Fünf Löcher im Himmel
Roman

von Rocko Schamoni

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Verlag: Piper
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.10.2014


Rezension aus FALTER 42/2014

Leben heißt sterben lernen

Überraschend ernsthaft: In Rocko Schamonis "Fünf Löcher im Himmel" hat einer nichts mehr zu verlieren

Ich habe jetzt sechs Bücher angefangen. Ich weiß einfach noch nicht, wie ich einen Schritt machen kann, um weiter vorzudringen in eine Sphäre der Wahrhaftigkeit", sagte Rocko Schamoni, 48, vor einiger Zeit in einem Interview. Der deutsche Musiker, Autor und Entertainer hat eine seltsame Laufbahn hinter sich. Als Popstar ist er gescheitert, weil seine Hits Hits für eine bessere Welt waren und sein Sound letztlich nicht mehrheitsfähig war.
Als er sich jedoch kurz einmal hinsetzte, um ein auf seinen Jugenderinnerungen basierendes Buch zu schreiben ("Dorfpunks", 2004), wurde dieses ein Bestseller. Ein paar Bücher später versucht der Hamburger nun – ähnlich wie sein Kumpel Heinz Strunk – weg von der lustigen Schiene zu kommen, bei der die Leser wenigstens alle paar Seiten einen kunstvoll verstolperten Gag erwarten.

Mit "Fünf Löcher im Himmel" möchte Schamoni keine Lacher ernten, sondern primär eine Geschichte erzählen, daneben auch ein paar Themen vermitteln und zum Drüberstreuen vielleicht sogar als Autor ernst genommen werden.
Könnte klappen. Der erste Unterschied zu Romanen wie "Sternstunden der Bedeutungslosigkeit" liegt in der Perspektive. "Fünf Löcher im Himmel" ist keine Ich-Erzählung, bei der man das Gefühl hat, der Autor selber würde einem die Geschichte flüstern, sondern auktorial erzählt. Zumindest zu zwei Dritteln. Der Rest sind Tagebuch-Rückblenden in die Jugend von Paul, dem Helden des Romans.
Als Paul im Jahr 1966 seine Erlebnisse und Gedanken aufschreibt, ist er 17 und ein schüchterner Jugendlicher wie so viele andere. Als er seine Aufzeichnungen als Mittsechziger wiederfindet, ist er ein Wrack: von Freund und Feind sowie nicht zuletzt seiner Frau verlassen, ohne Job und seit neuestem auch ohne Unterschlupf – am Beginn des Romans sieht er zu, wie der Vermieter seine Wohnung räumen lässt; beim Zusammenraffen von ein paar Dingen ist ihm das Tagebuch wieder in die Hände gefallen.
Nach ziellosem Herumstreunen durch die Straßen am Rande der Stadt tritt er in eine von alten Säufern frequentierte Kneipe ein, die an dem Abend zum letzten Mal geöffnet hat. Der Wirt erzählt Paul bei einem oder vielleicht auch zehn Getränken, dass es keinen Sinn mehr hat: Wenn in seinem Lokal nicht mehr geraucht werden darf, bleiben ihm die Gäste weg – und wenn er ein Raucherlokal führt, darf er nichts mehr zu essen anbieten.
Dass er auf der Straße steht, bringt Paul im Gegensatz zu dem Kneipenwirt jedoch nicht zum Aufgeben. Es weckt noch einmal seinen Kampfgeist. Er hat nichts mehr, also muss er sich etwas nehmen. Und er schadet im Grunde niemandem damit, wenn er in verlassene Sommer- oder Gartenhäuser einsteigt und sich dort ein paar Tage von Konservendosen ernährt, bis er wieder weiterzieht.
Einen Kontrast zur Gegenwartshandlung stellen die Rückblenden dar. In ihnen studiert Paul mit der Schultheatergruppe "Die Leiden des jungen Werthers" ein. Er ist gleich doppelt verliebt, in eine Schulkollegin und eine Lehrerin. Am Ende geht die Sache katastrophal schief – und Paul gerät aus dem Gleis, das ihn sonst wohl in ein ganz durchschnittliches Leben geführt hätte.

Schamoni erzählt von Unsichtbaren am Rande der Gesellschaft, die deshalb unsichtbar sind, weil man sie nicht sehen will. "Dieses Land ist zerbrochen, es will seine Schwachen nicht mehr", stellt er Deutschland als Diagnose aus. Das klingt bitter, aber warum nicht. Zwar ist dieser Roman nicht "pointenreich", wie die Piper-Werbeabteilung an die potenzielle Leserschaft appelliert, aber er ist auch keineswegs ein trostloser Sozialporno oder ein Rührstück. Paul hat schließlich noch seinen Stolz.
Einer seiner schönsten Songs gelang Rocko Schamoni, als er schon wusste, dass er seine Sangeskarriere aufgeben würde. Auf seinem Abschiedsalbum "Rocko Schamoni & Little Machine" (2007) findet sich der wunderbar lebenskluge Soulschlager "Leben heißt sterben lernen". "Fünf Löcher im Himmel" ist das Buch zum Song.

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2014 vom 17.10.2014 (S. 33)


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