Mein Mörder

von Monika Helfer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 37/1999

Topfen Joghurt Nocciolone

Zwei heimische Glanzlichter im Bücherherbst: Monika Helfer und Paulus Hochgatterer überzeugen mit zwei grundverschiedenen Büchern und jugendlichen Helden.

Mit Kindern ist das so eine Sache. Sie sind schwierig. Kompliziert. Leicht geraten sie altklug, tun tiefe Wahrheiten kund. Und oft kommt es zu fürchterlichen Missverständnissen. Als Monika Helfer beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einen Ausschnitt aus ihrem soeben erschienenen Roman "Mein Mörder" las, empfand Juror Dieter Bachmann den Text als unangemessen "cool" und empfand ihn als (missglückten) "Versuch einer erfahrenen Autorin, Jugendbewusstsein und damit auch die Sprache von Jugendlichen wiederzugeben".

Weiter danebenliegen kann man kaum, und Helfer, die - wie sie im Gespräch mit dem Falter gestand - nur teilgenommen hatte, um ihr Buch zu promoten, zeigte sich damals entsprechend entsetzt: "Ich war völlig schockiert und habe mir gedacht: Wenn das jetzt die Runde macht, kann ich mich erschießen. Der Vorwurf, ich würde mich der Jugend anbiedern, trifft mich am meisten - weil ich nichts ärgerlicher finde."

Nun hatte Helfer zwar das Pech, preislos aus Klagenfurt scheiden zu müssen, allerdings auch keinen Grund, zur Waffe zu greifen. Die anderen Juroren vermochten nämlich die "inszenierte Naivität" des Textes und dessen "traurige, trockene Lakonie" (Iris Radisch) sehr wohl zu erkennen und zu schätzen. "Mein Mörder" ist eine Art Krimi, der allerdings gleichsam mit "zwei Stoßdämpfern" (Helfer) operiert. Ferdinand erzählt, was ihm der siebzehnjährige Tschakko Moosbrugger erzählt, der seinen Vater und dessen um vieles jüngere Geliebte erschossen hat, und er erzählt zugleich von sich, dem vaterlos mit Mutter und Großmutter aufwachsenden Buben, der um die prekäre Lage familiären Glücks weiß. "Gemütlich" lautet das Stichwort für den angestrebten Zustand. Aber "gemütlich ist es nur, wenn alles normal ist".

Ferdinands Geschichte spiegelt sich in der Geschichte Tschakkos, wobei die sprachliche Osmose, die im Prozess des erzählten Erzählens stattfindet, selbst zum Thema wird. Ferdinand stellt seine Sprachbilder dem offenbar um einiges älteren Tschakko zur Verfügung, tätigt Anleihen aus der Erwachsenenwelt und dem Fernsehen, macht sich die schriftstellerische Kompetenz der Autorin zunutze, wenn diese es so will. Das Ergebnis ist ein zwischen Poesie, artifizieller Naivität und wunderbaren Stilblüten ("É weil ich ja in einem Aufwasch alle Sauberkeit ihres Bettes ruiniert hatte") oszillierendes Idiom, das entwicklungspsychologisch versierte Naturalisten wenig befriedigen wird. Umso größeren Gewinn aus der Lektüre werden jene Leser ziehen, die der Auffassung sind, dass es zwischen den blutleeren Exerzitien einer autoreferenziellen "Avantgarde" und der reflexionslosen Süffigkeit lebensprallen Dahererzählens noch einen zeitgemäßen "dritten Weg" geben muss. Helfer geht ihn souverän.

"Mein Mörder" ist ein spannender, intelligenter, lakonischer und trauriger Roman, dem es, gleichsam im Vorbeigehen, gelingt, eine Mutter-Sohn-Beziehung zu skizzieren, die nur emotional völlig verkarstete Leser kalt lassen wird: "Sie hat nichts gelernt und nichts dazugelernt. Alles angefangen, nichts zu Ende gebracht. Deshalb arbeitet sie mit den Händen. Ich hoffe ja, dass sie nicht dumm ist", sagt Ferdinand über seine 35-jährige Mutter. Und: "Sie hat nur mich. Ihre Sehnsucht zerflattert und bleibt an mir hängen."

(...)

Klaus Nüchtern in FALTER 37/1999 vom 17.09.1999 (S. 63)


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