Geh mit mir

von Michael Köhlmeier

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Michael Köhlmeiers Roman "Geh mit mir" zeigt überstandige Hippies auf der Familiencouch. Schämen muss man sich für sie: der Vater, ein ständig bekiffter Alt-Achtundsechziger, der zu Hause rumhängt und in die Luft stiert; die Mutter, ein in die Jahre gekommenes Flower-Power-Girl, das ohne Bob Dylan, Velvet Underground und Neil Young in Depressionen verfällt und von LSD und Heroin zu Rohypnol und Schlehenlikör gewechselt hat. Mit solchen Eltern ist kein Staat zu machen. Wise Fink kann sichs nicht aussuchen. Was soll er tun? Sich eingraben? Den Kopf in den Sand stecken? Michael Köhlmeier blättert im Fotoalbum, kramt in gut verschlossenen Laden, fördert Erinnerungen zutage. Sein jüngster Roman, "Geh mit mir", führt ein Stück Familienleben vor. Alles fiktiv natürlich, klar, aber durchsetzt - so verrät der Klappentext - mit jenen Splittern aus des Autors Biografie, die schon in "Bleib über Nacht" zu finden waren.
"Wir sind anders als die anderen", bemerkt Wise. "Wir riechen anders als die anderen und sehen anders aus. Und haben keinen Beruf. Können nichts. Spielen keine Rolle." Als er das erkennt, ist Wise 20, driftet planlos durch den Alltag. Der Herzinfarkt seines Vaters, den dieser gerade noch überlebt hat, führt ihn ins Elternhaus nach Vorarlberg zurück, wo er - die klassische Exposition - im Bewusstsein des drohenden Todes der Eltern darangeht, die eigenen Wurzeln freizulegen.
An Fink senior kommt Wise schwer heran, der verschwindet schließlich in einem Kurheim. Mutter und Sohn hingegen öffnen sich einander und graben Schritt für Schritt jene Teile der Familienchronik aus, die bislang sicher verscharrt geblieben sind: Wieso hat sich der Vater nie durchringen können, einen Job zu ergreifen und sein Schicksal in die Hand zu nehmen? Wie ist es zur Krankheit der Mutter gekommen, die von einer Sekunde auf die nächste halbseitig gelähmt war und seitdem im Rollstuhl sitzt? Und wie sehr sind die Eltern ineinander verkrallt? Wie sehr sind sie von gemeinsamen Erinnerungen an die Konzerte von Tom Waits, Randy Newman oder Bruce Springsteen, an die Zeiten von Heroin, Psilocbin und Pervetin abhängig? Und ihre beiden Kinder, hatten die überhaupt Platz in dieser Liebe? Wise hat sich zeitlebens zwischen Vater und Mutter geduckt, fast so, als wäre er nicht vorhanden. "Und dort saß ich und spielte Luft."
Auch in Köhlmeiers Roman steckt viel heiße Luft. Die Geschichte ist ein Sammelsurium von Stoffen und Gedanken, die dahinplätschern, ohne richtig zusammenzufinden. "Ein Familienleben erfordert gemeinsame Geheimnisse", heißt es einmal, "wenigstens ein gemeinsames Geheimnis, selbst wenn die Tatsachen alle haarklein bekannt sind." Die Geheimniskrämerei wird auch in "Geh mit mir" kultiviert. Vieles bleibt so vage, dass es beliebig wirkt: die verzwickte Beziehung des Icherzählers Wise zu seiner Freundin; die seltsame Verbindung der Eltern Fink; die symbiotische Liebe zwischen Mutter und Sohn: "Ich öffnete vorsichtig meinen Mund und entließ meine Seele und gab ihr durch feines Blasen einen Stoß, lenkte sie hin zu meiner Mutter und ließ mich von ihr einatmen. Ich kreiste in ihrer Mundhöhle und tauchte in sie hinab, bis in ihr krankes Bein hinunter, und untersuchte das Bein und fand, dass man leider nichts machen konnte."
Michael Köhlmeiers Roman kommt in einem manieriert-naiven Tonfall daher, der nicht recht passen will zu diesem 20-jährigen Icherzähler, der sich selbst und seinen Platz auf der familiären Couch klar erkennt und analysiert. Fremd auch die vielen Sprüche und Sentenzen, die dieser Prosa einen seltsam betulichen Ton verleihen.
"Ich war eine Pflanze, die wartet", weiß Wise. Der Leser wartet mit ihm. Und dann ist das Buch plötzlich aus. Man klappt es zu und wundert sich: Wars das?

Susanne Schaber in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 14)


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