Wörterbuch der "Vergangenheitsbewältigung"
Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch

von Thorsten Eitz, Georg Stötzel

€ 32,90
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Verlag: Olms, Georg
Format: Taschenbuch
Genre: Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 6 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2007

Rezension aus FALTER 16/2009

Von A wie Anschluss bis Z wie Zigeuner

Wenn man heute die Gutmenschen hernimmt, dann muss man schon fast ein Wörterbuch dabeihaben. Da gibt es schon fast tausende Vokabel, die verboten sind in diesem Land – wenn es nach denen ginge." FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache 2008 beim Neujahrstreffen seiner Partei, kurz bevor er "bewusst zynisch" die geplante österreichische Ratifizierung des Lissabon-Vertrags mit dem "Anschluss" 1938 verglich: Damals habe es – so Strache – eine sehr fragwürdige Volksabstimmung gegeben, 2008 habe man einen Anschluss an eine zentralistische und diktatorische EU gar ohne Abstimmung vor.
Ja, es gibt diese Nachschlagwerke, die so mancher Politiker bisweilen konsultieren sollte. Etwa das mittlerweile zweibändige "Wörterbuch der ‚Vergangenheitsbewältigung'", in dem auf mehr als 1400 Seiten 2000 Vokabeln abgehandelt werden. Thorsten Eitz und Georg Stötzel, zwei Düsseldorfer Germanisten, klären akademisch fundiert auf und beschäftigen sich mit insgesamt 60 Themenbereichen von A wie "Anschluss (Österreich)" bis Z wie "Zigeuner". Herausgekommen ist ein wertvolles Nachschlagewerk, das aus einer explizit bundesdeutschen Perspektive der NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch nachspürt. Mit gut informierten Essays gehen sie dabei auch dank reichhaltiger Belegzitate weit über allgemeine Nachschlagewerke hinaus.

Mit konkreten Wortgeschichten wird auch die Rezeption von NS-Verbrechen nachvollziehbar: Das nach 1945 massiv belastete Geschichtsvokabel "Vergasung", ursprünglich ein Begriff aus der Physik, war im Dritten Reich öffentlich zwar mit Euphemismen wie "Behandlung", "Desinfektion", "Transportierung", "Durchschleusung", "Umsiedlung", "Sonderaktion" oder "Sonderbehandlung" umschrieben worden. In internen Nazigeheimberichten war jedoch schon 1942 von "Vergasung" die Rede. Gleichzeitig berücksichtigt das Wörterbuch aktuelle Beispiele, etwa den Disput um die linke Tageszeitung taz, die nach einem satirischen Artikel über den polnischen Präsidenten Lech KaczynŽski von der polnischen Außenministerin 2006 mit dem NS-Hetzblatt Stürmer verglichen wurde.
Der kürzlich erschienene Band zwei des Wörterbuchs startet zudem mit einem aufschlussreichen Essay zur widersprüchlichen Geschichte von Vergleichen mit dem Nationalsozialismus: Einerseits wurden Nazivergleiche in Nachkriegsdeutschland stets bekämpft, andererseits erwies sich diese Kritik am Vergleich und somit an der Verharmlosung von NS-Verbrechen als wirkungslos – sowohl links und rechts im politischen Spektrum.
Hatten sich in einer ersten Phase des Kalten Kriegs beide Deutschländer wechselseitig eine Kontinuität zum Dritten Reich vorgeworfen, begannen konservative Politiker mit der Gleichsetzung des Nationalsozialismus und der kommunistischen Regimes in Osteuropa – auch im sogenannten Historikerstreit von 1986 über die Gleichsetzbarkeit von "Rassenmord" und "Klassenmord" wurde dies zum Thema.

Aber auch die Linke verglich ausgiebig: im Bundestagswahlkampf 1980 den konservativen Franz Josef Strauß mit Adolf Hitler und die Politik Israels mit jener der Nazis. Oskar Lafontaine (damals SPD) bezeichnete 1985 die Rüstungspolitik sogar als "noch schlimmer als die NS-Verbrechen in den Schreckenslagern". Österreichische Beispiele wie etwa Straches "Anschluss"-Vergleich der EU mit einem Dritten Reich fehlen. Dennoch ist der Band auch aus austriakischer Sicht eine wertvolle Lektüre.
Ebenfalls mit dem bundesdeutschen Sprachgebrauch beschäftigt sich ein prominentes Autorenkollektiv in "Schöner Leben. Wie man politisch unkorrekt ist". Manche Begriffe, vor allem virulent gebliebene Vokabeln mit NS-Bezug wie Jude, Antisemitismus und -zionismus, kommen sowohl im "Wörterbuch der ‚Vergangenheitsbewältigung'" wie auch in diesem Büchlein vor. Doch die Autoren verfolgen eine andere Mission: Aus der bequemen und bewusst eingesetzten Rolle des eher konservativen Sprachkritikers prügeln sie gekonnt auf etwa 200 Stichworte ein – auf vieles, was einem vermeintlich progressiven Diskurs heilig ist.
Selbst "Diskurs" wird geschlachtet: Früher habe das Wort Über-etwas-Nachdenken bedeutet, nun sei es ein postmodernes Füllwort, das Instantgelehrsamkeit suggeriere. Es gehe um jenen Teil der deutschen Sprache, der das Denken ersetze – so Josef Joffe, Exherausgeber der politisch korrekten Wochenzeitung Die Zeit.
In der Tat verleiten zahlreiche polemische Artikel zum Nachdenken über Sprachgebräuche und ihre politischen Kontexte, gleichzeitig erweist sich das Büchlein auch als äußerst unterhaltsam. Ernesto Che Guevera wird etwa zum "‚Bambi' der korrekten Gesinnung" erklärt, Adolf Hitler angesichts seiner TV-Präsenz zum "interessantesten Menschen aller Zeiten" mit den kolportierten letzten Worten "Gäbt mirr 1000 Jahrre Sändezeit!", auch Jürgen Habermas und Günter Grass bekommen ihr Fett ab. Zahlreiche Einträge beschäftigen sich humorvoll mit ökologischen wie sozialen Themen, nehmen Bezug auf den journalistischen Jargon – "Glaubwürdigkeit" sei oft das Gegenteil von Wahrheit – oder beleuchten das deutsche Amerikabild.
Ein zentraler Begriff des politisch Unkorrekten fehlt hingegen in beiden Nachschlagwerken: im Band von Eitz und Stötzel wohl, weil "Gutmensch" trotz seiner möglichen Goebbel'schen Provenienz (Falter 03/09) kein zentraler Begriff des NS-Regimes war. Aber auch "Schöner Denken" kommt ohne eigenen Eintrag aus. Lediglich zweimal wird in Definitionen auf ihn verwiesen. Anarchisten seien "verkannte Gutmenschen" und der Dalai Lama der "ideelle Gesamtgutmensch".

Herwig G. Höller in FALTER 16/2009 vom 17.04.2009 (S. 18)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Schöner Denken

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