SACHBUCH-BESTENLISTE Dezember 2018

Das Integrationsparadox
Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt

von Aladin El-Mafaalani

€ 15,50
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.08.2018

Rezension aus FALTER 49/2018

Zusammenwachsen dauert und tut weh

Gelungene Integration führt zu mehr Konflikten, und das ist gut so, meint Aladin El-Mafaalani

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dieser Prämisse werden wohl nicht alle zustimmen. Für jene, die sie akzeptieren, hält Aladin El-Mafaalanis Buch überraschende Argumente und Vorschläge bereit, die sich auch auf Österreich übertragen lassen. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass Integration zu mehr Harmonie führt – für El-Mafaalani ein Fehlschluss. Als Indiz für eine auf einem guten Weg befindliche Integration firmiert für ihn vielmehr das Gegenteil davon: Streit. Dabei befinden wir uns seiner Meinung nach in einer Phase, „in der wenig eindeutig ist, vieles differenziert wird, irgendwie alles anstrengend wirkt“. „Es sind anstrengende Aushandlungsprozesse, die kein Symptom von Spaltung, sondern im Gegenteil von einem Sichnäherkommen sind.“ Zusammenwachsen tut weh, lautet sein dazugehöriges Mantra.

Für diesen komplexen Prozess findet El-Mafaalani einfache Metaphern. Integration bedeutet für ihn, dass immer mehr Beteiligte zusammen an einem Tisch sitzen und partizipieren und mitgestalten wollen: Frauen, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit Migrationshintergrund, die El-Mafaalani lieber „international“ nennt, weil er damit bei seinen Schülern gute Erfahrungen gemacht hat. 1978 im Ruhrgebiet in eine syrische Familie geboren, war El-Mafaalani zunächst Lehrer, bevor er Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der Fachhochschule Münster wurde. Heute arbeitet er im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration.

Wenn er die Situation seiner Eltern mit seiner eigenen und der seiner Tochter vergleicht, erkennt er nur eines: Fortschritt. Wobei sich seine Tochter über Zurücksetzungen mehr beschwert als er selbst oder seine Eltern, die von der deutschen Gesellschaft wenig erwarteten. „Integration ist heute so gut, wie sie noch nie in der deutschen Geschichte war“, lautet seine Diagnose. Das führe allerdings nicht zu mehr Zufriedenheit, sondern zu mehr Forderungen.

Denn Diskriminierung wird paradoxerweise erst in dem Moment zum „Problem“, in dem es weniger Diskriminierung gibt. Und die Erwartungen steigen schneller, als die Realität sich verbessert. Als Pädagoge hält El-Mafaalani diesen Sachverhalt für eine ideale Situation, denn er dokumentiere Aktivität und Ambition und nicht Resignation und Ohnmacht.

Mit Karl Marx, Georg Simmel und Max Weber im Gepäck analysiert er die „offene Gesellschaft“ Deutschlands, die für ihn „noch nicht vollständig, aber weitgehend realisiert“ wurde. Trotzdem werden die Widerstände und Konflikte von den meisten stärker wahrgenommen als die positiven Entwicklungen. Dieser Fokussierung auf Bad News, die zu Widerständen und Trotzreaktionen wie einer Rückwendung zur „guten alten Zeit“ führt sowie zu Schließungstendenzen, die sich vor allem an Migranten „abarbeiten“, möchte sein Buch entgegenwirken.

Es macht geltend, wie stark die „Gastarbeiter“ seit den 1960er-Jahren die Alltagskultur veränderten, rekapituliert die Fehler der Integrationspolitik der Nachkriegszeit, vergleicht die Situation mit Japan, wo es de facto keine Einwanderung gibt, und stellt die Entwicklung in einen internationalen Kontext. Die offene Gesellschaft sei kein Paradies, betont El-Mafaalani, in dem alles für jeden bereitstünde, sondern ein Raum für Verhandlungen, an denen er mit seinem klugen, umsichtigen und leicht verständlichen Argumentarium für eine Streitkultur als Leitkultur und gegen das Unterdrücken von Konflikten selbst teilnimmt. Ein Gegengift zur grassierenden Panikmache.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 49/2018 vom 07.12.2018 (S. 18)


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