Das Palais muss brennen
Roman

von Mercedes Spannagel

€ 18,50
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.09.2020


Rezension aus FALTER 40/2020

Luises Mops kotzt

Ich habe nie das Gefühl, dass ich zu viel schreibe.“ Mercedes Spannagel nippt an ihrem großen Apfelsaft gespritzt, den sie im Verlauf des Gesprächs fast nicht angetastet hat. Am Ende wirkt sie entspannt und erstmals rundum zufrieden mit einem Satz. Er umreißt sie aber auch wirklich gut.

Die 25-Jährige schreibt schon seit ihrer Kindheit, nur eben nicht viel. Meist sind es lediglich kurze Texte. Der Tag hat für sie nicht genug Stunden. Das war schon immer so, denn Spannagel ist vielseitig interessiert. Aktuell steht sie kurz vor dem Abschluss des im Kulturbereich mit Exotenbonus behafteten Studienfachs Maschinenbau: „Der Entschluss dazu kam sehr spontan. Ich wollte was machen, wo es Lösungen gibt.“

Als hochbegabte Jugendliche vom Gymnasium unterfordert, studierte sie bereits als 15-Jährige in Salzburg neben der Schule Jus. In den raren Mußestunden schrieb sie Kurzgeschichten, mit denen sie an Literaturwettbewerben teilnahm. Die Wochenenden gehörten dem Sportfechten.

Das Fechten kommt nun auch in ihrem ersten Roman, „Das Palais muss brennen“, vor, allerdings nicht unter sportlichen Vorzeichen, sondern im Zusammenhang mit schlagenden Burschenschaftern. Diese umschwirren die dysfunktionale Familie der Hauptfigur Luise. Sie und ihre Schwester sind die Töchter der rechtskonservativen Bundespräsidentin, die in der Parallelrealität des Romans in Österreich amtiert. Wahrscheinlich aus Bequemlichkeitsgründen leben sie noch mit Mama in einem Palais, allerdings im ausdauernden Widerstand gegen alles, was die Mutter repräsentiert.

So ist etwa die Rede von Plänen der Regierung zu einem Gesetz, das Frauen vor der Abtreibung eine Bedenkzeit verordnen soll. Die Bundespräsidentin hätte nichts dagegen. Luise und ihr Freundeskreis überlegen daraufhin, eine Kunstaktion à la Schlingensiefs „Ausländer raus!“ aufzuziehen. Fremde sollten darüber entscheiden, wer abtreiben darf und wer nicht.

Meist jedoch lassen sich die Figuren treiben, Agitation und Apathie liegen bei ihnen nahe beisammen. Wir befinden uns in dem Roman zwar in einer Fiktion, aber schließlich immer noch in Wien, wo gern lang und breit darüber diskutiert wird, dass man etwas tun müsse – bis man davon so erschöpft ist, dass man etwas trinken geht. Richtig: Es wird viel gesoffen in „Das Palais muss brennen“.

Der Text hält bis zuletzt schön in Schwebe, wie aufständisch Luise und ihr Umfeld tatsächlich sind. Immerhin: Einmal wirft Luise im Vollrausch die Gewehre einer Jagdgesellschaft in den Pool. Und sie hat gute Sprüche. „Mensur ist Menstruationsneid“, schleudert sie einem Burschi entgegen. Auf unmissverständliche Symbolik versteht sie sich ebenfalls: Während ihre Mutter reinrassige Windhunde züchtet, legt sie sich einen Mops zu und nennt ihn Marx. Dem Hund wird bei den Zuständen im Palais schlecht, er kotzt ins China-Zimmer.

Mit 192 Seiten ist das Buch der bis dato mit Abstand längste Text, den Spannagel je verfasst hat. Trotzdem hält er den Ball flach. Thematisch ist darin von Politik bis Feminismus so einiges verpackt, doch das Ergebnis kommt sympathisch unverkrampft daher. Die Sprache erinnert bisweilen an die popliterarischen Frühwerke von Christian Kracht und Bret Easton Ellis, die nun beide Verlagskollegen der Autorin sind. Das ist schon super, aber Mercedes Spannagel flippt wegen so etwas nicht aus. Überhaupt wirkt sie für ihr Alter aufgeräumt, bodenständig. Vermutlich hat sie als Superhirn, das von klein auf permanent unter Genieverdacht stand, früh Understatement als Gegenstrategie einzusetzen gelernt.

Sie sagt unglaublich vernünftige Sätze wie: „Ich habe nie das Gefühl gehabt, ich kann nach der Schule sagen, ich werde Schriftstellerin, denn da ist man noch lange nicht so weit.“ Oder: „Mit einem abgeschlossenen Maschinenbaustudium kann ich in dem Bereich arbeiten und bin nicht vom Schreiben abhängig.“ Oder: „Man müsste schauen, dass mehr Frauen was Technisches studieren.“ Oder: „Ich habe mir gedacht, dieses Buch passt als Debüt gut, in 20 Jahren kann ich so was nicht mehr schreiben.“

Entstanden ist „Das Palais muss brennen“ on the road zwischen Wien, Russland und Südamerika. Einige Szenen tippte sie mangels Laptop im Reisegepäck auf der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in ihr Handy, viel Material entstand während eines Praktikums in Ecuador. Beim Feinschliff kam ihr dann Corona zuhilfe: „Ich gehöre zu den Personen, die den Lockdown sehr gut ausnutzen konnten.“ Sie verwendete die Zeit ohne Lehrveranstaltungen im März darauf, das Buch zu vollenden.

Im Regelbetrieb mit Uni hat die Literatur normalerweise wenig Platz, Maschinenbau ist ein Vollzeitstudium. Aktuell arbeitet Spannagel mit drei Studienkollegen an einem Projekt, bei dem sie einen Satelliten simulieren müssen. „Das ist sehr anspruchsvoll und aufwendig, ich muss mich voll ins Programmieren reindenken. Da kann ich nicht noch eine Stunde schreiben am Abend.“

Nur manchmal gestattet sich die Teilzeit-Literatin Träumereien. Eines Tages möchte sie einen Roman über ein technisches Umfeld schreiben, erzählt sie, er könnte auf einer Werft spielen. Aber das sei Zukunftsmusik. Schnell schaltet sie wieder auf Pragmatik-Modus: „Es würde mir nicht guttun, ausschließlich zu schreiben. Durch Zeitmangel können sich Ideen entwickeln und unterbewusst reifen. Die Ideen, die bleiben, sind die guten.“

Sebastian Fasthuber in FALTER 40/2020 vom 02.10.2020 (S. 33)


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