Wir sind dann wohl die Angehörigen
Die Geschichte einer Entführung

von Johann Scheerer

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Piper
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2018


Rezension aus FALTER 14/2018

Der Tag, an dem der Vater wegfiel

Die Rückseite eines Verbrechens: Johann Scheerer schreibt nach 22 Jahren über die Entführung seines Vaters

An erster Stelle steht die Selbstvergewisserung. Das Buch „Im Keller“ des Millionärs und Mäzens Jan Philipp Reemtsma beginnt mit dessen Freilassung. Die Entführer, die ihn vom 25. März bis zum 26. April 1996 festgehalten hatten, setzten ihn in einem Wald aus, lösten das Klebeband von den Augen, die Fesseln von den Handgelenken. Reemtsma stolperte in die Dunkelheit, fand ein Dorf, ein Haus und einen freundlichen Bewohner, der ihn telefonieren ließ. „Im Keller“ erschien ein Jahr nach dem Verbrechen.
21 Jahre später legt nun Reemtsmas Sohn, der heute 35-jährige Johann Scheerer, seinen Bericht über diese 33 Tage vor. „Wir sind dann wohl die Angehörigen – Die Geschichte einer Entführung“ fängt mit einem Spaziergang durch den frühlingshaften New Yorker Central Park an, Mutter, Vater, Kind wieder vereint nach Wochen der Ungewissheit. Sie sind weit weg vom Verlies, in dem der Vater gefangen gehalten worden war, und weit weg von ihrer Villa in Hamburg-Blankenese, die von Journalisten belagert wird.
Vater und Sohn lebten während der Entführung wie auf unterschiedlichen Planeten. Reemtsma an einem Ort, von dem niemand wusste, wo er sich befand, Scheerer zu Hause, das keines mehr war.

Neben der Angst und den verzweifelten Versuchen, Ruhe zu bewahren, dominiert beide Geschichten ein Thema: Man wurde aus der Welt gestoßen. Auf die Sehnsucht nach der Rückkehr folgt die Erkenntnis: Von nun an ist das Leben immer ein Leben mit dem Keller.
Der Sohn vervollständigt mit seinem Buch die Geschichte des Vaters. Beide Texte sind beeindruckende Dokumente eines Traumas. Aber vor allem geht es um die Zurückeroberung der eigenen Geschichte. Medien, Polizei, Justiz haben eingeordnet, verlautbart, geurteilt. Mit den Büchern erlangen die Opfer des Verbrechens einen Teil der Deutungshoheit zurück. Wenn schon die Welt, aus der man gestoßen wurde, nicht mehr dieselbe ist, dann will man die Geschichte, die dort hingeführt hat, zumindest selbst erzählen.
Jan Philipp Reemtsma erbte von seinen Eltern Anteile eines millionenschweren Tabakkonzerns, verkaufte sie und wurde, selbst studierter Germanist und Philosoph, zu einem wichtigen Mäzen der Wissenschaft und Literatur. Unter anderem gründete er das Hamburger Institut für Sozialforschung und stiftet Stipendien. Während er als Kind immer mit Chauffeur in die Schule fahren musste, weil seine Mutter sich vor einer Entführung fürchtete, entschied er sich später mit seiner eigenen Familie für ein Leben ohne Zäune und Überwachung. Auch die Gartentür stand immer offen, falls Johanns Schulfreunde auf Besuch kommen wollten.
Der sichtbare Luxus bestand darin, dass die Familie zwei Häuser besaß. Eines, das als Wohnhaus genutzt wurde, und ein sogenanntes Arbeitshaus, in dem Reemtsma Bib­liothek und Schreibtisch sowie sein Sohn ein zweites Kinderzimmer hatte. Doch es war auch kein Geheimnis, dass das geerbte Geld für den guten Zweck gewinnbringend angelegt war.

Eines Abends, als Reemtsma sein Arbeitshaus betreten wollte, wurde er niedergeschlagen und in einen Keller in der Nähe von Bremen verschleppt. Seine Frau, die Psychologin Ann-Kathrin Scheerer, fand kurz danach einen Brief der Entführer, der mit einer scharfen Handgranate beschwert war. Die Forderung: 20 Millionen D-Mark, dann würde Reemtsma freikommen.
Es war ein Einbruch ins Private und eine Entführung aus dem Privaten. Reemtsma reflektierte in „Im Keller“ über seine Gefühle, seine Kommunikation mit den Entführern, seine Dankbarkeit, dass sie ihn nicht folterten und ihm regelmäßig zu essen, zu trinken und Gelegenheit zu einem Minimum an Körperpflege gaben – und seinen Ekel vor sich selbst ob dieser Empfindungen. Er bediente sich sogar eines formalen Kniffs und setzte Erzählungen über sich selbst im Keller in die dritte Person. „Er“ war dort, nicht „ich“. Selbst in dieser Situation blieb er der Gelehrte, der eine Dis­tanz zum unmittelbaren Geschehen aufbauen konnte.
Sein Sohn, heute erfolgreicher Musikproduzent und selbst Vater, wählte einen anderen Weg. In „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ nimmt er die Rolle des 13-jährigen Johann ein. In einfachen Sätzen, klaren Bildern und mit der Irritation eines Kindes, das verdutzt beobachtet, wie es aus seiner Welt verdrängt wird, beschreibt er die ersten Frühlingswochen des Jahres 1996.

Als ihn seine Mutter in der Früh des 25. März weckte, zwitscherten draußen die Vögel. „Wir müssen jetzt gemeinsam ein Abenteuer bestehen. Jan Philipp ist entführt worden.“ Sein erster Gedanke: Er würde die Lateinarbeit, die an diesem Tag anstand, nicht schreiben müssen. Dann: „Ein heißer Stich, der quer durch meinen Körper fuhr. Ein Gefühl, das mich und mit mir meine Mutter von diesem Planeten, aus dieser Galaxie zu katapultieren schien. Hinein in eine Welt, von der wir noch nicht einmal wussten, ob wir dort würden atmen können.“
Gleichzeitig zeichnet Scheerer ein liebevolles und ambivalentes Porträt seines Vaters. Obwohl er sich als Kind von ihm beschützt und unterstützt fühlte, sah er sich in Konkurrenz zum Gelehrtendasein des Vaters und den Büchern. „Was musste ich bieten, damit mein Vater mich ihnen vorzog?“ Nun hat sich Scheerer das Medium des Vaters selbst angeeignet.
In ihren Büchern greifen Vater und Sohn jeweils auf Worte des anderen zurück, um die fremde Welt, in die sie gezwungen wurden, zu beschreiben. „Alles ist wie es war, nur passt es mit mir nicht mehr zusammen“, zitiert Scheerer aus „Im Keller“. „Als trüge ich eine Brille, die alles einen Zentimeter nach links oder rechts verschiebt. (…) Welt und ich passen nicht mehr.“ Reemtsma wiederum erinnert sich in seinen Ausführungen an einen Ausdruck seines Sohnes. „Oh, weggefallen“, sagte der als kleines Kind, wenn er „runtergefallen“ meinte. „Jetzt war er, der Vater, irgendwie weggefallen. Dieses Gefühl war, schlimmer noch als die andauernde Todesangst, in den nächsten 33 Tagen das beherrschende: weggefallen zu sein, irgendwie aus der Welt.“
Die Worte, die sie gemeinsam für die Entführung gefunden haben, werden die Welt nicht mehr verlassen.

Stefanie Panzenböck in FALTER 14/2018 vom 06.04.2018 (S. 36)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen