Stalins letzte Opfer
Verschleppte und erschossene Österreicher in Moskau 1950-1953

von Stefan Karner, Barbara Stelzl-Marx

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Oldenbourg
Erscheinungsdatum: 01.05.2009

Rezension aus FALTER 29/2009

Vom Gefängnis in Baden zur Erschießung nach Moskau

Als die Rote Armee Österreich im April 1945 vom Nationalsozialismus befreit, bringt sie das Sowjetsystem mit. Das – wie es in Moskauer Diktion heißt – von den "faschistischen Besatzern" befreite Land macht sogleich Bekanntschaft mit wenig heiligen Segnungen: Die zahllosen Plünderungen und Vergewaltigungen konnten noch dem individuellen Verhalten einzelner Rotarmisten zugeschrieben werden, die Verschleppungen österreichischer Bürger durch "die Russen" wurden jedoch von der Sowjetmacht selbst organisiert und durchgeführt. Der Stalinismus zeigte seine diktatorische Fratze.
Der Grazer Historiker Stefan Karner hat seit der Öffnung russischer Archive zahlreiche Aspekte dieser Anfangszeit der Zweiten Republik aufgearbeitet. In kleineren Studien und generalstabsmäßig angelegten Forschungsprojekten ging es um das Schicksal der Kriegsgefangenen oder um den legendären Fall Ottilinger. In zwei monumentalen Bänden wurde die Besatzung durch die Rote Armee dokumentiert: Voriges Jahr erschien "Die Rote Armee in der Steiermark". "Stalins letzte Opfer" entreißt nun die Geschichte von 104 Österreichern, die nach 1950 in der Sowjetunion hingerichtet wurden, dem Vergessen. Das Ganze geschieht mit der allen Karner-Projekten eigenen Mischung aus Betroffenheit und Propaganda; ein Gutteil der Texte wurde zwar schon mehrfach publiziert, und was sich als für ein breites Publikum aufbereitete Zeitgeschichte darstellt, ist vielfach äußerst sperrig. Dennoch sollte das Buch zur Pflichtlektüre aller "gelernten" Österreicher gehören!

Verschleppungen von Österreichern waren in der Nachkriegszeit gang und gäbe. Am 8. April 1951 titelte die Arbeiterzeitung: "Doppelter Menschenraub in Wien: Ein Steuerberater und sein Freund unter mysteriösen Umständen verschleppt". Und nur wenige Tage später: "Der vierte Menschenraub in einer Woche". Anhand der sowjetischen "Strafakte" – von der Anklageschrift bis zu berührenden Gnadengesuchen – werden die Lebensgeschichten, genauer gesagt die Todesgeschichten von 104 Personen rekonstruiert: von A–Z, von Hermann von Aken-Quesar (hingerichtet am 30.7.1945) bis zu Ljudmilla Zwinger (erschossen am 28.8.1950). Das älteste Opfer ist 65 Jahre alt, das jüngste ein 21-jähriger Student.
Da findet sich etwa der Fall des Neulengbacher Eisenbahners Buger, der die Zugbewegungen der Sowjets verzeichnet und an die Franzosen verkauft; eine Putzfrau aus Baden spitzelt in einer sowjetischen Kaserne Harmlosigkeiten aus, das heißt, sie erzählt ihrem Freund Alltägliches, ohne zu wissen, das diese "Informationen" beim britischen Geheimdienst SIS oder beim amerikanischen CIC landen; ein 21-jähriger Arbeiterkammer-Mitarbeiter bietet aus "antisowjetischer Überzeugung" seine Kenntnisse über Vorgänge in der russischen Erdölförderung an.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es gab in der Nachkriegszeit auch eine Reihe von Österreichern, die von den Militärverwaltungen der westlichen Alliierten zum Tod verurteilt wurden. Die Amerikaner sprachen wegen "schwerster Kriegsverbrechen" achtmal ein Todesurteil aus, die Briten insgesamt 42-mal. Und einige tatsächliche Kriegsverbrecher wurden von den österreichischen Behörden ganz offiziell an die Sowjets übergeben.
Beim Großteil der von sowjetischen Militärgerichten inkriminierten Vergehen handelte es sich aber um "Harmlosigkeiten", um "allgemein zugängliche Informationen". Das Buch beleuchtet mit Essays die Rolle der österreichischen Kommunisten; die äußerst wichtige strategische Bedeutung der österreichischen Erdölfelder bei Matzen, die in sowjetische Verwaltung übergegangen waren; die Tätigkeiten der westlichen Geheimdienste und schließlich – auf höchst akribische Weise – den "sowjetischen Teil" der 104 Todesurteile.

Der Weg durch die Mühlen der sowjetischen Justiz wird minutiös nachgezeichnet: vom Gefängniskeller in Baden bei Wien und dem Transport in die UdSSR bis zur Erschießung im Moskauer Butyrka-Gefängnis und zur Einäscherung der Leichen im Donskoj-Friedhof, der sich fast im Zentrum Moskaus befindet. Die genaueren Umstände von ­Verhaftung und Hinrichtung waren den Angehörigen meist jahrzehntelang vorenthalten worden. Bitterer Nachgeschmack: Die letzte Ruhestätte beherbergt Opfer und Täter des Stalinismus direkt nebeneinander.
"Stalins letzte Opfer" pflegt, so könnte man einwenden, auch ein wenig den österreichischen Opfermythos weiter. Österreich ist nicht mehr das Opfer des Nationalsozialismus, sondern ein Opfer von Stalin, der uns von den Nazis befreit hat. Beides ist ebenso richtig wie falsch. Man kann das Buch aber auch "positiv" auffassen: als Teil jener neuerdings vielfach beschworenen gesamteuropäischen Erinnerungskultur, in der von Siegern und Besiegten, von Befreiern und Befreiten nicht mehr die Rede ist. Ein wenig mehr Interpretation hätte man sich auf den fast 700 Seiten aber in jedem Fall gewünscht.
Was den russischen Umgang nicht nur mit den etwas pompös als "letzte Opfer Stalins" titulierten Österreichern angeht, so wird diese Frage ohnedies dezent umgangen: Das könnte künftige Archivarbeit gefährden, und ohnedies kennt sich in Moskaus geschichtspolitischen Belangen heute keiner mehr aus. Anlässlich des russischen Siegestages am 9. Mai erließ Präsident Medwedjew ein Gesetz, das alles, was nur den geringsten Zweifel an Stalins Ruhmes­taten im Zweiten Weltkrieg aufkommen lässt, unter Strafe stellt; allerdings legte wenige Tage später Premier Putin auf dem Donskoj-Friedhof an den Gräbern einiger der einst größten Feinde der Sowjetmacht Blumen nieder.

Erich Klein in FALTER 29/2009 vom 17.07.2009 (S. 16)


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