Der Metzger geht fremd

von Thomas Raab

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 01.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

"Jetzt wär's wieder Zeit für eine Leiche"

Wie aus dem Lehrer und Liedermacher Thomas Raab über Nacht ein erfolgreicher Krimischriftsteller wurde

Thomas Raabs erste Lesung als Autor war auch die erste Lesung, die er in seinem Leben überhaupt besucht hat. "Ich habe mit Literatur nie etwas zu tun gehabt und war in der Schule sogar Legastheniker", erzählt er. "Dass ich noch nicht diese Übung habe, merke ich daran, wenn ich beim Lesen schneller und lauter werde, sobald ich abgelenkt bin, weil gleichzeitig ausgeschenkt wird oder der Kellner kassiert."
Ansonsten könnte es für den 39-Jährigen, der sich auch beim Interview als Schnellsprecher erweist, zurzeit nicht besser laufen. Als er im Frühjahr 2007 mit dem Kriminalroman "Der Metzger muss nachsitzen" debütierte, traf er mit seinem skurril-behäbigen Restaurator Willibald Adrian Metzger gleich einen Nerv und stieg umgehend in die oberste Liga der heimischen Krimiautoren auf. "Ich hatte das Glück, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen", erklärt der Autor sich selbst den Durchbruch. "In dem Moment gab es sonst nicht viel. Es herrschte nur so eine Haas-Traurigkeit, weil der gerade mit dem Brenner aufgehört hatte."

Mit "Der Metzger geht fremd" ist nun der bereits dritte Roman um den trinkfreudigen Ermittler wider Willen erschienen. Und dass erwähnter Haas inzwischen ein Comeback gefeiert hat, muss Raab nicht stören, denn er und sein Metzger sind inzwischen ebenfalls als Marke etabliert. Nach zwei Büchern im Grazer Leykam Verlag ist das Duo ins große deutsche Verlagshaus Piper gewechselt. "Ein Traum", so der Autor. "Mir ist klar, dass mich Leykam aufgebaut hat. Aber es ist sehr schwierig, in Österreich allein verkaufsmäßig reüssieren zu können. Mit 10.000 verkauften Büchern im Hardcover bist du schon Kaiser. Wenn ich die Sache ernsthaft betreiben will, brauche ich einen deutschen Verlag."
Ehrgeizige Worte für einen, der eher zufällig zum Schreiben gekommen ist. Raab war zunächst jahrelang doppelgleisig als Musik- und Mathematiklehrer (Beruf) und Liedermacher (Berufung) tätig, ehe er auf die Schriftstellerei umsattelte. Der Lehrberuf, erzählt er, ist ihm als Sohn eines Religionslehrers mehr passiert, als dass er ihn je angestrebt hätte. Seine gefühlvollen bis kitschigen Lieder wiederum fanden nie den Anklang, dass er von ihnen auch hätte leben können.
Irgendwann war beides, Schule und Musik, nur mehr ein Krampf: "Die Schule ist ein Biotop, in dem man sich nicht zu lang aufhalten sollte. Man wird dort einfach zur Trägheit eingeladen. Und das Musikbusiness in Österreich kotzt mich an. Du musst dir eine Maske überziehen, um Beachtung zu finden. Da will ich nichts mehr hineinbuttern. Als Autor kann ich in der Sekunde das umsetzen, was mir gerade einfällt. Ich muss auf keine Probe mehr gehen und mich vor niemandem rechtfertigen. Ich bin froh, dass ich das jetzt als Beruf ausüben darf."
Diese Erleichterung und seine Freude an der Sache merkt man Raabs Schreibe auch an. Er verfügt über eine kaum zu bändigende Formulierlust und legt dabei gern den einen oder anderen Umweg zurück. Wenn etwa in seinem neuen Metzger-Roman die Freundin des Restaurators auf Kur geht, dann steht da nicht einfach "Kur", sondern "Was gibt es Schöneres als den geregelten Müßiggang, als die servierte Befriedigung aller Grundbedürfnisse inklusive professioneller medizinischer Betreuung?"
Durch diese Weitschweifigkeit droht die Erzählung manchmal ein wenig ins Behäbige zu kippen. Doch dass er von der Perfektion noch weit entfernt ist, gesteht der Autor selbst unumwunden zu: "Früher habe ich drei Seiten Exkurs geschrieben, heute ist es eh nur mehr eine. Generell habe ich aber noch viel Feinschliff nötig."
Ironischerweise könnte gerade im mangelnden Feinschliff oder eine gewisse Saloppheit beim Skizzieren des Plots das Erfolgsgeheimnis der charmanten Metzger-Bücher ausmachen. Der mit der Schauspielerin Simone Heher verheiratete Vater einer zweijährigen Tochter, der vor allem nachts zum Arbeiten kommt, ist am Schreibtisch ein Spontantäter. Er vergleicht seine Arbeit mit dem Verfassen von E-Mails: "Das Briefeschreiben früher war so beladen, heute knallt man schnell ein paar Zeilen hin. Ich bin ein Freund dieses Hinknallens und ertappe mich oft dabei, wie meine Finger schneller arbeiten als mein Hirn."
Manchmal, erzählt Raab, verliere er bei seiner Lieblingsbeschäftigung ("Schreiben ist für mich wie ein Gespräch mit mir selbst") auch aus den Augen, was er da schreibt – nämlich Krimis: "Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht in Betrachtungen über die österreichische Seele verliere. Dann denk ich mir, jetzt wär's wieder mal Zeit für eine Leiche. Spannung auf­bauen! Aber eigentlich sind die Ver­brechen in meinen Büchern komplett nebensächlich."

Von branchentypischer Ermüdung ist bei dem in Oberösterreich aufgewachsenen Wiener noch nichts zu spüren. Während im Herbst ein Lesemarathon auf ihn wartet, hat er den vierten Fall für Metzger schon fast fertig auf der Festplatte. Allenfalls könnte er sich vorstellen, zur Auflockerung zwischen den Krimis auch noch etwas anderes zu schreiben. Eine Frauenfigur spukt ihm seit einiger Zeit durch den Kopf, auch ein harter Thriller wäre denkbar.
Der Metzger aber wird ihm länger erhalten bleiben, da ist er sicher. "Mir ist der Typ einfach durchwegs sympathisch." Und das, obwohl der übergewichtige Genussmensch oberflächlich betrachtet so ziemlich das Gegenteil des Sportlers und leidenschaftlichen Nichtrauchers Raab ist. "Es gibt schon auch Parallelen", widerspricht er. "Vielleicht ist die Figur ja eine Wiedergutmachung meiner Biografie. In der Unterstufe war ich ein ordentliches Pummerl. Mein Vater hat einmal gesagt: ,Thomas, wenn du so weitermachst, wachsen dir Brüste.' Das hat gewirkt."

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 21)


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