The Rest is Noise
Das 20. Jahrhundert hören

von Alex Ross

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Ingo Herzke
Verlag: Piper
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 704 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Das geistige Leben und der Lärm der Straße

Musik: Alex Ross lässt auf horizonterweiternde Weise die Musik des 20. Jahrhunderts Revue passieren

Das Unterfangen ist kühn und wirkt zunächst anachronistisch. Auf gut 700 Seiten breitet Alex Ross (geb. 1968), Musikredakteur beim New Yorker, die großen musikalischen Strömungen und Neuerungen des vergangenen Jahrhunderts aus. "The Rest Is Noise. Das 20. Jahrhundert hören" lautet der gut ins Ohr gehende Titel dieser beispiellosen Unternehmung. Auch ohne den Apparat mit Anmerkungen und Hörvorschlägen sind es immer noch 600 Seiten dichter Darstellung. Sie zeichnen gut nachvollziehbar die groben Entwicklungslinien nach – Strauss und Mahler, Schoenberg und Debussy, Strawinsky, Sibelius, Musik unter Stalin, Roosevelt, Hitler, die Avantgarde der 50er, Britten, Minimalismus, Ligeti.
Ross hüpft aber auch immer gerne schnell in Details. Er ist, das könnte er sich bei seinem ambitionierten Unterfangen wohl auch nicht leisten, kein Dogmatiker. Wie es gerade am besten passt, verbindet er biografische Darstellungen von Komponisten mit Detailanalysen ihrer Stücke und der Einbettung der Werke in den politisch-historischen Kontext.

Zwar handelt es sich bei Ross ganz klar um einen Klassik-Mann, doch zum Glück endet sein musikalisches Interesse nicht an der Tür des Konzertsaals. Relevantes aus anderen Bereichen lässt er ebenfalls gelten und beweist sich dabei als durchaus kenntnisreich, was sowohl Bebop als auch Pop betrifft. So finden sich kurze Kapitel zum Jazz in der ersten (Duke Ellington) wie auch zur Rockmusik in der zweiten Jahrhunderthälfte (The Velvet Underground und ihre Beziehungen zum Minimalismus). "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts", schreibt Ross gegen Ende hin, "hat es intellektuell wie emotional keinen Sinn, klassische Musik gegen Popkultur auszuspielen. Junge Komponisten sind mit Popklängen im Ohr aufgewachsen, und sie verwenden oder ignorieren dieses Erbe, je nach Gelegenheit."
Sonic Youth mit ihren "mikrotonalen Stimmungen", die "opulenten harmonischen Konstruktionen von Radiohead", Björk oder Joanna Newsom lassen Einflüsse von Steve Reich, Stockhausen, Messiaen oder Pärt hören. Ja, mitunter verläuft der Einfluss inzwischen auch umgekehrt, siehe junge, klassisch ausgebildete Popmusiker wie Final Fantasy oder Dirty Projectors. Heute gültige Musik beschreitet einen "Mittelweg zwischen geistigem Leben und dem Lärm der Straße", wie Ross richtig schreibt.
Die Klassik hat es da schon schwerer. "Klassische Komposition des 20. Jahrhunderts klingt für viele wie Lärm. Sie ist eine weitgehend ungezähmte Kunst, eine noch nicht assimilierte Untergrundszene", heißt es am Anfang des Buchs. "Manche Menschen sind ernsthaft überrascht, wenn sie hören, dass es immer noch Komponisten gibt, die Musik schreiben."
Einer von denen, die Ross hoch schätzt, ist der Grazer Georg Friedrich Haas (geb. 1953), der es auf die Liste von essenziellen Werken der letzten Jahrzehnte geschafft hat: "Haas' gut einstündiges Ensemblewerk ‚In vain' könnte mit seiner Verbindung spektraler Harmonien und riesenhafter Bruckner'scher Strukturen der österreichisch-deutschen Musik einen neuen Weg weisen." Freilich ist Haas auch hierzulande nur jenen wirklich ein Begriff, die sich eingehend mit Neuer Musik beschäftigen.
Am anderen Ende des Buchs trifft man Richard Strauss und Gustav Mahler. Nicht Debussy darf hier das "Jahrhundert des Todes" (Leonard Bernstein) eröffnen, sondern die Uraufführung der Strauss-Oper "Salome" 1906 in Graz, die neben Mahler, Schoenberg und Puccini angeblich auch der junge Adolf Hitler besucht haben soll. Zwei Jahre zuvor drängten sich bei einem Strauss-Konzert in New York über 5000 Besucher. Im Laufe der nächsten 100 Jahre sollte der zeitgenössischen Klassik nach und nach das Publikum abhandenkommen. Neuerungen wie die Atonalität verschreckten viele Hörer.

"Vielleicht werden klassische Komponisten die unmittelbare Wirkung ihrer popmusikalischen Gegenüber nie mehr erreichen, doch in der Freiheit ihrer Einsamkeit können sie Erfahrungen von einzigartiger Intensität vermitteln." Diesem Schluss will man allerdings nicht vorbehaltlos zustimmen. Denn diese Einsamkeit gründet sich allein auf mangelndes Interesse des Publikums. Am Anfang des 21. Jahrhunderts bleibt Komponisten offenbar nur Zweckoptimismus. Von diesem Einwand abgesehen bietet "The Rest Is Noise" fast alles, was man sich von einem Musikbuch wünschen kann. Sein Autor verfügt nicht nur über Wissen, er kann es auch vermitteln und anspruchsvolle Musik so lustvoll beschreiben, dass man bald mit einer schönen Einkaufsliste loszieht und nebenbei die eine oder andere MP3-Datei runterlädt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 48)


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