dass die eingangs gestellte Frage unbeantwortet bleibt: „An einer Korrelation zwischen der Stärke des Gefühls und dem Ausmaß des Glücks ließen ihn seine eigenen Erfahrungen inzwischen zweifeln. Sonst könnte man auch sagen, je mehr man isst, desto besser ist die Verdauung.“

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2019 vom 15.02.2019 (S. 29)


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