Erste Riten

von Jonathan Coe, Sky Nonhoff

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 18/2002

Am Cover der deutschen Ausgabe von Jonathan Coes jüngstem Roman "Erste Riten" sind Drumsticks, die Hi-Hat eines Schlagzeugs und Schallplatten zu sehen. Der Klappentext verspricht "eine phantastische Heraufbeschwörung der Siebzigerjahre" rund um das Leben des Benjamin Trotter, dessen wichtigstes Anliegen ist, "eine Band zu gründen und die schöne Cicely zu erobern." Das ist natürlich nicht falsch, aber gleich aus mehreren Gründen irreführend. Auch wenn uns dies mit ein paar Reizvokabeln suggeriert werden soll, sind wir hier nämlich keineswegs in Nick-Hornby-Land, sondern weit von diesem entfernt.

Zunächst einmal hieß der mehr als vierhundert Seiten starke Roman im Original nicht "Erste Riten", sondern "The Rotters' Club", benannt nach einem Song der obskuren Rockband Hatfield & The North, den die Hauptfigur Ben Trotter als Synonym für sich und seine ältere Schwester Lois (sprich: "Lo-is") verwendet - in Anlehnung an die Namensverfremdung, die die beiden durch ihre Mitschüler erleiden müssen, von denen sie "Bent Rotter" (schwuler Lump) und "Lowest Rotter" (niedrigster Lump) gerufen werden. Der Originaltitel verleiht also Ben, seiner Liebesgeschichte und seinen, im Verlauf des Buchs übrigens nicht in Richtung Pop, sondern eher in Richtung klassischer Kompositionen gehenden Neigungen genauso viel Gewicht wie dessen Schwester, die ihren Freund bei einem IRA-Anschlag verliert.

Coe schildert seine Version der Siebziger nämlich aus der Perspektive seiner Heimatstadt Birmingham, und von dort aus betrachtet bestand dieses Jahrzehnt nicht aus Kreisky, Slime und Paiper, sondern aus Bombenanschlägen auf Pubs und endlosen Streiks in der British-Leyland-Fabrik in Longbridge. Tatsächlich steht die damalige Rolle der Gewerkschaftsbewegung, die in ihrem Bestreben, die britische Klassengesellschaft zu stürzen, am Ende nur eine Labour-Regierung zu Fall brachte und so den Weg für Thatchers konservative Revolution ebnete, im Mittelpunkt des Buchs - ohne die Verschwörung von rechten Medien und Polizei sowie die Rolle der von den Brandreden des konservativen Rechtsaußen Enoch Powell ermutigten neofaschistischen Splittergruppen zu vernachlässigen.

Mag sein, dass das alles nicht so schick klingt wie der Klappentext. Aber gerade diese zeitgeschichtlichen Passagen machen Coes Roman zu einem wertvollen Dokument der Erinnerung an eine fehlrepräsentierte Epoche, die oben in den Midlands weniger in bunten als in Brauntönen wahrgenommen wurde. Nicht ohne Grund ist auch die Popmusik, die in der ganzen Geschichte eine - wenn auch untergeordnete - Rolle spielt, nicht etwa Disco oder Glamrock, sondern zum Teil Punk, vor allem aber prätentiöser Progressive Rock. Genau die Musik eben, die von den Oberstuflern einer staatlich geförderten Gesamtschule in Birmingham auch tatsächlich gehört worden wäre. Coe ist in seinen Schilderungen also authentischer, als es die Pop-Polizei im Nachhinein erlauben würde. Und seine durchdringende Sympathie für die gescheiterten Träume von einem egalitären Bildungssystem haben angesichts des von Blairs New-Labour-Regierung verfolgten neuen Elitarismus durchaus politischen Gehalt.

Die einzigen Schwächen des Buches liegen in den ziellos wuchernden Nebensträngen und in der doch etwas manierierten Zurschaustellung des Repertoires an Erzählformen, die dem Autor zur Verfügung stehen. Insbesondere auf den punktlosen inneren Monolog am Schluss hätte man ganz gerne verzichtet. Eine Fortsetzung namens "The Closed Circle" hat Coe bereits geplant. Man darf gespannt sein, welche Verpoppung dem deutschen Verlag (Piper) zu diesem Titel einfällt. Ein völlig anderes Beispiel für einen Roman, der zu Unrecht als Popliteratur ausgegeben wird, ist "Wie Nalda sagt" von Stuart David. In diesem Fall ist der deutsche Verleger (Eichborn) allerdings weitgehend unschuldig. Zwar wird auf dem Umschlag gleich zweimal darauf verwiesen, dass der Autor bei der schottischen Band Belle & Sebastian zu spielen pflegte und unter dem Pseudonym Looper immer noch Platten veröffentlicht, aber diese Namen sind wohl nur in informierten Kreisen ein Begriff.

Stuart David selbst gestand in Interviews, dass sein zunächst in Fortsetzungen auf der Website von Belle & Sebastian veröffentlichter Roman vor seiner Pop-Karriere von sämtlichen Verlagen abgelehnt worden war. Der Versuch, das englische Original von "Wie Nalda sagt" im Londoner Buchhandel zu erstehen, verlief übrigens schon drei Jahre nach dessen Veröffentlichung (1999) erfolglos. Vielleicht hätte die auf dem Rücken von Davids Pop-Ruhm so plötzlich ans Licht der Öffentlichkeit gelangte schüchterne, kleine Geschichte eines von Kindheitstraumata geplagten autistischen Gärtners ohne den offensichtlichen Marketing-Dreh ja ein geduldigeres Publikum gefunden. Musik kommt in diesem Buch jedenfalls überhaupt keine vor.

Kenner von Belle & Sebastian werden allerdings den für die träumerischen Songs der Band typischen, nur scheinbar scheuen und naiven Gestus des Erzählers wiedererkennen. Manchmal greift David dabei allzu tief in den Schmalztopf - etwa, wenn der Protagonist einen Tätowierten als den "Jungen mit den Bildern auf den Armen" beschreibt. Aber die in konsequent schmuckloser Prosa erzählte Handlung ist fraglos gut konstruiert, selbst wenn es des fiesen Endes nicht bedurft hätte, um uns vom Ernst der Geschichte zu überzeugen.

Robert Rotifer in FALTER 18/2002 vom 03.05.2002 (S. 68)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wie Nalda sagt (Stuart David, Esther Kinsky)

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