Sachbuch-BESTENLISTE Juli 2021

Komplett Gänsehaut

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Kurzbeschreibung des Verlags:


Nach ihrem vieldiskutierten Bestseller »Alte, weiße Männer« entlarvt Sophie Passmann in ihrem neuen Werk den unerträglichen Habitus einer Bürgerlichkeit, durch die sie selbst geprägt wurde. Eine Passmannsche Suada at its best. Bloß nicht so werden, wie alle anderen um sich herum. Bloß nicht so werden, wie man schon längst ist. Bloß schnell erwachsen werden, um in die transzendentale Form des Verklärens eintauchen zu dürfen, die Jugend als »die beste Zeit des Lebens« zu feiern. Sophie Passmann teilt aus gegen alle, am verheerendsten aber gegen sich selbst und ihresgleichen. Zornig und böse, sanft und lustig zugleich zieht sie uns mit rein ins tiefe Tal der bürgerlichen Langeweile im westdeutschen Mittelstand. Sie geht vehement vor gegen die hedonistische Haltung einer wohlgemerkt nicht homogenen Generation, die ihr selbst nur allzu bekannt ist. Dies ist kein Memoir, kein Roman, keine Biographie, es ist: literarischer Selbsthass. Das finden Sie anmaßend? Genau das ist es und genau das will Sophie Passmann: sich anmaßen, das zu tun, was sie tun möchte. Komplett Gänsehaut einfach!

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FALTER-Rezension

Vom harten Leben in der Altbauwohnung

Hä? Was soll das alles? Wer sind die Leute? Wieso ist sie immer so schlecht gelaunt, im Wohnzimmer sollte man Bücher nach vierundvierzig Seiten zuklappen dürfen und nie wieder weiterlesen wollen, man kann sich dann sehr heimlich fragen, was mit dem eigenen Herzen falsch läuft, dass man da wirklich gar nichts fühlt. Aber nur heimlich. In Wohnzimmern will niemand scheitern.“

Das schreibt Sophie Passmann auf Seite 48 ihres neuen Buches „Komplett Gänsehaut“ – und sie hat recht, denn es trifft auch auf ihren neuen Roman zu.

Sophie Passmann, 27, ist Autorin, Radiomoderatorin und Satirikerin. Ihr Talent, alles und jeden pointiert zu kommentieren, bewies die mittlerweile zum intellektuellen It-Girl Avancierte im Rahmen von Poetry-Slams. Sie versorgt ihre 223.000 Fans auf Instagram und 161.000 auf Twitter mit scharfsinnigen, selbstironischen und wirklich witzigen Sinnsprüchen; sie ist die gern gebuchte „junge Frau“ in Talkshows, wo sie älteren, weißen Herren erklärt, wie die Digital Natives so ticken („Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch“ lautete der Titel ihres zweiten Buches).

Passmanns Königsdisziplin ist die in Social-Media-tauglicher Häppchengröße servierte Stil- und Haltungskritik. Die literarische Langstrecke ist nicht ihr Kanal, zumindest vorerst noch nicht. Ihre Sätze ziehen sich über Seiten, ohne Punkt und fast ohne Beistrich, gedruckte Version eines Raps, einer Art Wutrede auf ihr Milieu und dessen „maximale Kohortenlangweiligkeit“. Aber sie wiederholen sich eben und bald einmal langweilen sie auch.

Dem Wohnzimmer als Ort der Selbst- und Fremddarstellung, in dem man sich keine Blöße geben will, begegnet man in „Komplett Gänsehaut“ immer wieder als Kulisse und Inszenierung. Wie überhaupt fast alles im Leben von Passmanns Protagonistin und deren Freunden so aussieht, als wäre es mehr für Instagram kuratiert als aus den ureigensten Bedürfnissen entsprungen. Die Gespräche, die Kleidung, die Speisen, die Lokale – alles ist gewollt, auf beängstigende Art und Weise gleichförmig und gesellschaftspolitisch brav und korrekt zugleich.

Eine privilegierte Generation von Bildungsbürgerkindern Ende 20, die meint, jetzt so richtig erwachsen zu sein, weil man sich eine schöne Altbauwohnung mit Parkett in einem gentrifizierten Bezirk genommen hat und bald eine Familie zu gründen gedenkt, kreist um sich selbst und die ­eigenen Nicht-Probleme. „Die Wohnung“, „Die Straße“ und „Die Stadt“ ziehen die Kapitelüberschriften einen recht engen Radius – topografisch und gedanklich sowieso.

Die Welt da draußen? Politik? Klimakrise? Das Darüber-Reden am Abend, bei Einladungen, wo selber gekocht und guter italienischer Rotwein getrunken wird, wird von Passmann als weiterer Schaulauf der biederen Correctness abgehandelt. So etwas wie Leidenschaft kommt allenfalls beim Thema Feminismus auf, aber weil Leidenschaft offensichtlich peinlich ist, muss sie gleich wieder ironisch gebrochen werden:

„Natürlich sind wir Feministinnen, wir sind nur ein bisschen reicher als die, die den Feminismus erfunden haben, und das bedeutet ja erst mal nur, dass wir einsehen, dass die Welt gemein zu uns ist, nicht so gemein wie zu anderen, aber wir sind ja nicht Feministinnen geworden, um uns für die anderen zu interessieren. Überhaupt übertragen wir diese Denkfigur auf jedes, wirklich jedes Problem, meine Freunde und ich, wir denken, wir wären wirklich die Ersten, die diese Feststellung hinter sich gebracht haben: Das System als solches bedingt immer die bestehenden Umstände.“

Passmanns Hauptfigur, die nicht zuletzt dank des „Wir“-Tons im Roman schwer von der Autorin zu trennen ist, kann sich ernsthaft darüber auslassen, wie schrecklich es doch ist, ihr Elternhaus in einer deutschen Kleinstadt zu besuchen und darüber nachdenken zu müssen, was sie mit dem ganzen Wohlstand, den sie später einmal erben wird, anfangen soll. „Ich fahre selten in die Stadt, aus der ich komme, in das Haus, in dem ich groß geworden bin, weil ich es nicht ertrage, mir den ganzen Krempel anzuschauen, den ich irgendwann erben muss.“

Erben, das klingt für sie eben auch nach „viel Arbeit, nach viel Papierkram, nach Terminen beim Notar, nach steuerrechtlichen Fragen, außerdem sind dann natürlich die Eltern tot, das ist ja auch nie wirklich schön, das kann ja keiner wollen“.

Das ist natürlich borniert und nervig gleichermaßen, und je länger man in „Komplett Gänsehaut“ liest, desto mehr ärgert man sich über diese westdeutsche Mittelstandsselbstzufriedenheit, die die Autorin – in Ettenheim in Baden aufgewachsen, von Köln gerade nach Berlin gezogen – zwar scharfsinnig und selbstironisch seziert, aber dabei trotzdem nie über den Rezensions-Ansatz hinauskommt.

Wenn sie dann zum dritten Mal darüber räsoniert, wie bezeichnend es doch sei, dass sie und ihre Freunde beim Ausgehen keine normale Pizza mehr bestellen können, weil in ihrem Stadtteil „vor ein paar Jahren Arschlöcher angefangen haben, jedes Mal, wenn jemand Pizza gegessen hat, zu erwähnen, dass das ursprünglich mal ein Arme-Leute-Essen war“ und dann „dieselben Arschlöcher ein paar Jahre später Pizzerien eröffnet haben, in denen man Ziegenkäse, Rote Bete und Honig auf Pizza schmeißt, zur Not auch geröstete Pinienkerne“ oder solche mit „steirischem Bergkäse und karamellisierten Walnüssen, Hauptsache, arme Leute können es sich nicht mehr leisten“, dann fragt man sich schon, welches Leiden da so wortreich beschworen wird. Echt jetzt?

Barbaba Tóth in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 6)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783462053616
Ausgabe 5. Auflage
Erscheinungsdatum 04.03.2021
Umfang 192 Seiten
Genre Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Kiepenheuer & Witsch
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