Was alles fehlt
Zwölf Geschichten

von David Wagner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 48/2002

In seinem neuen Geschichtenband versucht David Wagner herauszufinden, "Was alles fehlt", wenn man alles hat. Vor zwei Jahren debütierte der damals 29-jährige David Wagner mit dem Roman "Meine nachtblaue Hose", der durch verblüffende stilistische Homogenität und unaufgeregte Klarsicht bestach, die Wagner in seinen prosaischen Gedanken- und Erzählgängen an den Tag legte. Alles fließt in Wagners Texten, Ewigkeiten lang geht es ohne Absatz dahin, ganz weich, wie im S-Klasse-Mercedes, gleitet der Leser durch die sanft-hügeligen Geschichtenparks des Deutschen. Wagner schreibt so, wie Jil Sander früher: in einem ruhigen, klaren Gestus, aber immer auch ein wenig luxuriös-kaschmirig.

In den zwölf Geschichten von "Was alles fehlt", dem neuen Erzählband Wagners, geht es, wie schon in seinem Debütroman, des Öfteren um Paare und deren Trennung; ab und zu kommt es auch zu dem ein oder anderen, gern suizidal bedingten Todesfall, meist sehr unauffällig, sodass man es oft erst im Nachhinein merkt. Wagner spart die Emotionalität des Icherzählers zumeist aus, wesens- und eigenschaftslos scheint dieser nur da zu sein, um die Welt der anderen wahr- und in sich aufzunehmen.

In den meisten der Geschichten fällt eine starke Tendenz zum Cocooning, zum Sicheinspinnen, auf. Die nachtblauehosennahe Titelgeschichte über eine Partnerschaft, die über dem akuten Kinderwunsch der Frau zerbricht, ereignet sich fast nur in der Wohnung des Paares. Gefühle werden - wie auch in den meisten anderen Geschichten - kaum thematisiert, im Mittelpunkt steht die latente Konsumfixierung der Freundin des Icherzählers: "Johanniskraut und Parkettpflegemittel kaufen, Peeling, Reinigungsmilch und Fußbad." Wichtig: "Produkte, die mich enttäuschen, tausche ich um", meint die Freundin, denn "ich kenne mein Recht als Kundin". Am Ende wird der in Sachen Zeugungswilligkeit enttäuschende Icherzähler gegen einen anderen Beziehungspartner ausgetauscht, und die Exfreundin ist endlich, was ihr bisher so fehlte: schwanger.

Von den schreibenden Kollegen seines Alters steht ihm stimmungsweltlich Judith Hermann nahe (die frühe Abgeklärtheit, die wattige Melancholie). Christian Kracht oder auch der Österreicher Xaver Bayer - mit seinem gelungenen Debüt "Heute könnte ein glücklicher Tag sein" - sind ebenfalls als Gemüts- und Lebenserfahrungsverwandte zu nennen. Alle vier widmen sich der Beschreibung der echten und falschen Wohlstandswohligkeit ihrer Lebenswelten, alle vier eint die stilistische Einfachheit sowie eine fallweise ins Resignative lappende Lakonie bei gleichzeitiger Wachheit der Beobachtung.

Stefan Ender in FALTER 48/2002 vom 29.11.2002 (S. 75)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb