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Verlag: Piper
Genre: Philosophie/20., 21. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 01.09.2002

Rezension aus FALTER 50/2002

Das zwischen 1950 und 1973 geführte "Denktagebuch" enthüllt bisher ungeahnte Seiten der politischen Philosophin Hannah Arendt.

Er sei, so schrieb einst der Freidenker Gotthold Ephraim Lessing, "nicht verpflichtet, all die Schwierigkeiten aufzulösen, die ich mache". Das könnte als Motto auch über dem erst jetzt erschienenen "Denktagebuch" von Hannah Arendt stehen. Widersprüche nimmt die engagierte politische Denkerin gern in Kauf, wenn es darum geht, die Welt zu verstehen. Zwischen 1950 und ihrem Tod im Jahr 1973 versammelte und kommentierte die nach USA emigrierte jüdische Philosophin in 28 Heften die disparatesten philosophischen Ideen - eigene wie fremde.

Dabei schlägt sie mitunter ganz andere Töne an als in ihren bislang veröffentlichten Werken. Die sonst Kant so zugewandte Arendt kritisiert rigoros die "gespenstische Leblosigkeit aller Moral" und schlägt vor, künftig alle Moral auf verlässliche Vertragsverhältnisse zu reduzieren. Verblüffend ist auch, dass Arendt Anfang der Fünfzigerjahre die Liebe noch durchaus als eine "Macht des Lebens" fasste, als eine buchstäblich weltschöpferische Tätigkeit. Erst im April 1955 reduziert sie das aktive Leben auf die drei Tätigkeiten von "Vita activa": Arbeiten, Herstellen und Handeln.

Am Erstaunlichsten aber ist der weltabgewandte, intellektuelle Duktus des "Denktagebuchs". Schließlich hatte sich die promovierte Philosophin 1933, als sich ihre akademischen Freunde - unter ihnen auch so prominente wie Martin Heidegger - bereitwillig gleichschalten ließen, entsetzt von den Intellektuellen und ihrem Geschäft abgewendet: Nie wieder wollte sie damit zu tun haben. Noch bis zu ihrem Tod bestand Arendt darauf, als politische Denkerin, nicht aber als Philosophin tituliert zu werden.

Die sonst so weltzugewandte Denkerin geht in ihrem Denk-Diarium kaum auf die wirkliche Welt, kaum auf private und auf zeitgeschichtliche Ereignisse ein. Die werden nur im sorgfältigen Kommentar der beiden Herausgeberinnen Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann hinzugefügt, so dass die Leser eine lebendige Idee vom realen Bodensatz dieses konzentrierten Wechselspiels von Zitaten, Kommentaren und gelegentlichen Gedichten bekommen können.

Arendts wiederholte Ausführungen über die Liebe seien zum Beispiel durch ihre Wiederbegegnung mit ihrem ehemaligen Lehrer und Geliebten Martin Heidegger veranlasst. Außerdem durch ihren zweiten Ehemann, Heinrich Blücher. Der ist mit einer weit jüngeren Frau fremd gegangen, während Arendt 1949/50 vier Monate lang durch Europa reiste - zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg. Überhaupt scheint diese Europareise ganz entscheidend für ihr Denken: Arendt festigte ihre Freundschaft mit ihrem ehemaligen philosophischen Mentor Karl Jaspers und versöhnte sich wieder mit ihrer intellektuellen Vergangenheit, sogar mit Heidegger.

So kehrt Arendt in ihrem "Denktagebuch" in den weltlosen Raum der Intellektuellen zurück, den sie 1933 hinter sich lassen wollte. Aber jetzt durchmisst sie ihn mit einer unnachahmlichen Freiheit, kreuz und quer. Sie räumt ihren Vordenkern und Mitstreitern von Parmenides bis Heidegger kein bisschen Autorität ein. Sie behandelt sie als gleichberechtigte Partner, die sie ebenso korrigiert wie sich selbst. Ob es um Definitionen des Bösen oder des Lebendigen geht, um Charakterisierungen der Tätigkeiten oder Gefühle: Arendt fühlt radikal allen Anschauungen und Konzepten auf den Zahn und stellt sie in unkonventionelle Zusammenhänge. So gerät ihr "Denktagebuch", dieses beeindruckende Zeugnis ihrer Denktätigkeit, zu einer wahren Schule selbstständigen Denkens.

Iris Buchheim in FALTER 50/2002 vom 13.12.2002 (S. 77)


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