Die Glut
Roman

von Sándor Márai, A. Gyurko

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Sándor Márais 1942 erstmals erschienener Roman "Die Glut" ist die ungarische Variante des Habsburger-Mythos und besticht durch ein formgebändigtes Erzählen, das aus einem Minimum an Handlung ein Maximum an Spannung holt.

Durchschnittsalter der Hauptakteure: knapp über 80. Zunächst zwei Herren, beide 75: Der eine ein pensionierter General und Angehöriger des ungarischen Hochadels namens Henrik, der andere sein Jugendfreund Konrád. Dazu kommt Henriks Amme und Vertraute Nini, die bereits, ohne dass man es ihr ansähe, 91 Jahre zählt. Ort der Handlung: Henriks Jagdschloss am Fuße der Karpaten in Ungarn. Zeit der Handlung: 14. August 1940. Die beiden Herren haben einander seit dem 2. Juli 1899, also mehr als 41 Jahre, nicht gesehen. Offenbar hat Henrik mit Konrád, der überraschend seinen Besuch angekündigt hat, eine Rechnung zu begleichen.
Es scheint, als wäre Konrád von sich aus zu einem Duell mit Worten erschienen, zu dem ihn Henrik gefordert hat. Beider Vergangenheit wird durch Rückblenden und Dialoge aufbereitet. Man ahnt bald, dass ihre Freundschaft problematisch gewesen sein muss, mochten sie auch als unzertrennlich gelten. Wer vermutet, dass Liebe im Spiel war, liegt richtig. Konrád hatte, so geht aus der langen Rede Henriks hervor, eine Beziehung zu dessen längst verstorbener Frau Krisztina, ja mehr noch: Er hatte an jenem fatalen 2. Juli 1899 versucht, seinen Freund auf der Jagd zu töten. Henrik hält ihm das nun vor; Konrád, so muss man es wohl lesen, signalisiert Zustimmung durch Schweigen. Nachdem Henrik von dem Verhältnis seiner Frau mit Konrád erfahren hatte, lebte er von ihr getrennt. Das Tagebuch Krisztinas, das Aufklärung über alle offenen Fragen geben könnte, verbrennt Henrik ungelesen vor den Augen des Freundes im Kaminfeuer, und auf die Frage, ob sie von dem Mordanschlag auf der Jagd gewusst habe, gibt Konrád keine Antwort. Vor 41 Jahren war Konrád plötzlich und ohne Erklärung abgereist; nun reist er auch ab, aber die Form wird gewahrt: "Sie verabschieden sich wortlos voneinander, mit stummem Händedruck, und beide verbeugen sich tief." Konrád fährt zurück nach London, wo er nunmehr nach einem langen Aufenthalt in den Tropen lebt.
Subtil rekonstruiert Henrik die Geschichte der Freundschaft, die schon durch die mentalen und sozialen Unterschiede der beiden prekär ist: Konrád entstammt einer verarmten Familie, Henrik ist ein reicher Adliger; er identifiziert sich mit dem Beruf des Offiziers, während dies für Konrád nur eine Äußerlichkeit ist. Henrik ist ein Grandseigneur, für den Disziplin und Ordnung wichtig sind, während Konrád eine Künstlernatur ist und so nicht nur auf Krisztina, sondern bereits auf Henriks Mutter durch sein Klavierspiel mächtig zu wirken verstand.

Trotz aller Divergenzen gehören die beiden zusammen: Ihre Gegensätzlichkeit macht sie zu Komplementärfiguren, vor allem aber zu Repräsentanten einer versunkenen Welt. In Henriks Schloss scheint die Zeit stillgestanden zu sein; auch die Gegenwart – der Zweite Weltkrieg dauert ja schon fast ein Jahr – spielt so gut wie gar nicht in das Geschehen hinein. Erinnert wird an die Zeit, da der Kaiser Franz Joseph regierte und Johann Strauß in Wien dirigierte – wir haben es bei diesem Roman mit einer ungarischen Variante des habsburgischen Mythos zu tun, und man hat manchmal den Eindruck, als wäre das Buch von einem Autorenkollektiv verfasst, dem unter der Leitung Hofmannsthals neben Schnitzler auch Joseph Roth, Robert Musil und George Saiko angehören würden. Und in diese respektable Umgebung gehört das Ganze auch, trotz ein paar Sätzen, die die Mitautorschaft Lernet-Holenias vermuten lassen.
Erschienen ist die erste Auflage des Buches 1942, im Todesjahr Stefan Zweigs, in dem auch dessen "Die Welt von Gestern" veröffentlicht wurde. Dass diese habsburgische Patina in Italien Fortüne macht, verwundert weiter nicht: Márais Schriften sind dort auf den Bestsellerlisten zu finden. Doch man lasse sich nicht täuschen: Dignität und Dekor habsburgischer Provenienz bilden nur die hauchdünne Außenschicht, der ebenso vitalistischen wie lebensbedrohenden Philosophie Henriks die elegante Form gibt: "Wir sind Menschen. Uns ist aufgetragen zu töten. Das muß so sein ... Man tötet, um etwas zu beschützen."
In seiner Schilderung der Jagdszene schlägt eine archaische Note durch, die zur emphatischen Feier der Freundschaft führt, und die sei – so Henrik – gerade in dem Augenblick des Mordversuchs "lebendiger als je zuvor" gewesen. Ich gestehe, dass ich mich mit dieser Auffassung von Tötungsauftrag und Freundschaft nicht so leicht anfreunden kann und mich das Jagdszenario mehr an das Pathos der männlichen Tat bei den Helden Hemingways als an das Zögern von Hofmannsthals handlungsgehemmten Skeptikern erinnert. Die tiefe Bedeutung der Freundschaft, so abermals Henrik, liege nicht im gegenseitig erbrachten Opfer oder in der Zärtlichkeit, sondern in der Wahrung eines "wortlosen Bundes".
Hass und Freundschaft scheinen ineinander überzugehen, und es bedarf der Form, auf dass wir nicht Opfer dieser wuchtigen Einsichten werden. Eben weil Márai diese Form zu wahren weiß, vermag er auch dieser so wenig sympathischen Jagdideologie die tödliche Spitze zu nehmen: Entscheidend ist zuletzt doch, dass Konrád den Schuss auf den Freund nicht abfeuert. Gerade die Art des Umgangs mit dieser heiklen Materie weist Márai als einen Autor von Rang aus: Zu bedauern nur, dass bei dem Gespräch der Greise Konrád so gut wie gar nicht zu Wort kommt und seine Figur daher kaum Konturen erhält. Doch die Art, wie Henrik das Bild seines Freundes in der Rede konstruiert, lässt auch den meisterhaften Erzähler erkennen. Ein Roman, der nichts Überflüssiges zulässt und mit einem Minimum an Handlung ein Maximum an Spannung herstellt.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 5)


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