Blauwal der Erinnerung
Roman

von Tanja Maljartschuk

€ 22,70
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Übersetzung: Maria Weissenböck
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Verloren in den Fluten der Geschichte

Tanja Maljartschuks Generationenroman über die Leiden der ukrainischen Nation wird seinen Ansprüchen nicht gerecht

Die Frau kriegt keine Luft. Ihr wird übel, sie verliert das Gleichgewicht, hat Todesangst. „Das Ende kam tatsächlich, es kam als ,Herz im Hals‘“, beschreibt die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk in ihrem neuen Roman „Blauwal der Erinnerung“ die Panikattacken ihrer Ich-Erzählerin. Sie ist, wie die Bachmannpreisträgerin Maljartschuk selbst, eine junge ukrainische Schriftstellerin. Es geht ihr schlecht, sie kann nicht ins Freie gehen, ihr dritter Mann verlässt sie, er hält es nicht mehr aus.

Doch sie hat ohnehin einen anderen gefunden, der ihrem Leben Halt und Sinn gibt. Es ist Wjatscheslaw Kasymyrowytsch Lypynskyj, ein ukrainischer Historiker, Botschafter und Philosoph, der von 1882 bis 1931 gelebt hat. Im Laufe ihrer Archivrecherchen fühlt sich die Erzählerin immer stärker zu Lypynskyj hingezogen, studiert sein Leben, seinen Kampf für eine unabhängige Ukraine und sein Scheitern.

Lypynskyj wurde in eine polnische Familie im russischen Zarenreich geboren, Ukrainisch galt im ausgehenden 19. Jahrhundert noch als Dorfdialekt, von einer ukrainischen Nation wagte ohnehin kaum jemand zu sprechen. Lypynskyj war da anders. Schon in der Schule weist er seine Eltern zurecht, die ihn mit der polnischen Form seines Namens, Wacław, ansprechen. „Ich heiße Wjatscheslaw.“ Und gleich darauf: „Ich betrachte mich als Ukrainer.“

Der Einsatz für die Unabhängigkeit der Ukraine bestimmte sein ganzes Leben, nach dem traumatischen Erlebnis des Ersten Weltkriegs wurde sein Wunsch für kurze Zeit Wirklichkeit und Lypynskyj zum Botschafter des Staates, der 1919 auch schon wieder zu existieren aufhörte. Lypynskyj emigriert nach Österreich und hält sich oft in Wien auf. Auch er leidet unter Atemnot, erkrankt früh an Tuberkulose, nur Aufenthalte in frischer Bergluft verschaffen ihm Erleichterung.

Maljartschuk führt die Parallelen zwischen der historischen Hauptfigur und der Ich-Erzählerin aber noch weiter: Beide bleiben aufgrund ihrer körperlichen und psychischen Gebrechen in sich selbst gefangen; beide gehen Beziehungen ein, die schon von Anfang an Enttäuschungen und leidvolle Erfahrungen in sich bergen (Lypynskyjs polnische Frau ist den politischen Ambitionen ihres Gatten komplett abgeneigt); beide versinken in Depressionen.

Später gibt die Ich-Erzählerin auch Einblick in ihre eigene Familiengeschichte, so zum Beispiel in das Leben von Oma Sonja, die als Kind von ihrem Vater auf der Treppe eines Waisenhauses zurückgelassen wurde. Das war Anfang der 1930er-Jahre, als der „Holodomor“, die von Stalin willkürlich herbeigeführte Hungersnot, Millionen Ukrainern das Leben kostete. Zwischen den Geschichten der Protagonisten klafft die sowjetische Zeit wie eine Wunde, die sich nicht schließen will.

Der Tod ist still und allgegenwärtig in Maljartschuks Roman und wird in unaufgeregten Sätzen beschrieben, etwa als das Ende des Ersten Weltkriegs naht: „Jedes Mal, wenn der Zug zu stark beschleunigte oder eine scharfe Kurve machte, verlor einer auf dem Dach das Gleichgewicht und stürzte lautlos auf die Gleise, ohne irgendjemanden mit seinem Tod zu überraschen.“

Mit starken Bildern wie jenem der Atemnot verleiht Maljartschuk ihrem Roman eine gewisse Dringlichkeit. Anhand des Lebens von Wjatscheslaw Lypynskyj verhandelt sie Aspekte der europäischen Historie, die in den Geschichtsbüchern oft ausgelassen werden. Doch trotz der fundierten Recherche, der guten Idee und des nachvollziehbaren Elends der Figuren entfaltet der Roman keine richtige Sogkraft. Auch der Blauwal scheint als Leitmotiv und Metapher für eine menschenverschlingende Ära unglücklich gewählt: „Die Zeit verschlingt Millionen Tonnen davon, zerkaut und zermalmt sie zu einer gleichmäßigen Masse wie ein gigantischer Blauwal das mikroskopisch kleine Plankton (…).“ Immer wieder taucht er auf, bleibt aber ein Fremdkörper. „Blauwal der Erinnerung“ ist ein ambitioniert ansetzender Roman, der sich in den Fluten der Geschichte verliert.

Stefanie Panzenböck in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 12)


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