Alte weiße Männer

Ein Schlichtungsversuch
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Kurzbeschreibung des Verlags:


»Beweis erbracht: Unbestechlichen Feminismus gibt es auch in lustig. Sogar in sehr lustig! Großartig!« Anne Will.
Sophie Passmann ist Feministin und so gar nicht einverstanden mit der Plattitüde, der alte weiße Mann sei an allem schuld. Sie will wissen, was hinter diesem Klischeebild steckt und fragt nach: Ab wann ist man ein alter weißer Mann? Und kann man vielleicht verhindern, einer zu werden? Sophie Passmann gehört zu einer neuen Generation junger Feministinnen; das sind Frauen, die stolz, laut und selbstbestimmt sind. Sie wollen Vorstandschefinnen werden oder Hausfrauen, Kinder kriegen oder Karriere machen oder beides. Und sie haben ein Feindbild, den alten weißen Mann. Dabei wurde nie genau geklärt, was der alte weiße Mann genau ist. Eines ist klar: Er hat Macht und er will diese Macht auf keinen Fall verlieren. Doch Sophie Passmann will Gewissheit statt billiger Punch-lines, deswegen trifft sie mächtige Männer, um mit ihnen darüber zu sprechen: »Sind Sie ein alter weißer Mann und wenn ja – warum?« Die Texte, die daraus entstanden sind, gehören zu den klügsten und gleichzeitig lustigsten, die man hierzulande finden kann.
Sophie Passmann war im Gespräch mit:
Christoph Amend, Micky Beisenherz, Kai Diekmann, Robert Habeck, Carl Jakob Haupt, Kevin Kühnert, Rainer Langhans, Sascha Lobo, Papa Passmann, Ulf Poschardt, Tim Raue, Marcel Reif, Peter Tauber, Jörg Thadeusz, Claus von Wagner

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FALTER-Rezension

Sophie und die alten Männer

Die deutsche Komikerin und Feministin Sophie Passmann nimmt sich das Feindbild „alter weißer Mann“ vor

Wenn sich Sophie Passmann auf der Straße eine Zigarette anzündete, rechnete sie stets damit, gemaßregelt zu werden. Das verdankt sie ihrem Vater. Der ist zwar Raucher, findet aber, es wirke „schlampig“, wenn Frauen das auf offener Straße täten.

Sieht man sich Videos der Auftritte der 25-jährigen Deutschen an, sei es bei Poetry Slams, die sie als Teenager für sich entdeckte, sei es bei Jan Böhmermanns ZDF-Satireshow „Neo Magazin Royale“, für das sie rund einmal pro Monat Beiträge macht, oder bei Talkshows und Podiumsdiskussionen, scheint das unvorstellbar. Die schlagfertige, selbstbewusste Passmann wird nervös, wenn sie auf der Straße raucht? Lässt sich von einem „alten weißen Mann“, also einem Vertreter jener Gruppe, die sie selbst als „Feindbild“ bezeichnet und der sie gerade ihr neuestes Buch gewidmet hat, in ihrem Verhalten beeinflussen?

Wer in den vergangenen Jahren einen Blick in die Debattenressorts und Feuilletons deutschsprachiger Zeitungen geworfen hat, dem entgingen Artikel über „alte weiße Männer“ kaum. Der Begriff stammt aus den Vereinigten Staaten. Black, Hispanic, Asian American – anders als im deutschsprachigen Raum gibt es wenig Unwohlsein, seine ethnische Herkunft offen auszusprechen. Mit dem Ende der Rassentrennung in den 1960ern und dem Beginn der „Affirmative Action“, also der aktiven Förderungsmaßnahmen zugunsten von diskriminierten Minderheiten, etwa in Form von Quoten bei der Aufnahme von Studierenden, gab es immer wieder weiße Männer, die sich über die scheinbare Benachteiligung beschwerten. „Angry white men“ nannte sie der US-Soziologe Michael Kimmel in seinem gleichnamigen, 2013 erschienenen Buch. Sie fühlen sich bedroht, weil der gesellschaftliche Wandel ihre über Jahrhunderte zementierte Vormachtstellung infrage stellt.

Mit der „Affirmative Action“ wurde erstmals hinterfragt, wer die Menschen in Führungspositionen waren. Eben vielfach Männer, vorwiegend weiß, vorwiegend alt. In diesem Kontext schwappte der Begriff „alte weiße Männer“ in den deutschen Sprachraum. Eine Archivrecherche zeigt eine der ersten Nennungen: 1994 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die Ernennung Ruth Bader Ginsburgs (damals 60) zur US-Höchstrichterin und berichtete von der Kritik der Minderheitenvertreter, es gebe zu viele „alte weiße Männer“. Von Ginsburgs acht Kollegen (darunter eine Frau und ein Afroamerikaner) war gerade einmal einer unter 50 Jahren. Die bestehenden Strukturen, die lange als Normalität empfunden wurden, zu benennen und somit zu hinterfragen, ist die Idee hinter der Bezeichnung „alter weißer Mann“.

„Mich ärgert es erstmal, wenn ich lese ‚oh, ich will gar nicht lesen, was ein alter weißer Mann zu dem Thema zu sagen hat‘“, sagt Passmann im Telefongespräch mit dem Falter. Das geschieht oft in den sozialen Medien: Es wird hinterfragt, wer über welche Themen schreiben darf. Ein Mann über Frauenthemen, ein Weißer über Rassendiskriminierung? „Wir sollten zuallererst mal Leuten zuhören, die über ihre eigene Diskriminierung sprechen. Das ist das Wichtigste, aber im nächsten Schritt kann jeder über alles schreiben, muss dann aber eben mit den Reaktionen darauf leben können“, sagt Passmann. Sie sei ja selbst weiß und privilegiert, deswegen werde ihr gerne Pseudo-Feminismus vorgeworfen. „Erstmal gehe ich da natürlich mit, bis auf den Pseudo-Feminismus stimmt es ja, aber wenn es dann das Einzige ist, weshalb man mich kritisiert, dann wird man intellektuell der Debatte nicht gerecht.“ Jemanden als „alten weißen Mann“ zu bezeichnen, sieht sie lediglich als – notwendigen – ersten Schritt.

Passmann kommt aus einem behüteten Akademikerhaushalt, wächst in einem Dorf in der Nähe von Freiburg auf. Der Vater ist Mitglied einer Burschenschaft, in ihrer Jugend besucht sie dort Veranstaltungen. Mit 15 entdeckt sie den Poetry Slam für sich. Das sind Wettbewerbe, bei denen kurze, selbstgeschriebene Texte jeden Genres auf der Bühne vorgetragen werden. Passmann ist bald in ganz Deutschland unterwegs und wird mit 17 U20-Meisterin in Baden-Württemberg. Nach dem Abitur macht Passmann eine Ausbildung zur Radiomoderatorin beim Privatradio in Offenburg, hat dort ihre eigene Sendung. Zwei Jahre später zieht sie für ihr Politikwissenschaftsstudium nach Freiburg. Nebenbei arbeitet sie weiter beim Radio, moderiert Poetry Slams und schreibt für die Lokalzeitung eine Kolumne über das Studentenleben. Außerdem arbeitet sie bei einem Promotionsprojekt über Menschenrechtsverletzungen mit. „Ich habe semesterlang so viel über Frauenmorde und Genitalverstümmelungen gelesen“, erzählt sie. Ihr sei nicht erst mit Anfang 20 bewusst geworden, dass Frauen schlecht behandelt werden, „aber das Ganze statistisch erfassen zu müssen, macht die Situation nochmal anders deutlich, als wenn man in einem Artikel etwas darüber liest.“

Seitdem ist Passmann Feministin – was aber nicht bedeutet, dass ihr Themenspektrum nicht enorm weit ist. Passmann ist SPD-Mitglied und klärt auf Instagram ihre Follower regelmäßig über die politischen Entwicklungen auf. Seit Anfang des Jahres hat sie eine Kolumne im ZEITmagazin, die erste drehte sich um Handball, und seit kurzem produziert sie gemeinsam mit Matthias Kalle vom ZEITmagazin einen Podcast über Fernsehen. Beim Jugendradio 1 Live des deutschen WDR in Köln moderiert sie zehn Sendungen im Monat, in denen sie das aktuelle Tagesgeschehen kommentiert. Passmanns Schmähs haben eine Spitze, die aber nicht verwundet, und eine ordentliche Portion Selbstironie. Das macht sie aktuell enorm beliebt, beinahe jede größere Zeitung hat „Alte weiße Männer“ bereits meist wohlwollend rezensiert.

Über diesen ersten Schritt, jemanden als „alten weißen Mann“ zu bezeichnen, hinauszugehen, das ist Passmann in ihrem Buch nämlich gelungen. Darin beschreibt sie Gespräche mit 16 deutschen Männern, die meisten davon prominent und in einer Machtposition, etwa Jusos-Chef Kevin Kühnert, ZEITmagazin-Chefredakteur Christoph Amend oder Starkoch Tim Raue, aber auch mit Papa Passmann. Was bedeutet Feminismus für sie? Sehen sie sich als „alter weißer Mann“? (Warum keine „echten“, „bösen“ alten weißen Männer wie Horst Seehofer dabei gewesen seien, kritisierte Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer. „Das fand ich nicht spannend“, entgegnet Passmann. „Mich interessieren die Grauzonen.“)

„Nachdem ich festgestellt hab, was sie sind, will ich wissen, wer sie sind“, sagt Passmann. „Am Ende ist ‚alter weißer Mann‘ nicht eine soziodemografische Beschreibung, sondern eine Art und Weise, die Welt, emanzipatorische Bewegungen und eigene Privilegien zu betrachten.“ Und zwar skeptisch gegenüber emanzipatorischem Fortschritt und uneinsichtig gegenüber den eigenen Privilegien. Männer haben einen Startvorteil, führt Passmann im Buch aus: „Nur er kann sich erlauben, nach seiner Einzelleistung bewertet zu werden.“

Die Konfrontationen sind witzig und vielschichtig, debattieren Themen wie Frauenquoten und warum Gleichberechtigung nicht „natürlich“ zustande kommt („Ich – realistische Feministin – sage, dass die Natur da bisher ganz schön enttäuschend agiert“), ob Frauen sich zu oft als Opfer stilisieren („Frauen sind Opfer der Geschichte“, argumentiert Passmann) oder ob es gerechtfertigte Kritik sei, wenn Feministen nur ein Thema, nämlich Feminismus, hätten („ich betrachte den Feminismus, wie er gerade betrieben wird, als Überkorrektur“). Ihren Vater, „das Bild des Urkonservativen“, der Frauen, die auf der Straße rauchen, „schlampig“ findet, fragt Passmann beispielsweise, ob er sich als Feminist bezeichnen würde. „Das kann ich nicht leisten, weil ich keine Frau bin.“ Auf Nachfrage stellt sich heraus: für Gleichberechtigung ist er sehr wohl. „Er hat mir in den letzten 24 Jahren immer wieder vor Augen gehalten, dass kein Mensch so klischeebehaftet ist, wie man das am liebsten denken würde“, resümiert Passmann.

Passmann ist nicht nur, aber auch durch die sozialen Medien bekannt geworden. Auf Twitter folgen Passmann über 71.000 User, auf der Fotoplattform Instagram sind es knapp 55.000. Beinahe täglich lädt sie neue „Storys“ hoch, also Kurzvideos oder Fotos, die nur 24 Stunden lang abrufbar sind. Rund 20.000 User sehen sich diese im Schnitt an. Vergangenen Donnerstag, als ihr Buch erschien, filmte sie, wie sie in die Kölner Bahnhofsbuchhandlung geht und nachsieht, ob „Alte weiße Männer“ dort steht – und eines der rosafarbenen Taschenbücher dann prompt so umstellt, dass es das Buch von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo verdeckt. Der Schmäh ist nicht neu oder radikal, aber trotzdem charmant und frech und passt damit ganz gut zu Sophie Passmann. Passmann erklärt den Feminismus nicht neu, bringt aber Differenziertheit und Humor in eine Debatte, die festgefahren und aggressiv scheint.

„Weiße Männer galten bisher als die Überkategorie Mensch“, sagt Passmann. „Er hat die Geschichte gemacht, stand in Kunst und Kultur in den letzten Jahrhunderten als Prototyp des Menschen da. Er wird ja fast nie gezwungen, sich wie die Ausnahme zu fühlen. Er ist immer die Regel. Deshalb ist es heilsam, ihm das vor Augen zu führen.“ Aber ist es eine kluge Gegenstrategie, „alte weiße Männer“ in Schubladen zu packen? „In die Schublade stecken ist erst dann schlecht, wenn man aufhört, den Menschen zu betrachten, nachdem man ihn in diese Schublade gesteckt hat.“ Äußere Unterschiede gebe es nun einmal, wer das
ignoriere, tue so, als gäbe es die Ungleichheit in der Gesellschaft nicht. Dass sie eine Frau ist, daran wird sie täglich erinnert, sagt Passmann. „Ich könnte aber mühelos vergessen, dass ich weiß bin. Das Ziel sollte eigentlich nicht sein, dass die, die sich erlauben können, ihre eigenen Merkmale zu vergessen, das tun. Ich sollte daran denken, ich bin weiß und das bringt bestimmte Privilegien mit sich und diese Privilegien sind ungerecht.“

Eine solche Reflexion tut übrigens allen gut. Seit dem Treffen mit ihrem Vater ist Passmann nämlich nicht mehr nervös, wenn sie auf der Straße raucht.

Anna Goldenberg in Falter 11/2019 vom 15.03.2019 (S. 24)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783462052466
Ausgabe 12. Auflage
Erscheinungsdatum 07.03.2019
Umfang 288 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Kiepenheuer & Witsch
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