In fremder Haut

von Hanif Kureishi, Leonie von Reppert-Bismarck, Thomas Rütten

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Verlag: Kindler
Erscheinungsdatum: 01.01.2003


Rezension aus FALTER 41/2003

In dem Roman "In fremder Haut" verjüngt
Hanif Kureishi seinen Helden um dreißig Jahre – und sieht selbst ziemlich alt dabei aus.


Folgende Situation: Ein Mann und eine Frau liegen an einem Strand in Griechenland. Er ist ein gut aussehender Globetrotter; sie ist eine unscheinbare Hobbydichterin und noch Jungfrau; beide sind Anfang dreißig und nackt. Sie weiß, dass er sie sexuell nicht attraktiv findet, unternimmt aber dennoch einen vorsichtigen Annäherungsversuch. "Berühre mich, wenn du willst", sagt sie. Stattdessen nimmt der Mann einen Notizblock und beginnt, eine Inventurliste des Körpers anzulegen, der vor ihm liegt.
Eine Wimper auf ihrem Hals. Zwei Pickel und einige Mitesser auf der Stirn. Das ausgebleichte Haar. Die rissigen Lippen. Ein blauer Fleck. Ein paar kleine Narben. Lackierte Zehennägel an dem einen Fuß, unlackierte am anderen. Ein leicht entzündetes Ohrläppchen. Und so weiter. Der Mann illustriert die Liste mit Zeichnungen und ergänzt sie mit organischen Fundstücken: kleine Insekten, etwas Blut und Scheidensekret, einige Schamhaare. Nach einer Stunde zeigt er der Frau, die während der gesamten Untersuchung die Augen geschlossen hatte, sein Werk. "Noch nie hat jemand etwas Netteres für mich getan", sagt sie.
In dieser großartigen Szene aus seinem neuen Roman "In fremder Haut" erweist sich der Londoner Autor Hanif Kureishi einmal mehr als der meisterhafte Analytiker und gnadenlos genaue Beobachter vertrackter Mann-Frau-Beziehungen, als der er spätestens seit dem (von Patrice Chéreau verfilmten) Roman "Intimacy" berühmt ist. Und jetzt die schlechte Nachricht: Die geschilderte Passage (aus dem letzten Drittel des Romans) ist die einzige Szene des ganzen Buches, in der Kureishi sein ganzes Können ausspielt.
Der junge Mann vom Strand ist eigentlich ein 65-jähriger Dramatiker namens Adam, dessen Karriere ebenso bessere Zeiten gesehen hat wie sein Körper. Der von lästigen Leiden (Rückenschmerzen, Grauer Star, Schwerhörigkeit) geplagte Mann lernt auf einer Party einen jungen Schauspieler kennen, der ihm ein verlockendes Angebot macht: "Wie wärs, wenn Sie Ihren Körper eintauschen und sich was Neues aussuchen?" Wie Adam erfährt, ermöglicht ein noch geheim gehaltenes medizinisches Verfahren die Transplantation von Gehirnen in neue, jüngere Körper; der Schauspieler selbst ist ein solcher "Neukörper", und es kostet ihn nicht viel Überredungskunst, den Romanhelden für das Experiment zu gewinnen.
In einem wenig Vertrauen erweckenden Ambulatorium sucht Adam sich aus mehreren Leichen einen Körper aus und lässt dann den Eingriff vornehmen – mit der Option, nach einem halben Jahr wieder in seinen alten Körper zurückzukehren. Das Szenario erinnert an schundige B-Filme, und Kureishi bemüht sich erst gar nicht, die Situation halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen.
In seinem neuen Körper begibt sich Adam auf eine Reise durch Europa, die ihn unter anderem nach Wien führt, wo er als Türsteher in einem Nachtklub arbeitet. Ansonsten nützt er die Frischzellenkur hauptsächlich für jede Menge Sex – einmal schläft er innerhalb von 24 Stunden mit sechs oder sieben Frauen. "Nicht dass man so etwas öfter erleben muss. Ungefähr einmal im Leben reicht vollkommen." Das Lotterleben verliert bald seinen Reiz, und schneller, als er gedacht hatte, geht Adam das Geld aus ("allein der Preis für Kondome!"). Also beschließt er, die letzten Monate seiner Existenz als "Neukörper" in Askese zu verbringen – und heuert auf einer griechischen Insel in einem Frauen-Selbsterfahrungszentrum als "Mädchen für alles" an. Dort trägt sich die eingangs geschilderte Strandszene zu, ehe der Roman sich in eine Art Thriller verwandelt und genauso kolportageartig endet, wie er begonnen hat.

"The Body", wie "In fremder Haut" im Original heißt, ist ein enttäuschendes Buch. Aus der an sich dankbaren Situation – siehe Oscar Wildes "Dorian Gray" – schlägt der Autor erstaunlich wenig Kapital. Offenbar wollte er über den Umweg der radikalen Verjüngungsaktion über den Skandal des Alterns schreiben. Aber Kureishi scheint von seiner Idee so überzeugt gewesen zu sein, dass er auf psychologische und sonstige Feinheiten keinen Wert gelegt hat.
"Mir wurde klar, in welch hohem Maße mein eigener Tod zu einem Bestandteil meines Lebens geworden war", sinniert Adam kurz nach seiner Mutation. "Als mittelloser junger Mann hatte ich immerzu gedacht: Habe ich genügend Geld dafür? Als älterer Mann hingegen trieb mich ein anderer Gedanke um: Habe ich die Zeit dafür?" Eine auch vor der Lektüre dieses Buchs berechtigte Frage.

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 21)


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