Unmoralische Rezepte
zahlreiche Abbildungen

von Manuel Vázquez Montalban

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Wer Kochbücher einfach zum Kochen verwenden will, hats nicht immer leicht.

Der essende Koch und der lesende Dichter machen sich verdächtig. Karl Kraus


Wenn Schriftsteller kochen, ist Vorsicht angebracht. Der durchschnittlich misstrauische Rezensent wird vermuten, die Ambition des Autors konzentriere sich nicht auf die Rezepte, sondern auf die möglichst witzige und geistreiche Darstellung des Drumherum; der Schriftsteller als Arrangeur und Tischdekorateur, sozusagen. Im vorliegenden Fall wird der Verdacht des Rezensenten bestätigt.

Manuel Vazquez Montalban, der spanische Schriftsteller, dessen literarische Produktion ("über hundert Romane" vermerkt der Klappentext als Îuvre) ihn ohnehin im Reich des literarischen Fast food ansiedelt, hat ein Kochbuch geschrieben. Der Titel, "Unmoralische Rezepte", verspricht Prickelndes, löst dieses Versprechen aber nur selten ein. Jedem Rezept steht auf der linken Seite eine Montalban'sche Exegese gegenüber, die sich jedoch oft mit sanftem Zwang den Gegenstand ins Erotische biegt ("der Asturische Bohneneintopf ist kein Entree für ein kurzes Rein-Raus-Spielchen, sondern eines für lange und ausgiebige Stunden zu zweit ", na sowas).

Die Rezepte und Illustrationen sind alles andere als geistreich oder systematisch zusammengestellt. Falls Sie beispielsweise daran denken, die flambierten Bananen nachzukochen, folgen Sie Montalban bitte nicht: Er wälzt die phallische Frucht (huch!) in Mehl und Zucker, um sie dann in Butter "zu fritieren". Sollten sie das tun, verbrennt die Butter. Hören Sie auf mich: Sparen Sie sich das Mehl, karamellisieren Sie Zucker und Butter leicht, braten Sie die halbierten Bananen im Karamell und flambieren Sie sie meinetwegen wie angegeben. Oder Sie geben Orangen- und Zitronensaft zum Karamell, ehe Sie flambieren, dann erhalten Sie noch eine passable Sauce.Wenn Köche ihr erstes Kochbuch herausbringen, ist ebenfalls Vorsicht am Platz. Sie wollen nicht nur erfreuen, belehren und uns am Herd weiterbringen, sie wollen uns vor allem einmal zeigen, was sie so draufhaben. Im Haymon-Verlag hat der sympathische Martin Sieberer, Chef der Ischgler Paznaunerstuben, Träger dreier Gault-Millau-Hauben und österreichischer Koch des Jahres 2000 einen Band mit dem Titel "Von allen Sinnen. Kochkunst in den Alpen" vorgelegt. Wie Schriftsteller nicht kochen sollten, so sollten Köche nicht dichten. Aber das Prinzip "tue, was du nicht kannst" regiert ja heutzutage vom Bundespräsidenten abwärts allenthalben. Auch sein Material sollte man zu benennen wissen: "Der Felchen" ist ein Bodenseefisch (auch in gewissen Schweizer Alpenseen fängt man ihn), "das Fellchen" ist ein kleines Fell, eine haarige Tierummantelung, welche ich folglich nicht einmal gebeizt und mit Fenchelkaviarmousse zu mir nehmen möchte.

Und wenn ich schon nörgle: Statt Fischler-Vorwort, handgeschriebenen Rezepten und Fotos aus Sieberers Restaurant im Nachwort hätte ich ein Register der unerklärten Fachausdrücke ("mirepoix" etc.) vorgezogen. Und die Nachspeisen auf höchstem Niveau der Patissierkunst sind nur bedingt nachzukochen. Das Positive überwiegt jedoch bei weitem: Zu erwähnen sind die schönen Debütfotos von Christa Engstler und eine Reihe interessanter, wenn auch nicht ganz unaufwendiger Rezepte, vom Waller mit Linsen bis zur gebratenen Bauernente. Apropos Ente: Sieberers Temperaturangaben gehen von Profiherden aus; wenn Sie die Ente wie angegeben mit 100¡ dämpfen, mit 140¡ Umluft wärmen und mit 170¡ knusprig zu machen versuchen, werden Sie enttäuscht sein. Deshalb: Spezielles Backrohrthermometer verwenden! Resümee: Für Fortgeschrittene, an österreichischer Kochkunst Interessierte recht spannend, für Anfänger eher schwierig (obwohl Sieberer auch gute Brotrezepte und die nötigen Grundrezepte bereitstellt).

Armin Thurnher in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 35)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Von allen Sinnen (Martin Sieberer)

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