Die Zukunft ist fuzzy
Unscharfe Logik verändert die Welt

von Bart Kosko, Thorsten Schmidt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

McGeorge Bundy, ehemaliger Sicherheitsberater der USA, meinte einmal: "Grau ist die Farbe der Wahrheit" - und sprach damit eine tiefe Einsicht aus, die nicht nur für die Politik zutrifft. Denn in der Tat stellt sich die Welt für uns als großes Nebeneinander von nur vermeintlich scharf zu trennenden Gegensätzen dar. Wer könnte zum Beispiel eine klare Grenze zwischen schönem und schlechtem Wetter ziehen? (Engländer würden diese Frage sicher anders beantworten als etwa Spanier.)

Und trotzdem steht diese Auffassung in einem klaren Gegensatz zu unserer Sprachstruktur. Wenn wir Sachverhalte in Worte fassen, dann tun wir so, als gäbe es tatsächlich für alles und jedes klare Definitionen und Grenzziehungen. Historisch betrachtet, lässt sich diese Tradition auf Aristoteles' tertium non datur - ein Drittes gibt es nicht - zurückführen: Etwas kann X oder nicht X sein, aber sicher nicht beides.

Betrachtet man die Wortmeldungen des aktuellen US-amerikanischen Präsidenten zur weltpolitischen Lage, dann gewinnt man den Eindruck, dass George Bush die binäre Logik des Altertums in beeindruckender Weise verinnerlicht haben muss. Markige Friend-and-Foe-Botschaften lassen keinen Zweifel über die klar bestimmbare Grenze zwischen der guten und bösen Hemisphäre aufkommen. Ist also George W. Bush ein alter Aristoteliker?

Der US-amerikanische Elektrotechniker Bart Kosko vertritt in seinem Buch "Die Zukunft ist fuzzy" jedenfalls die These, dass wir die Welt zumeist viel realistischer abbilden können, wenn wir gewisse Unschärfen zulassen. "Fuzz" heißt Unschärfe - und interessanterweise lässt sich so etwas in eine logische Sprache, die fuzzy logic, übersetzen. Technische Anwendungen in Mikrowellenherden, Camcorders und Müllverbrennungsanlagen zeigen, dass das wunderbar funktioniert. In technischer Hinsicht hat die fuzzyness längst Einzug in unseren Alltag gehalten.

Und sprachlich? Man könnte die These vertreten, dass die Präferenz für Ja/Nein-Zwischenformen nach Süden hin zunimmt. Im norddeutschen Sprachraum etwa dominiert das glasklare "Jawoll", dessen Wahrheitswert exakt bei 1 liegt. Das beckenbauersche Diktum "Schau mer mal" und das Wienerische "Pomale" sind hingegen verbale Zustimmungen mit eingebauter Handbremse. (Deren Wahrheitswert liegt folglich irgendwo zwischen 0 und 1). Das heißt natürlich nicht, dass fuzzy immer besser sein muss. In öffentlichen Ämtern oder bei Eheschließungen können Wahrheitswerte nahe 1 durchaus praktisch sein.

Aber womöglich hat der texanische Aristoteliker Koskos Buch doch gelesen, wie folgender Bushismus vermuten lässt: "The legislature's job is to write law. It's the executive branch's job to interpret law." (Austin Texas Nov. 22 2000.) Ob das jetzt ein gelungen-ironisches fuzzy Bonmot oder ein politischer Lapsus ist, bleibt freilich wiederum eine Frage der Grenzziehung.

Robert Czepel in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 36)


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