Verbrechen
Stories

von Ferdinand von Schirach

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Piper
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2009

Rezension aus FALTER 48/2009

Schuld und Sühne

In "Verbrechen" verwandelt der Berliner Anwalt Ferdinand von Schirach Justizfälle in fesselnde Literatur

Buch vom Verlag bekommen. Buch weggelegt: zu reißerisch der Umschlagtext und beinahe schon lachhaft bedeutungsgeladen, wie ein PR-Gag der Name des Autors: Ferdinand von Schirach, Strafverteidiger aus Berlin.
Ja, er ist verwandt. Der Enkel des Gauleiters von Wien, der 60.000 Juden deportieren ließ. Und er schreibt Justizgeschichten. Die Story lässt sich vermarkten. Das deutsche Feuilleton ist schon aufgesprungen. Na, sicher! Buch weggelegt. Nicht mal reingeschaut – und innerhalb einer Minute Opfer des eigenen Hochmuts geworden.
Gott sei Dank noch rechtzeitig draufgekommen. Ein paar Wochen später in einer Literaturzeitschrift zufällig auf einen kurzen Text Ferdinand von Schirachs über sein Schreiben gestoßen. Auf Hohn getrimmt mit dem Lesen begonnen und mit jedem Satz kleinlauter geworden, verblüffter.
Von der Undenkbarkeit der Strafjustiz ohne Nikotin ist da die Rede, vom Zu-viel-Rauchen, von schlechtem Namensgedächtnis und intensiven Sinneseindrücken, von tausenden Obduktionsbildern, von der vergeblichen Suche nach Schreibmotiven und von der Mac-Schrift Scrivener: "Klar, schnörkellos, perfekt" nennt sie Schirach. Wie dieser Ton, denkt man. Vor allem dieser ganz eigene Ton. Hochliterarisch.
Zurück zum Buch also. Zu lesen begonnen. Nicht mehr aufgehört. Bis zur letzten Seite. Gebannt, hochkonzentriert, voller Bewunderung. Zahl der seither verschenkten Exemplare: sechs. In den letzten Wochen über das Buch geführte Gespräche: über ein Dutzend. Mehr kann man sich von einem Buch nicht wünschen.
"Verbrechen" besteht aus elf Stories über Fälle aus Schirachs anwaltlicher Praxis als Strafverteidiger. Verschiedene Begriffe von Wahrheit sind ihr Thema. Es geht um Verbrecher und ihre Taten, um Schuld und Bestrafung, um Beweis und Urteilsfindung.
Er habe, sagt der 45-Jährige in Interviews über sein Buchdebüt, alles so verändert, dass auch die spektakulärsten Fälle nicht wiedererkennbar oder nachrecherchierbar seien. Nur die Essenz der Fälle sei gleich geblieben. In einem literarischen Sinn seien sie so wahr wie Viscontis Verfilmung von Thomas Manns "Tod in Venedig": Buch und Film mögen sich voneinander unterscheiden, erzeugen aber dieselbe Melodie, lassen dasselbe Gefühl entstehen. Darin liegt ihre literarische Wahrheit.

Das ist auch das Faszinierende an diesem Buch. Dass das Literarische, die Sprache der Literatur im Vordergrund steht, obwohl es um so dramatische, zum Teil fast unvorstellbare Fallgeschichten aus einer realen anwaltlichen Praxis geht: um brutale Gewalt, um Mord und Totschlag, Folter, Raub, Kannibalismus, Profikiller, Leichenzerstückelung, Geschwister- und Gattentötung.
All das vermag Schirachs Sprache nicht zu dominieren. Sensationsgeilheit ist es nicht, was die Sogwirkung seiner Storys ausmacht. Es ist sein genauer, durchgearbeiteter, kunstvoll prägnanter Stil, der die Geschichten aus der Kolportage in die Hochliteratur führt und sie zu aufwühlenden Texten werden lässt.
Wer nur von den ungeheuerlichen Fällen erzählt, die Schirach zum Thema gemacht hat, wer nur den Inhalt seiner Geschichten referiert, wenn er über das Buch spricht, der greift viel zu kurz.
Man muss über die Verwandlung von Wirklichkeit in Literatur sprechen und über die erstaunliche Haltung, die der Autor und Anwalt als Schriftsteller zu den Themen Schuld und Wahrheit einnimmt, die in der Justiz und im Leben ganz unterschiedlich gehandhabt werden. Im einen Fall haben sie mit der Frage der Beweisbarkeit, im zweiten mit Glauben zu tun.
Schirachs Blick ist mitfühlend, dis­tanziert und nüchtern zugleich. Er schreibt über das Verstehen einer Tat im Sinn von Nachvollziehbarkeit, was nicht gleichzusetzen ist mit deren Entschuldigung.
"Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben lang gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten des Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war." So heißt es über einen geachteten Kleinstadtarzt in der Geschichte "Fähner" ("2800 Krankenscheine pro Jahr, Praxis an der Hauptstraße, Vorsitzender des Kulturkreises Ägypten, Mitglied im Lionsclub, keine Straftaten"), der eines Tages seine Frau in den Keller bittet, ihr mit der Axt den Schädel spaltet, die Leiche zerstückelt und dann die Polizei anruft.

"In der Sache gab es nichts zu verteidigen. Es war ein rechtsphilosophisches Problem: Was ist der Sinn von Strafe?", schreibt Schirach, der in allen Geschichten äußerst diskret und kurz in der Rolle seiner selbst, nämlich als mit dem Fall befasster Strafverteidiger und Ich-Erzähler auftaucht. Doch wie gesagt: zurückhaltend.
Meistens erzählt er aus der Perspektive seiner Figuren. Dann staunt man über sein Vermögen, in nur vier, fünf kurzen Sätzen eine Stimmung, ein Gefühl für eine Atmosphäre, ein Gesicht, einen Charakter erstehen zu lassen.
"Die großen Schlussvorträge passen in frühere Jahrhunderte. Die Deutschen mögen kein Pathos mehr, es hatte einfach zu viel davon gegeben", schreibt Schirach in der Geschichte "Der Äthiopier". Dass er sich angesichts des Verlaufs, den diese Story eines Mehrfach-Bankräubers nimmt, nicht heillos in Schmalz und Kitsch verheddert, darf man als echte Meisterleistung werten.
Genauso wie dieses Buch insgesamt, das bisher in Österreich – ganz anders als in Deutschland – seltsamerweise noch zu wenig beachtet worden ist. Dies hier ist jedenfalls eine besonders dringliche Leseaufforderung!

Julia Kospach in FALTER 48/2009 vom 27.11.2009 (S. 36)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Verbrechen (Ferdinand von Schirach)

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