Gabriels Gabe

von Hanif Kureishi, Hans M. Herzog

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kindler
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Die Londoner Schriftsteller Nick Hornby und Hanif Kureishi haben sich um den Liebes(kummer)roman große Verdienste erworben. Hornby, 44, hat das Thema in "High Fidelity" (1995; deutsch: 1996) in die erfrischend sarkastisch und originell erzählte Geschichte eines von seiner Freundin verlassenen Plattenfreaks verpackt. Kureishi, 47, hat in "Intimacy" (1998; deutsch: "Rastlose Nähe", 1999) den schmerzhaft offenen und für alle Beteiligten schonungslosen inneren Monolog eines Mannes niedergeschrieben, der im Begriff ist, Frau und Kinder zu verlassen. Beide Romane wurden erfolgreich verfilmt (von Stephen Frears bzw. Patrice Chéreau) und trugen ihren Autoren den berechtigten Ruf ein, zu den kompetentesten Korrespondenten aus dem Reich der Beziehungskisten zu zählen.
Beziehungskrisen stehen auch im Zentrum der neuen, vierten Romane von Kureishi und Hornby; in beiden Fällen aber ist das nur der Hintergrund, vor dem die eigentliche Geschichte abgehandelt wird. Dazu kommt, dass die Autoren diesmal die Perspektive gewechselt haben: Erzählt wird nicht aus dem Blickwinkel des Mannes, sondern aus dem des Sohnes beziehunsgweise der Frau.

Held von Kureishis Roman "Gabriels Gabe" ist der 15-jährige Gabriel. Sein Vater, der arbeitslose Musiker Rex, hat die Kleinfamilie vor ein paar Monaten verlassen und ist als Untermieter in ein versifftes Zimmer gezogen, wo er sich in aller Ruhe dem Selbstmitleid ergeben kann. Rex ist einer jener Loser Mitte vierzig, wie man sie aus Kureishis Kurzgeschichten kennt: Sie haben mindestens eine entscheidende Abzweigung verpasst, und statt ihr Leben in den Griff zu kriegen, gehen sie lieber der gesamten Umwelt auf die Nerven. In den Siebzigerjahren spielte Rex als Bassist in einer Glamrockband namens Leather Pigs, ehe ein folgenschwerer Bühnenunfall in Nordfinnland seine Karriere jäh beendete: Auf seinen Plateauschuhen umgeknickt, hatte er sich den Knöchel gebrochen und wurde durch einen anderen Musiker ersetzt.
Mit "Gabriels Gabe" ist dessen Talent zum Zeichnen gemeint, das als eine Art übersinnliche Kraft geschildert wird: Die Gegenstände, die Gabriel in sein Skizzenbuch zeichnet, materialisieren sich – so lange, bis er das Buch wieder zuschlägt. Im Original ist der Titel doppeldeutig: "Gabriel's Gift" lässt sich auch als "Gabriels Geschenk" übersetzen – und ein solches spielt in dem Roman eine entscheidende Rolle. Als Rex mit Gabriel seinen alten Bandleader Lester Jones besucht, schenkt der immer noch berühmte Star dem Jungen ein selbst gemaltes Bild, das der chronisch abgebrannte Rex umgehend zu Geld machen will. Der begabte Gabriel fertigt eine perfekte Kopie des Bildes an; der nichts ahnende Vater verkauft diese umgehend an einen Kumpel namens Speedy (es gehört zum grausamen Schicksal von Typen wie Rex, dass sie Kumpel haben, die Speedy heißen), der das falsche Lester-Jones-Gemälde stolz an die Wand seines Hamburger-Restaurants hängt.
Der Deal bringt Rex nicht nur etwas Bargeld, sondern auch einen Job ein: Über Vermittlung von Speedy wird er Gitarrelehrer für den missratenen Sohn eines reichen Filmproduzenten; dabei entdeckt er seine pädagogische Ader und eine neue Existenzgrundlage. Ausgerechnet die Musik, die Rex an den Rand des Ruins getrieben hat, rettet schließlich sein Leben; ausgerechnet eine Fälschung ist für Gabriel die erste öffentliche Talentprobe. In solchen Ironien erkennt man schemenhaft den Zyniker Kureishi wieder, der sich in diesem Roman meist hinter einem unverbindlichen Jugendbuchton verborgen hält. Gabriel ist ein auf uninteressante Weise sympathischer und nicht sonderlich witziger Held; die eher lieblos geschilderte Familiengeschichte liefert nur den Rahmen für das eigentliche Thema des Buches: eine Gabe namens Talent. Aber auch dazu fällt dem Autor nicht viel ein. "Die Phantasie gleicht einem Feuer: Man muss es schüren, muss nachlegen und sich darum kümmern", sagt Lester Jones. Na ja. Jedenfalls sollte Hanif Kureishi sich beim nächsten Mal wieder mehr um die Glutnester kümmern, die in ihm selber schwelen.Um eine ziemlich grundsätzliche Frage geht es auch in "How to be Good" von Nick Hornby (aus irgendeinem Grund werden die Titel von Hornby-Romanen prinzipiell nicht ins Deutsche übersetzt): Wie stellt man es an, ein guter Mensch zu sein? Icherzählerin Katie zum Beispiel ist Mutter zweier Kinder und praktische Ärztin, und bei bestimmten Gelegenheiten – etwa, wenn sie gerade ein Furunkel am Arsch eines Patienten behandelt – hat sie das Gefühl, ein guter Mensch zu sein. Der Roman beginnt allerdings damit, dass sie sich dessen nicht mehr sicher ist: Katie hat gerade ihren Mann betrogen. "Was nützt es, wenn ich euch sage, dass ich Ärztin bin, denn Ärztin bin ich nur werktags. Mit einem anderen als meinem Mann geschlafen habe ich nach Feierabend – ich bin nicht so verdorben, es während der Arbeitszeit zu tun, und Ärztin zu sein kann das im Moment nicht wett machen, und wenn ich noch so viele rektale Furunkel behandle." Katies Mann David wiederum ist es scheißegal, ob man ihn für einen guten Menschen hält oder nicht: Er hält die überwiegende Mehrzahl seiner Mitmenschen ohnedies für Vollidioten. David arbeitet seit Jahren an einem satirischen Roman über das gefühlsduselige England der Post-Diana-Zeit, schreibt in der Lokalzeitung eine Hasskolumne, mit der er seinen Ruf als "zornigster Mann in Holloway" verteidigt, und hat ansonsten hauptsächlich miese Laune. Kurz: David ist einer von den charmanten Unsympathlern, wie man sie aus den Büchern von Nick Hornby (oder Hanif Kureishi) kennt, aber weil er auch ein brauchbarer Vater und Liebhaber ist, sind er und Katie schon mehr als zwanzig Jahre zusammen, und man kann nicht einmal sagen, dass sie unglücklich wären. Alles in allem ist das nicht die schlechteste Exposition für einen Eheroman, und man würde gerne wissen, ob und wie das seltsame Paar mit der Krise fertig wird. Stattdessen aber betritt nach knapp hundert Seiten ein mysteriöser Guru namens DJ GoodNews die Szene, und ein ganz anderes Buch beginnt. GoodNews ist nicht nur Wunderheiler – er kuriert unter anderem Davids chronische Rückenschmerzen und die Neurodermitis der Tochter, sondern auch Seelenfänger: Die Begegnung mit ihm hat aus David über Nacht einen völlig neuen Menschen gemacht. Er quittiert seinen Job als Hasskolumnist, verteilt das Abendessen unter den Bettlern, nimmt einen Obdachlosen bei sich auf und arbeitet mit GoodNews – der auch längst bei ihm eingezogen ist – an einem Buch mit dem Titel "How to be Good". Aus dem Misanthropen David ist ein dermaßen guter Mensch geworden, dass man es nicht mehr aushält mit ihm – jedenfalls nicht, wenn man nur ein durchschnittlich guter Mensch mit kleinen Fehlern ist wie Katie (die zunächst allen Ernstes glaubt, ihr Mann habe einen Gehirntumor). Auch seine Freunde erkennen David nicht wieder: Ein Abendessen mit seinem alten Kumpel Andrew wird zum Desaster, weil David sich partout weigert, wie üblich sämtliche namhaften Musiker, Schauspieler, Autoren, Filmemacher und Fußballer der vergangenen drei Jahrzehnte abzuqualifizieren. (Die Liste der von Andrew und David bei früheren Gelegenheiten als "untalentiert" oder "überbewertet" bezeichneten Prominenten umfasst mehr als eine Buchseite; Gnade finden vor beiden Schandmäulern nur Bob Dylan, Graham Greene, Quentin Tarantino und Homer Simpson.) Die völlig überdrehte Gutmenschensatire, in die sich die Geschichte verwandelt hat, ist nicht unwitzig, aber für einen 340-Seiten-Roman eben nicht witzig genug. Am Ende wünscht man sich, dass DJ GoodNews nie aufgetaucht wäre und man stattdessen mehr über Katie und David erfahren hätte. Bis auf weiteres gehört Nick Hornby auf die Liste der überbewerteten Schriftsteller.

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 8)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

How to be Good (Nick Hornby, Clara Drechsler, Harald Hellmann)

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