Die Besten
Die Preisträger aus 25 Jahren Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

von Iso Camartin

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 46/2001

Eine Sammlung aller bislang mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneten Texte ermöglicht einen Rückblick auf die historischen (Fehl-)Urteile der Jury und literarische Konjunkturzyklen.



Seit einem Vierteljahrhundert gibt es den Bachmann-Preis. Eine Anthologie der 25 Gewinner-Texte legt nun der Piper-Verlag vor; tollkühn hat er sie "Die Besten" genannt und damit jedem Gegner die uralten Argumente gegen den Wettbewerb geradezu aufgedrängt: dass Literatur nicht funktioniert wie Vorturnen, dass sich "beste" Texte doch nicht durch Kritikernoten und eine Abstimmung im Schnellverfahren ermitteln lassen, dass es für den Superlativ ohnehin kein Kriterium gibt ... Wohl wahr. Nicht ganz so schlicht war der Einwand, der Bewerb produziere seine eigene Art von Texten: Eine gut lesbare, ordentlich gebaute, psychologisch spannende Geschichte werde den Bedingungen am besten gerecht und von willigen Autoren bereits vorauseilend fabriziert. Solche Vorwürfe lassen sich an der Sammlung in Ruhe nachprüfen.

Noch eins vorweg: Kritisiert hat man hierzulande auch die etwas schiefe nationale Parität der Preisträger (18 in der BRD, der DDR, in Deutschland lebende Autoren, fünf Schweizer, aber nur zwei Österreicher). Interessanter finde ich persönlich das Geschlechterverhältnis des Gesamtbewerbs. Entgegen der landläufigen Annahme, Frauen kontrollierten ohnehin schon längst den Literaturbetrieb, war bloß ein Drittel (34 Prozent) der 555 Wettbewerbsteilnehmer weiblich. Dafür waren sie besser. Die Zahlen: Frauen kassierten 41 Prozent aller vergebenen Preise und Stipendien (umgerechnet auf das asymmetrische Geschlechterverhältnis also um zwanzig Prozent mehr als Männer!); unter 25 Bachmannpreisträgern waren neun Autorinnen (36 Prozent). Die Jury übrigens blieb jahrzehntelang fast reine Männerdomäne; erst die 3:4-Quote der letzten Jahre erhöhte den Frauenanteil der Kritikerbastion auf immer noch magere 23 Prozent.

Auch die Behauptung, die Veranstaltung sei ein reiner Nachwuchsbewerb geworden, lässt sich nicht halten. Das Durchschnittsalter der "Sieger"-Autoren lag bei erstaunlichen 39,2 Jahren. Wollen Sie also Preisträger werden, sind Sie statistisch immer noch am besten deutsch, Mann und um die vierzig.

Sagen schon diese (im Band leider nicht enthaltenen) Daten einiges über Bewerb bzw. Betrieb, so müssten die Texte zumindest tendenziell Auskunft geben über die Literaturgeschichte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Aus den Siebzigerjahren stammte zum Beispiel die "Neue Innerlichkeit", der Rückzug aufs nachdenkliche Subjekt. Und in der Tat: Zwei Drittel dieser Texte haben einen Icherzähler; zäh überlebt er bis 1993. Dann macht das Ich bis 1998 Pause, wird distanziert oder veräppelt ("Am Boden liegt ein Ich" hieß es 1995 bei Franzobel). In den letzten drei Jahren ist das Ich, etwas ramponiert zwar, aber durchaus beredt, dann wieder zurückgekehrt.

Ebenfalls in die Siebzigerjahre gehörte die schmerzhafte Erforschung der Kleinfamilie. Auch dieses Thema erhielt sich mit staunenswerter Beharrlichkeit. Es findet sich beispielsweise in den Variationen "Sohn-über-Vater" und "Vater-über-Tochter". Gleich dreimal taucht die "Tochter-über-Vater"-Erzählung auf, und zwar biennal: bei Angela Krauss (1988), Birgit Vanderbeke (1990) und Alissa Walser (1992). Die "Sohn-über-Mutter"-Variante hingegen kommt zwanzig Jahre nach Jürg Amann (1982) mit ähnlichem Schrecken und neuer Intensität bei Michael Lentz wieder ("Muttersterben", 2001).

Die Politik hingegen hat man in all diesen Jahren fast ausschließlich den Autoren aus dem (ehemaligen) Osten überlassen. Insgesamt fünfmal, und offenbar dankbar, honorierte man die Abrechnungen mit der trostlosen DDR vor und nach der Wende, darunter die von Ulrich Plenzdorf (1978), Wolfgang Hilbig (1989) und Kurt Drawert (1993). Westlicherseits ist es der versponnene Einzelgänger, der Kauz, der Exzentriker und Außenseiter, in dessen Kopf sich die Verkehrtheiten der Welt einnisten, vom langsamen John Franklin (Sten Nadolny, 1980) über den buckligen Nachtportier Schusterfleck (Hermann Burger, 1985) bis zum skurrilen "Pong" (Sibylle Lewitscharoff, 1998).

Texte vorhersehbaren Inhalts sind aber nicht zwangsläufig konventionell. Iso Camartins Vorwort zum Band weicht diplomatisch auf ein musikgeschichtliches Beispiel aus, auf Joseph Haydns "Surprise", die Symphonie mit dem Paukenschlag, und macht die "Überraschung" zum literarischen Qualitätseffekt. Nur ist das eben auch nichts anderes als die so genannte "Innovation" und als solche von der Überraschbarkeit des Lesers abhängig. Ganz abgesehen davon, dass sich die ironischen Attacken der Postmoderne gerade gegen das "Originelle" richten. Muss man deswegen also sagen: Noch die allfällige "Originalität" dieser Texte macht sie für den Publikumsgeschmack bekömmlich?



Nun hat der Wettbewerb mit Reto Hännys "GUAI" (1994) und Franzobels "Krautflut" (1995) zwei hochartifizielle Texte gekürt, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, todernst und ästhetisch vollkommen diszipliniert der eine, fröhlich-burschikos der andere. Ist damit halt auch das so genannte "Experimentelle" in den Wettbewerb eingedrungen? Und sind damit alle Texte zum Sonderangebot auf dem Markt und im Medium verkommen?

Ums bloße Geschäft geht es nicht, da sprechen die Verkaufszahlen denn doch dagegen. Mit Ausnahme von Sten Nadolnys, drei Jahre nach dem Preis veröffentlichten Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1983) ist, soweit ich sehen kann, aus keinem Siegertext ein Bestseller geworden. Auch der Skandal bürgt noch nicht für Erfolg. Dem fernsehkompatiblen Leseereignis Rainald Goetz (blutiger Stirnschnitt 1983) ist gar kein, dem umstrittenen "Babyficker" von Urs Allemann (1991) sicherheitshalber der zweite Preis zuerkannt worden. Die Jury hat sich im Zweifelsfall denn doch im Sinn der Geschmackssicherheit entschieden.

Das gegen die Texte zu verwenden und sie als Mainstream-Literatur im mittleren Durchschnitt der Kritikermeinungen zu denunzieren, wäre ungerecht. Es sind in der Tat und im Doppelsinn ausgezeichnete Texte. Dass sie mit dem Bachmannpreis honoriert wurden, macht sie nicht zu den "besten", auch nicht besser. Aber dass der Wettbewerb Texte schon schlechter mache, weil er sie "macht", lässt sich mit diesem Band nun einmal nicht belegen.

Konstanze Fliedl in FALTER 46/2001 vom 16.11.2001 (S. 68)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb