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Verlag: Kindler
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 13/2002

Salman Rushdies zivilisationskritischer Roman "Wut" liegt nun auch "auf deutsch" vor.

Exegesen zum 11. September haben Hochkonjunktur. Das beschert uns nicht nur Dutzende politische Sachbücher, sondern überhaupt eine Änderung des Leseverhaltens: Selbst Belletristik, die bereits vor dem Anschlag aufs World Trade Center verfasst worden oder erschienen ist, wird nun daraufhin abgeklopft, ob sie Erklärungen für die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit liefern kann. Die deutsche Ausgabe von Salman Rushdies Roman "Wut" (im Original: "Fury", 2001) zitiert am Umschlag eine gewisse Elena Lappin, die dem Buch hellseherische Qualitäten attestiert und die Präzision lobt, mit der hier die Konfrontation "zwischen dem selbstzufriedenen, nervösen jüdisch-christlichen Okzident und dem ebenso selbstzufriedenen, unsicheren islamischen Orient" zur Darstellung gelangt. Das Cover zeigt ein Foto des Empire State Building (der Doppelturm des WTC wäre wohl doch etwas zu aufdringlich gewesen), über dem gerade die Sonne steht - verdeckt von einer dunklen Wolke.

Wie eine dunkle Wolke oder - um in der Metaphorik des Romans zu verbleiben - "wie eine Riesenwelle" bedroht die Wut das Leben von Malik Solanka. Solanka ist 55, Professor für Ideengeschichte im Ruhestand und lebt in New York, nachdem er seine Frau und den gemeinsamen dreijährigen Sohn scheinbar grundlos ver- und in England zurückgelassen hat. Finanzielle Sorgen plagen ihn keine, denn die mediale und kommerzielle Ausschlachtung des von ihm geschaffenen "Braingirl" hat den leidenschaftlichen Puppenschnitzer zu einem reichen Mann gemacht. Weit mehr Probleme bereiten ihm seine zusehends unkontrollierbaren Wutanfälle und die auf diese folgenden Gedächtnislücken, die mittlerweile eine äußerst verstörende Dimension erreicht haben: Solanka hat sich selbst im Verdacht, Urheber jener grausamen Serienmorde an drei jungen Frauen zu sein, die New York seit geraumer Zeit beschäftigen.

Wie schon in Philip Roths grandiosem Roman "Der menschliche Makel" geht es in "Wut" um die Dialektik von Selbsterschaffung und -verleugnung. Auch bei Rushdie ist der Protagonist ein Professor, allerdings kein schwarzer, sondern einer mit indischen Wurzeln, die er im "Land der Selbsterfindung" endlich kappen zu können hofft: "Verschlinge mich, Amerika, und schenke mir Frieden." Solankas Freund Jack Rhinehart, ein sehr erfolgreicher Journalist und Ladykiller, wird von diesem Amerika nicht nur verschlungen, sondern zermalmt. Die Illusion, als Schwarzer auch in superreichen weißen Kreisen akzeptiert zu werden, erweist sich als tödlich. Die "Wut, die erwachsen war aus dem, was sie, die so vieles hatten, niemals zu erwerben vermochten: Genügsamkeit. Normalität. Echtes Leben" - sie produziert auch unter Rhineharts weißen Kumpanen jene American Psychos, die Mord für eine Art besonders exklusiver Freizeitbeschäftigung halten.

Die Enttäuschung über das fortschreitende Alter, über das Ekstasedefizit des Ehelebens oder die Verleugnung der eigenen Herkunft (die durch ein veritables Kindheitstrauma noch zusätzlich befeuert wird) lasten schwer auf den Schultern von Professor Solanka. Aber so richtig zur destruktiven Blüte gebracht werden die Blumen des Bösen erst auf dem Humus einer US-amerikanischen Kultur(industrie), die alles einebnet und den Menschen anstelle ihres Herzens eine Kreditkarte eingepflanzt hat.

So simpel diese Diagnose inhaltlich ausfällt, so groß ist der rhetorische und erzählerische Aufwand, den der Roman betreibt. Der Triumph des Scheins über das Sein manifestiert sich in einer ebenso verwirrenden und überkandidelten wie unplausiblen Engführung zweier Handlungsstränge, in denen die für das Web geschaffenen Cyborg-Fantasien Solankas im ethnisch motivierten Bürgerkrieg auf der südpazifischen Insel Lilliput-Blefuscu zu gespenstischer Realität erwachen. Was für eine Pointe: Die Kopfgeburten eines indischen Einwanderers werden als amerikanischer Kulturexport in die Dritte Welt geliefert und dort von Aufständischen zur mythischen Maskierung ihres Befreiungskampfes verwendet. Herr Baudrillard, bitte kommen! Hier müsste mal besonders dringend und tief über totale Systemimmanenz nachgedacht werden.

Nicht genug damit, dass Salman Rushdie die endlosen zivilisationskritischen Tiraden in üppig wuchernder Blumigkeit ausbreitet, ist der Roman auch noch so schlecht übersetzt, dass mitunter nicht nur das amerikanische Original, sondern auch die deutsche Sprache verfehlt wird. "Seine Straßen waren seine Biografie, patrouilliert durch Produkte seiner Einbildung und veränderten Versionen von Menschen, die er gekannt hatte" - weiß der Teufel, was damit gemeint sein soll. In anderen Fällen weiß er es sehr wohl, bloß steht es nicht da: to cut a long story short heißt schlicht und ergreifend "der langen Rede kurzer Sinn" und nicht "lange Story kurz gemacht".

Das ganze Buch strotzt vor Anglizismen und ungelenken Übertragungen. Da hält jemand einen Vortrag an einem "links tendierenden (...) Institut"; da ist von einer "Art mechanischer Imagerie" ebenso die Rede wie vom "totalen Entegotisieren des Ego"; da werden "neue Tiefen des Brauchens" entdeckt, da wird der schlimme Zustand der Welt fluchend als "verfackt" beschrieben und festgehalten, dass jemand "sich buchstäblich in der Zeit desintegriert hatte". Sieht man sich schließlich mit "unerschwinglichen Tischen" konfrontiert, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich eventuell weniger um "tables" als um "dishes", also Gerichte, handeln könnte.



Dass das Buch völlig missglückt ist, liegt jedoch weniger an der Übersetzung als an dem Umstand, dass der Autor über der selbstverliebten Freude an der eigenen Erfindungskraft vergessen hat, ein paar Figuren zu schaffen, die weniger hölzern und klapprig daherkommen als Malik Solankas Puppen. Wenn die Männer, die der überirdisch schönen Nella Mahendra ansichtig werden, gegen Laternenpfosten rennen oder sich das Eis aufs Ohr hauen, dann ist dergleichen halblustiger Slapstick für einen knapp 400 Seiten starken Roman einfach zu wenig. Schön, dass Professor Solanka mit so einer Klassefrau das Bett teilen darf; schön auch, dass sein etwa altersgleicher Erfinder auf diese Weise ein paar erotischen Fantasien nachhängen darf; unschön hingegen, dass dabei nur eine ebenso überfrachtete wie dünnblütige Liebesgeschichte herausgekommen ist. Aber wahrscheinlich sind auch daran die USA schuld. Irgendwie.

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2002 vom 29.03.2002 (S. 59)


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