Der Geruch des Blutes
Mit einem Nachwort von Cesare Garboli

von Goffredo Parise, Monika Lustig

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Ein Mann wird älter: "Der Geruch des Blutes", Goffredo Parises posthum erschienener Roman ist das Protokoll einer obsessiven Selbstanalyse.

Ein verheirateter Mann hat eine um dreißig Jahre jüngere Freundin. Seine Frau findet sich zunächst mit der Situation ab, beginnt dann aber ihrerseits ein Verhältnis mit einem jungen Mann, der ihr Sohn sein könnte. Das wiederum ist eine Situation, mit der der Mann ganz und gar nicht fertig wird. Der Plot klingt nach Hera Lind, aber schon der Titel "Der Geruch des Blutes" legt nahe, dass wir es bei Goffredo Parises letztem Roman mit einem Buch von anderem Format zu tun haben. Den Geruch des Blutes – "süßlich, leicht zum Lachen reizend" – hat der Ich-Erzähler, ein römischer Psychiater namens Filippo, zum ersten Mal an einem verwundeten Soldaten in Vietnam wahrgenommen (wie es ihn dorthin verschlagen hat, bleibt übrigens ungeklärt). Seitdem steigt ihm der unheimliche Odeur immer wieder in die Nase, meist allerdings im metaphorischen Sinn: Der Geruch des Blutes ist für Filippo zum Synonym für das Leben geworden, genauer gesagt, für jene intensiven Momente, in denen man leidenschaftlich spürt, dass man am Leben ist – und einem zugleich schmerzlich bewusst ist, dass man sterben wird. Zwanzig Jahre lang haben Filippo und Silvia eine glückliche Ehe gelebt: Beide liebten sich innig bis zur Symbiose, und die Seitensprünge, mit denen er das eher mäßig ausgeprägte sexuelle Verlangen seiner Frau kompensierte, schienen die Beziehung nicht zu gefährden, eher im Gegenteil. Umso größer die Verstörung, als Silvia eine Affäre mit einem halbstarken Bürgersohn aus der hiesigen Fascho-Szene beginnt, die anscheinend ernster ist, als sie selbst sich eingestehen mag. Filippos ohnedies schon unstetes Gefühlsleben, in dem er zwischen seiner Frau in der Stadt und seiner Geliebten am Land hin und her gerissen war, droht endgültig aus dem Gleichgewicht zu geraten. Die Verschwiegenheit seiner Gattin regt Filippos Fantasie so heftig an, dass er eines Nachts in allen Details eine Szene vor Augen hat, in der Silvia den Jungen oral befriedigt. Nach der Fellatio-Vision diagnostiziert Filippo an sich selbst eine Obsession, die er nur durch Verifizierung heilen zu können glaubt. Die rituellen täglichen Telefonate mit seiner Frau (die ihn mittlerweile aus der gemeinsamen Wohnung verbannt hat) werden mehr und mehr zu Verhören, in denen er ihr immer neue Details über ihren Liebhaber und ihr Liebesleben zu entlocken versucht. Der Seelenarzt betrachtet Silvia einerseits wie eine Patientin, obwohl ihm andererseits bewusst ist, dass er selbst der Kranke ist. Dass der Erzähler als Analytiker und Ehemann zugleich auftritt und sich dabei permanent in Widersprüche verwickelt, ist erstens nicht unwitzig und erzeugt zweitens einen schizophrenen Sog, von dem mit Filippo auch der Leser erfasst wird.

Als Parise 1979 "L'odore del sangue" schrieb, hatte er gerade einen Herzinfarkt erlitten, von dem er sich bis zu seinem Tod, sieben Jahre später, nicht mehr wirklich erholen sollte. Er hämmerte den Roman so schnell und atemlos in die Maschine, dass die Typoskriptseiten später zum Teil nur schwer zu entziffern waren, und legte ihn anschließend in die Schublade. Dass Parise den Text nicht mehr korrigiert hat, ist dem im Original 1997 erschienenen Buch vor allem daran anzumerken, dass einzelne Passagen nahezu wortgleich wiederholt werden. Trotzdem war es richtig, den Roman zu veröffentlichen. "Der Geruch des Blutes" ist das Persönlichste und Radikalste, was Parise je geschrieben hat. Seit seinem meisterhaften Erzählband "Alphabet der Gefühle" darf der italienische Schriftsteller und Journalist als Koryphäe auf dem Gebiet der Beschreibung emotionaler Zustände bezeichnet werden. Den "Geruch des Blutes" kann man als Nachtrag zum "Alphabet der Gefühle" lesen: E wie Eifersucht. Nichts anderes als verzweifelte Eifersucht ist es, die Parises Helden treibt, und wie im "Alphabet" versucht der Autor auch hier, ein Gefühl von innen heraus zu beschreiben, ohne es konkret zu benennen. Filippo ist eifersüchtig auf den Penis des Rivalen, den er sich "dunkel, riesig, schrecklich hart" und "wie einen Krummsäbel gebogen" vorstellt – und damit auch "auf das Leben, das in Silvia und nicht in mich eindrang". Es kommt die Zeit, da ist der Schwanz des Mannes nicht mehr so hart wie das Leben. Daraus folgt: "Das eigentliche Problem der Menschen über fünfzig ist in Wirklichkeit nicht der Sex, sondern der Tod." Als Goffredo Parise das schrieb, war er gerade fünfzig geworden.

Wolfgang Kralicek in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 15)


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