Hysteria

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:



»Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht«

»Hysteria« erzählt die Geschichte von Bergheim, der auf einem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren entdeckt. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er immer tiefer in eine kulinarische Dystopie, in der das Natürliche nur noch als absolutes Kunstprodukt existiert, weil das Künstliche längst alle Natur ersetzt hat. Aber keiner weiß davon. Nur seine Hypersensibilisierung befähigt Bergheim, die unheimliche Veränderung wahrzunehmen und ihr nachzugehen. Alle Fäden laufen im Kulinarischen Institut zusammen, wo er Charlotte wiedertrifft, seine Studienfreundin und ehemalige Geliebte, die nun als Leiterin an der Spitze der Bewegung des »Spurenlosen Lebens« steht. Allein mit Ansgar, dem dritten im Bunde des ehemaligen Uni-Triumvirats, wird es Bergheim gelingen, etwas dagegen zu tun.

»Allerbeste literarische Feinkost – ein kulinarischer Pop-Roman.« Deutschlandfunk Kultur

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FALTER-Rezension

Wenn die Himbeeren durchdrehen

„Hysteria“ hätte ein Bio-Thriller werden können, aber Eckhart Nickel betätigt sich als Adalbert Stifter des 21. Jahrhunderts

Der Mann war Pop. Er hat für das Zeitgeist-Magazin Tempo geschrieben, gemeinsam mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift Der Freund herausgegeben, war Mitglied des popkulturellen Quintetts Tristesse Royal. Jetzt aber, mit seinem neuen Roman, geht es in eine ganz andere Richtung. Eckhart Nickel präsentiert sich in „Hysteria“ als eine Art Adalbert Stifter des 21. Jahrhunderts.

Was findet man da? Alles ist bio, aber: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Mit einem Text, der mit diesem Satz begann, hat Nickel im Vorjahr beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt den Kelag-Preis gewonnen. Inhalt der Geschichte: Ein Mann schöpft Verdacht. Am Biobauernmarkt stellt er fest, dass die Früchte eine seltsame Konsistenz und einen leicht abweichenden Geschmack haben. Auch mit dem Rindvieh stimmt etwas nicht. Es reibt sich am Gatter das Hinterbein wund. Unter dem Fell wird etwas sichtbar, was wie künstliches Fleisch aussieht.

Jetzt liegt der Roman vor, den Nickel aus diesem gloriosen Auftakt gemacht hat. Der Protagonist des Buches, Bergheim genannt, geht der Sache auf den Grund und besucht die Kooperative, die die Früchte auf den Markt gebracht hat. Gerät dabei an immer seltsamere Betriebstätten. Das vermeintlich Natürliche scheint hier ausschließlich auf künstlichem Weg produziert zu sein und eine Vereinigung namens „Das spurlose Leben“ dabei eine zentrale Rolle zu spielen. Die Ideologie der Gruppe ist radikal: Kein Mensch soll auf Mutter Erde mehr Abdrücke hinterlassen als absolut nötig; kein Tier darf geschlachtet und keine Frucht von Baum, Strauch oder Wurzel genommen werden.

Innerhalb der Gruppe der radikalen Frutarier, die im Unternehmen arbeiten und es wohl auch leiten, trifft Bergheim auf ehemalige Studienkollegen, die ihre Bekanntschaft großteils verleugnen, in Bergheim aber Erinnerungen an vergangene Zeiten wecken. Treffpunkt war damals eine sogenannte „Aromabar“. Ein Ort, der wie die Biovariante der Korova Milk Bar aus Stanley Kubricks Film „Clockwork Orange“ anmutet. Nicht nur die Menschen, auch die Drogen haben sich verändert. Der schnelle Flash in andere Welten ist nicht mehr gefragt. Jetzt geht es darum, feinsten Nuancen in gewagten Aromamischungen nachzuschnuppern. Die Wirkung: dennoch famos.

Bergheim durchschaut die Dinge, die er in der Kooperative zu sehen, spüren und riechen bekommt, niemals vollständig. Und je präziser Nickel die Beobachtungen seiner Hauptfigur beschreibt, desto rätselhafter werden diese. Das ist ein bekanntes Phänomen des literarischen Naturalismus, an dem schon die Stifter’schen Welten ins Unheimliche kippten. Nickel nutzt den Effekt im großen Stil und geht in seinem Buch so nahe an die Dinge heran, dass man vor lauter Hypersensibilität bald gar keinen Zusammenhang mehr sieht.

So eine Literatur muss man mögen, und man braucht dafür einen etwas längeren Atem. Es ist ein Schreiben der Entschleunigung und Akribie. Gut hätte sich aus dem Stoff auch ein Biothriller drechseln lassen. Den Autor aber interessiert das nicht. Spannungsmomente nimmt er eher billigend in Kauf, als dass er sie bewusst herstellen und für einen stringenten Fortgang der Handlung nutzen würde. Alles, was nach Pop und schnellem Rhythmus klingt, scheint geradezu vorsätzlich aus dem Buch verbannt und Chancen auf einen höheren Entertainmentfaktor bewusst vergeben.

Dafür gewinnt „Hysteria“ auf der anderen Seite Neues hinzu. Dieses Buch ist eben nicht bloß ein Traktat über Bio und Bauernmarkt, mit der bissigen Vorstellung im Rücken, dass sich die Natur nur retten lässt, wenn man sie künstlich reproduziert. Sein eigentliches Thema ist ein anderes, nämlich die Allmacht der Gegenwart. Zur Vergangenheit führt kein Weg mehr zurück, es sei denn in der Hysterie der Erinnerung. Bergheim ist so ein Hysteriker der Erinnerung. Ein Wirrkopf einer Welt von gestern. Heillos veraltet im Jetzt. Kurzum: Etwas mit ihm stimmt nicht.

Klaus Kastberger in Falter 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 16)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783492059244
Ausgabe 4. Auflage
Erscheinungsdatum 04.09.2018
Umfang 240 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Piper
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