Auf überwachsenen Pfaden

von Knut Hamsun, Alken Bruns

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: List
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 26/2002

Sein Engagement für die Nazis hat Knut Hamsun zu einem der umstrittensten Autoren des 20. Jahrhunderts gemacht. Dass sich der große Epiker gegen den Propagandisten durchsetzen konnte, beweist nicht zuletzt sein nun neu übersetztes Buch "Auf überwachsenen Pfaden".

Am 19. Februar 1952 starb der 93-jährige Knut Hamsun, verarmt, schwer krank und widerwillig gepflegt von seiner zerrütteten Familie auf seinem verfallenden Hof Nörholm. Er war einer der meistgehassten Männer Norwegens, Hunderte Exemplare seiner Bücher wurden ihm von seinen Lesern über den Gartenzaun zurückgeworfen - eine in der Literaturgeschichte wohl einzigartige Geste kollektiver Verachtung.

Hamsun wurde unter dem Namen Knud Pedersen 1859 in Gudbrandsdalen geboren; seine Schulausbildung war notdürftig, eine Universität besuchte er nie. Als junger Mann schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, war Hauslehrer und Straßenarbeiter und wanderte, wie viele Landsleute, nach Amerika aus. Er war Farmarbeiter und Straßenbahnschaffner in Chicago und lebte nach seiner Rückkehr nach Norwegen, in bitterster Armut, von journalistischen Gelegenheitsarbeiten. Ein zweites Mal ging er nach Amerika, ein zweites Mal kehrte er zurück und schrieb in Kopenhagen die stark autobiografische Geschichte eines unterernährten, von Verzweiflung und Wahnvorstellungen geplagten jungen Mannes. "Hunger" erscheint 1890, bereits unter dem Pseudonym Knut Hamsun, und wird sofort ein Erfolg. In den nächsten Jahren folgen unter anderem die beiden Meisterwerke "Mysterien" und "Pan", in denen Hamsun seine psychologische Erzählkunst perfektioniert: Die exaltierten Helden Nagel (in "Mysterien") und Glahn (in "Pan") leiden unter einer nervösen Überreiztheit, die Handlungsmotivationen überflüssig zu machen scheint: So verspielt etwa Glahn die Zuneigung der von ihm verehrten Edevarda, indem er ihr - eine Szene von grandioser Komik - bei einer Bootsfahrt unversehens den Schuh vom Fuß reißt und ihn ins Wasser schleudert. Als sie ihn später, ihrerseits nicht ohne Sadismus, auffordert, ihr seinen geliebten Hund zu schenken, erschießt er diesen und lässt ihr die Leiche bringen.

Was bei dem Helden von "Hunger" noch mit physischer Schwäche erklärbar war, wird bei Nagel und Glahn zu neurotisch verfeinerter Lebensunfähigkeit. Wie sein Zeitgenosse Strindberg wandte Hamsun sich gegen Ibsens psychologischen Naturalismus; wie Strindbergs Stücke sind Hamsuns frühe Romane vollgesogen mit jener Stimmung nervlicher Überreiztheit, die in der Literatur des späten neunzehnten Jahrhunderts groß in Mode war. Das erklärt ihren prompten Erfolg, macht die Lektüre heute aber nicht immer leicht; sie sind ebenso in die Jahre gekommen wie die rankenreichen Jugendstilillustrationen, mit denen der deutsche Verleger die Erstausgaben schmücken ließ.

Nach einigen erfolgreichen, aber nicht wirklich erstklassigen Romanen wie dem kalkulierten Bestseller "Viktoria" klingen in den ländlichen Schelmenerzählungen "Schwärmer" und "Benoni" neue Töne an: Hamsun wendet sich den norwegischen Bauern und Fischern und der Welt seiner Jugend zu. Sein neuer Stil ist geprägt von einer scheinbar beiläufigen Umgangssprache, einer kalkulierten Vermischung von direkter und referierter Rede, einer raffinierten Dramaturgie von Zeitsprüngen und -dehnungen, gegen die Hemingway, Carver und viele andere Anhänger des "einfachen" Schreibens überladen, ja umständlich wirken. In der "Wanderer"-Trilogie inszeniert Hamsun ein vielschichtiges Spiel von Autobiografie und Fiktion um die Liebesabenteuer des alternden Schriftstellers und Landarbeiters Knud Pedersen (!), in "Segen der Erd" schildert er in archaisch-biblischem Ton das Dasein einfacher Bauern. Der Roman trägt ihm 1920 den Nobelpreis ein und wird zu einem der Lieblingsbücher der Nationalsozialisten.

Hamsun zeigt sich in "Segen der Erde" als entschiedener Feind alles Technisierten, Urbanen und Internationalen. Allerdings ist "Segen der Erde" kein faschistisches Buch. Es enthält zwar eine Glorifizierung des Bodens, aber (im Unterschied etwa zu Céline) keine des Blutes, und eine Vielzahl ironischer Brechungen verhindern, dass es jemals zur bloßen Propaganda verkommt. Während sich viele der "einfachen", "unverbildeten" Charaktere als bösartig und dumm entpuppen, ist es der Industrielle Geißler, der dafür sorgt, dass die Idylle überhaupt gedeihen kann; die Rückkehr zur Natur geschieht unter dem Schutz eben jener Technisierung, der sie zu entkommen meint. Dennoch ist "Segen der Erde" ein Plädoyer gegen die Moderne, wie es wirksamer wohl nie geschrieben wurde. Unter allen Schriftstellern, die dem Nationalsozialismus nahe standen, ist Hamsun, eben weil er der beste und der einzige mit Überzeugungskraft ist, auch der gefährlichste.

Das gilt auch für die zwischen 1923 und 1933 verfasste Romantrilogie "Landstreicher", "August Weltumsegler" und "Nach Jahr und Tag"; sie ist Hamsuns bleibender Beitrag zur Weltliteratur und eines der größten Meisterwerke der epischen Kunst. Geschildert werden die Lebensläufe einiger Dutzend Menschen in einer Fischerbucht im hohen Norden. Die Verkörperung all dessen, was Hamsun ablehnt, ist der viel gereiste Aufschneider August, der Handel und Industrie in die Bucht bringt und die Menschen zu Unzufriedenheit und wirtschaftlichen Spekulationen aufstachelt. Doch eben dieser August ist nicht nur die faszinierendste Figur, sondern auch der einzige wirklich gute Mensch, wohingegen die Sesshaften und Erdverbundenen nur egoistisch ihre eigenen Zwecke verfolgen. Gegen die alle drei Bände durchwirkende Metapher vom modernen Leben als heimatlosem Landstreicherdasein setzt sich August - die perfekte Synthese aus Hamsuns frühen neurotischen und späteren vitalen Figuren - mit seiner fröhlichen Lebenskraft, seinen anziehenden Lügen und seinem Wagemut immer wieder durch, behält gegen den eigenen Autor recht.



Mit der deutschen Okkupation beginnt Hamsuns dunkelste Phase. Angeleitet durch seine Frau, eine überzeugte Nationalsozialistin, und beeindruckt von Hitlers Versprechen, Norwegen eine europäische Vormachtstellung zu sichern, schreibt er Artikel, in denen er für die von Deutschland eingesetzte Quisling-Regierung wirbt; und obwohl Hamsuns einziges Treffen mit dem deutschen Diktator zu einem Desaster gerät (er versucht, sich über Verbrechen der Deutschen in Norwegen zu beschweren, worauf Hitler das Gespräch wütend abbricht), verfasst er noch nach dessen Tod einen hymnischen Nachruf auf Hitler. Nach Kriegsende wird Hamsun verhaftet, monatelang in der Psychiatrie festgehalten und schließlich als geistig verwirrt freigelassen; ein Befund, der ihn sehr verletzt und den er 1949 mit seinem letzten Buch "Auf überwachsenen Pfaden" souverän widerlegt: Noch einmal zieht er alle Register seines Könnens und kombiniert Rechtfertigungsreden, Erzählfragmente und Angriffe gegen seine Ankläger mit berührend gelassenen Meditationen über das Altern.

Hamsuns Meisterschaft macht es einem schwer, sich diesem letzten Buch, das jetzt in einer neuen deutschen Übersetzung erschienen ist, mit der nötigen Vorsicht und Distanz zu nähern: Wie andere Hauptwerke dieses so produktiven und weltanschaulich problematischen Schriftstellers wird es, das kann man getrost voraussagen, länger gelesen werden als diejenigen vieler politisch anständigerer Kollegen.

Daniel Kehlmann in FALTER 26/2002 vom 28.06.2002 (S. 63)


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