Ein ganzer Kerl

von Tom Wolfe, Benjamin Schwarz

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Verlag: Kindler
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Die Welt als Muskelspiel

Mit seinem Roman-Querschnitt durch alle Schichten von Atlanta hat sich Tom Wolfe etwas überhoben. Prominente Kollegen haben ihm jedenfalls den Status des Literaten aberkannt.

Es ist ein muskulöses Opus." Im New Yorker spielt John Updike auf die körperlichen Eigenschaften des ganzen Kerls Charlie Croker in Tom Wolfes "A Man in Full" ebenso an wie auf die Absicht des Autors, mit seinem voluminösen Werk andere Bücher "von den Verkaufstischen zu verdrängen".

Muskeln, wohin man blickt. Wolfes Protagonist zum Beispiel, Conrad Hensley, verdankt seine Popey-artigen Unterarme dem Hantieren mit Kartons gefrorener Hühner in Charlie Crokers Global Warehouse. Unglückliche Umstände bringen ihn in ein amerikanisches Gefängnis, ein Inferno aus Muskeln und Brutalität, in dem Hensley zufällig auf Texte des römischen Stoikers Epiktet stößt. Er lernt daraus, dass der Stoiker stets mit fröhlichem Gleichmut auf seis auch noch so schreckliche gesellschaftliche Verhältnisse reagiert, ohne vom geraden Weg der Tugend abzuweichen.

Diese Popey-Moral rettet Hensley, doch der Rest der Romanfiguren scheint dem Untergang geweiht: Abwärts geht es mit Charlie Croker, seinem Firmenimperium, seinem Körper und seinem Begehren für seine junge Frau. Abwärts geht es mit seiner geschiedenen Frau Martha, die verzweifelt Anschluss an die Welt der "Jungen mit Brüsten" sucht. Abwärts geht es mit Football-Star Fenon, dem die Vergewaltigung einer Schülerin aus besseren Kreisen zur Last gelegt wird, mit dem schwarzen Bürgermeister von Atlanta und dem schwarzen Aufsteiger Roger White.

Am tiefsten aber ist Tom Wolfe selbst gefallen - zumindest in den Augen seiner Kritiker. "Da steht er, in all seiner Vulgarität", schreibt der amerikanische Professor und Vanity-Fair-Kolumnist Christopher Hitchen in der London Review of Books. "Ein ganzer Kerl bringt es letztlich nur zur Unterhaltung, nicht zur Literatur", urteilt Updike, "nicht einmal zu Literatur mit geringen Ansprüchen." Ähnlich Norman Mailer: "Nun gehört er nicht mehr zu uns. Falls er überhaupt jemals zu uns gehört hat!", verstößt er Tom Wolfe, einen Literatursportler, den man des Konsums von Anabolika überführt hat.

Christian Zillner in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 64)


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