Herzfaden
Roman der Augsburger Puppenkiste

von Thomas Hettche

€ 24,70
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.09.2020


Rezension aus FALTER 43/2020

Große Fragen an dünnen Fäden

Kasperl ist böse. Es macht sich lustig über die anderen Marionetten, die mit ihm auf dem Speicher der Augsburger Puppenkiste wohnen. Seine Fratze verbreitet Angst und Schrecken. Und als sich nach einer Vorstellung ein Mädchen aus dem Publikum zu ihm verirrt, drangsaliert die böse Puppe es: „Hab tausend Jahre geschlafen“, zischt es dem Mädchen ins Ohr. „Und nun ist alles verbrannt. Alles verbrannt.“

Das böse Kasperl (die Figur ist im Schwäbischen sächlichen Geschlechts) steht als heimlicher Antiheld im Zentrum von Thomas Hettches neuem Roman. Aber kann ein ernsthafter Roman überhaupt in der Augsburger Puppenkiste angesiedelt sein, dort, wo Urmel, Jim Knopf und der Kleine König Kalle Wirsch daheim sind, wenn sie nicht gerade im Fernsehen auftreten?

Die ersten Seiten wecken solche Zweifel. Da verirrt sich ein Mädchen nach einer Vorstellung zu den Marionetten und schrumpft auf deren Größe, als wäre sie Alice auf dem Weg ins Wunderland. Müssen wir etwa jetzt auch schrumpfen – in die Jahre der Kindheit? Und dass die Geschichte, die in der Gegenwart des Mädchens spielt, mit roter Farbe gedruckt ist, der größere Teil des Romans blau, kongenial illustriert von Matthias Beckmann: Das erinnert doch alles sehr an die Romane Michael Endes, zu ihrer Zeit ganz okay und wichtig, aber jetzt …

Das Mädchen trifft auf dem Speicher eine auf altmodische Art elegant gekleidete Frau, die sich als Hatü vorstellt, seit einigen Jahren verstorben, zu Lebzeiten Hannelore Marschall-Oehmichen, langjährige Chefin der Puppenkiste, die sie von ihrem Vater Walter Oehmichen übernommen hat. Die erzählt nun – blau gedruckt – die Geschichte ihrer Familie, die immer auch jene der Puppenkiste ist, vom Ausbruch des Krieges bis zu den großen Fernsehproduktionen in den frühen 60er-Jahren.

Walter Oehmichen, Oberspielleiter am Augsburger Stadttheater, ist 1940 in Calais in einer Schule einquartiert, wo er ein Puppenspiel entdeckt und kleine Vorstellungen improvisiert. Als er 1943 nach Augsburg zurückkehren kann – obwohl kein Parteimitglied, wird er als Funktionär der Reichstheaterkammer vom Dienst an der Front freigestellt –, richtet er im Wohnzimmer eine halböffentliche Marionettenbühne ein, wo Tochter Hatü ihre ersten Erfahrungen sammelt. Als sie gegen Ende des Krieges aufs Land evakuiert wird, schnitzt sie ihr erstes Kasperl – und erschrickt vor seiner Fratze. Es bleibt auch dann noch das böse Kasperl, als ihm der Vater nach dem Krieg mit ein paar Schnitten einen etwas freundlicheren Gesichtsausdruck verpasst.

Hettche erzählt die Geschichte der Oehmichens in einem schlicht gehaltenen Erzählton: die Bombennächte, die Nachkriegsjahre mit der Gründung der Puppenkiste schon 1948 und den ersten Auftritten im Fernsehen 1953; die folgenden Jahre, in denen ihnen ein fester Platz in vielen Wohn- und Kinderzimmern reserviert wurde. Und doch drängen sich Fragen und Widersprüche auf: Warum zeigte Oehmichen nach dem Krieg so gar kein Interesse, auf die große Bühne zurückzukehren? Was hat es mit dem von ihm beschworenen Herzfaden der Marionetten auf sich, der, im Herzen der Zuschauer festgemacht, das Publikum glauben macht, die Marionetten seien lebendig? Und nochmal das Kasperl: Kann es sein, dass Hatü dessen ursprüngliche Physiognomie an die Karikaturen antisemitischer Propaganda erinnerte?

Einige tausend Puppen bewohnen die Puppenkiste in der Augsburger Altstadt. Nun haben sie sich in Allegorien der Vergangenheit, der Kindheit, des Verdrängten, des unauflöslich Widersprüchlichen verwandelt. Das scheinbar Leichte kippt ins Schwere, sowie sich hinter Hettches Volkston recht große Fragen auftun: Hängen auch wir an Fäden? Und halten wir die Fäden wirklich in der Hand? Auch das macht doch einen großen Roman aus: dass sich dort auf scheinbar einfachem und sicherem Terrain Fragen in den Weg stellen, an denen wir uns ein Leben lang – und viele Romanlektüren hindurch! – abarbeiten.

Thomas Heyle in FALTER 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 26)


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