Meilensteine der Bach-Interpretation 1750-2000
Eine Werkgeschichte im Wandel

von Martin Elste

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Verlag: J.B. Metzler, Part of Springer Nature - Springer-Verlag GmbH
Format: Hardcover
Genre: Musik
Umfang: 20 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.12.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Feiern gerne, aber wie? 2000 ist Bach-Jahr (250. Todestag am 28. Juli), doch von einigen wenigen Großprojekten abgesehen ist rund um den Thomaskantor wenig zu hören. Dass die kommerzielle Verwertung dieses Komponisten um einiges schwieriger werden würde als die des letztjährigen Jubilars Johann Strauß, merkte nicht nur die Plattenindustrie. Die Musik des Walzerkönigs war populär, sein Leben anekdotenreich, seine Zeit nah genug, um mehr als ein ganzes Jahr lang ordentlich medialen Rummel veranstalten zu können. Bach wirkt dagegen geradezu unnahbar. Sicher gilt er vielen als der größte Komponist aller Zeiten, nur ist von seinem Privatleben kaum etwas Sensationelles bekannt - und überhaupt ist er doch schon ziemlich lange tot. Aber im Bach-Jahr nur andächtig seiner genialen Musik zu lauschen muss auch nicht sein. Immerhin sind nun einige Bücher erschienen, die den Zugang zu Bach auf zum Teil ungewöhnliche Weise erleichtern.
Einen der einfallsreichsten Wege ging dabei der Musik- und CD-Kritiker (Die Zeit, FonoForum) Martin Elste - den Weg über Bachs Musik nämlich, genauer: den über Bachs klingende Musik. Anstatt sich lange mit trockenen Werkanalysen aufzuhalten, zeichnet Elste zunächst 250 Jahre Interpretationsgeschichte nach - von den ersten Notensammlern nach Bachs Tod über die von Felix Mendelssohn ausgelöste Bach-Renaissance bis hin zur historischen Aufführungspraxis unserer Tage -, um danach Tonträger mit "Meilensteinen der Bach-Interpretation" aufzulisten und zu beschreiben, was diese auszeichnet.
Die Frage, wer denn nun den "wahren Bach" spiele, wird dabei natürlich nicht geklärt. Rosaly Tureck oder Glenn Gould, Philippe Herreweghe oder Ton Koopman, Karl Richter oder Nikolaus Harnoncourt? Diese Entscheidung muss beim CD-Kauf immer noch jeder selbst treffen. Doch können Elstes "subjektive Bewertungen auf wissenschaftlicher Grundlage" nicht nur dabei helfen, sondern auch klarmachen, worauf genau man hören sollte, wenn man Bach hört. Wie viel sich in Sachen Bach-Interpretation allein während der letzten hundert Jahre getan hat, wird auf der beigelegten CD klar, mit 17 seltenen Tonbeispielen, u.a. von Alfred Cortot, Otto Klemperer, Adolf Busch und Albert Schweitzer. Sensation für Freaks: Wanda Landowskas Tonträgerpremiere von 1908 mit dem ersten Satz des "Italienischen Konzerts", zugleich die älteste Aufnahme eines Cembalos überhaupt, wird hier erstmals veröffentlicht. Zu hören ist in all dem Rauschen allerdings kaum etwas.Klassischer als Elste ging Konrad Küster als Herausgeber sein "Bach Handbuch" an. Auf beinahe 1000 Seiten bringen er und Autoren wie Michael Kube, Siegbert Rampe oder Peter Schleuning Analysen und Einführungen zu jeder einzelnen Werkgruppe Bachs - wissenschaftlich zwar, aber meist alles andere als unverständlich. Ergänzt werden diese Texte durch Aufsätze zu Themen wie "Bachs politisches Profil" (von Ulrich Siegele) oder "Bach und die Theologie" (von Martin Petzoldt); das Kapitel "Zur Aufführungspraxis Bach'scher Musik seit 1750" trug übrigens Martin Elste bei. Zumindest wer sich sein CD-Regal mit allen Bach-Kantaten füllt, sollte sich auch diesen Wälzer leisten können.Claudia Maria Knispel hat zum Bach-Jahr den Anfang aller Bach-Forschung neu herausgegeben und eingeleitet, Johann Nikolaus Forkels "Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke" von 1802. Seine musikhistorische Einschätzung Bachs ist vor allem dem Versuch verpflichtet, den Deutschen als Volk der Dichter und Denker auch einen musikalischen Nationalheros zu geben: "Die Werke, die uns Joh. Seb. Bach hinterlassen hat, sind ein unschätzbares National-Erbgut, dem kein anderes Volk etwas Ähnliches entgegensetzen kann."
Vor allem aber hat Forkel biografisch einiges zu bieten. Seine wichtigste Quelle war Bachs auskunftfreudiger Sohn Carl Philipp Emanuel. Der überließ dem Autor nicht nur einige Noten des Herrn Papa (wofür sich Forkel mit Mettwürsten revanchierte), sondern vor allem auch - sonst eher selten zu finden - Anekdoten aus dem Leben des Thomaskantors: Schilderungen von Reisen der Bach-Familie oder Geschichten über Orgelbelastungstests machen Forkels Biografie auch heute noch lesenswert.

Carsten Fastner in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Bach-Handbuch (Konrad Küster)
Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke (Johann Nikolaus Forkel, Claudia Maria Knispel)

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