Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois

Roman | New-York-Times-Bestseller und Book Club Pick von Oprah Winfrey
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Kurzbeschreibung des Verlags:



»Ein triumphales Debüt über Schwarze Geschichte und das Aufwachsen im Süden der USA.« New York Times Book Review



»Ein brillantes Epos, wie es nur ein Mal in zehn Jahren erscheint. Es wird Ihre Sicht auf Amerika für immer verändern.« Washington Post


Ailey Pearl Garfield ist vorlaut, und sie weiß, was sie will. Jeden Sommer reist das Mädchen nach Chicasetta, Georgia, wo die Familie ihrer Mutter seit Jahrhunderten lebt. Ihre Großmutter wohnt dort in dem Haus, das früher dem Besitzer der Baumwollplantage Wood Place gehörte. Um ihren Platz in der Welt zu finden, muss Ailey die verschlungene Geschichte ihrer Familie verstehen. Denn sie trägt das Erbe der Unterdrückung und des Widerstands, der Sklaverei und der Selbstermächtigung in sich – ein Erbe, so widersprüchlich und lebendig wie Amerika.


Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois ist ein gewaltiger Roman über das wahre, bunte Amerika. Honorée Fanonne Jeffers erzählt die Geschichte von Ailey Pearl Garfield, einer vor Leben sprühenden, selbstbewussten und witzigen Frau, und mit ihr über vierhundert Jahre amerikanischer Geschichte.

»Jeffers feiert Schwarze Frauen als brillante Überlebende, die gerade durch ihre Geschichte Freude und Genie verkörpern.« The Observer

»Ein kraftstrotzender und zärtlicher Coming-of-Age-Roman.« Time

»Erstaunlich ... Ein großes Werk, durchdrungen von Liebe und Wahrhaftigkeit.« Alice Walker

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FALTER-Rezension

„Ein mit reichlich Butter zubereiteter Mürbteig“

Tausendseitige Romane sind immer eine Anmaßung. Sie beanspruchen schon qua Umfang eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit, und die hat das Romandebüt der bis dahin vor allem als Lyrikerin in Erscheinung getretenen Honorée Fanonne Jeffers, Jahrgang 1967, in den USA auch zu lukrieren vermocht: „Ein brillantes Epos, wie es nur einmal in zehn Jahren erscheint“, urteilte etwa die Washington Post.

Die „Epos“-Assoziation drängt sich auf, beginnen „Die Liebeslieder von W. E. B. Du Bois“ doch vom ersten Satz an mächtig und bedeutsam zu orgeln: „Wir sind die Erde, das Land. Die Zunge, die spricht und die stolpert über die Namen der Toten, wenn sie sich herantraut an die Ahnen einer Frau und an ihre Geschichten. An ihre Vorfahren, ihren Boden, ihre Bäume, ihr Wasser.“

Als „Song“ sind jene Abschnitte ausgewiesen, in denen – immer wieder in der ersten Person Plural – die Geschichte einer zunehmend blutigen Landnahme nachgezeichnet wird, in der die englischen Kolonisten und deren Nachfahren die indigene Bevölkerung verdrängen, vertreiben und niedermetzeln, um durch den Sklavenhandel der rassistischen Gewalt schließlich auch noch eine transkontinentale Dimension zu eröffnen.

Man könnte Jeffers’ Roman auch als eine Art literarischer Ahnenforschung bezeichnen. Denn tatsächlich beschäftigt sich die 1973 geborene Ailey Pearl Garfield, auf welche die im „Song“ abgespulte Linie der Vorfahren zuläuft, im Rahmen ihrer verspäteten akademischen Karriere genau mit einem solchen Projekt und wird dabei Zusammenhänge aufdecken, die für sie und ihre Familie überraschend, wenn nicht schockierend ausfallen. Darüber hinaus kommt ihr als Ich-Erzählerin der gewichtigste Part innerhalb des polyphon konzipierten Romans zu.

Irgendwann und irgendwie sind schließlich alle mit allen verwandt und haben indigenes, weißes und schwarzes „Blut in den Adern“, was sich allerdings nicht notwendigerweise in der Hautfarbe als vermeintliches Indiz der ethnischen Abkunft manifestieren muss.

„Brown sugar lassie, / Caramel treat, / Honey-gold baby / Sweet enough to eat. / Peach-skinned girlie, / Coffee and cream, / Chocolate darling / Out of a dream.“ So hat der selbst über vielerlei Vorfahren verfügende Harlem-Renaissance-Dichter Langston Hughes die erotische Attraktivität unterschiedlicher Schattierungen der Haut in seinem Gedicht „Black and Beautiful“ besungen. Bei Jeffers wird die Kulinarik des Spektrums noch erweitert: „Ihre Haut hatte die Farbe eines mit reichlich Butter zubereiteten Mürbteigs.“ So g’schmackig und harmlos geht es freilich nur selten zu, denn Hautfarbe als Distinktionsmerkmal produziert eine ganze Reihe von Sichtweisen und Praktiken der Segregation, die im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden und keineswegs nur weiße Rassisten affiziert.

In „The Souls of Black Folk“ (1903) hat W. E. B. Du Bois (siehe auch Rezension auf Seite 5) seine Theorie vom „doppelten Bewusstsein“ entwickelt, die besagt, dass Schwarze sich selbst auch durch die Brille der Weißen betrachten und deren Stereotypen übernehmen. Exemplarisch kommt dies im Roman in jener Szene zum Ausdruck, in der sich Aileys „Nana“ über den „schrecklich dunklen“ Freund von deren Schwester Lydia auslässt und der Enkelin ins Gewissen redet: „Frauen verhelfen der Familie zum Aufstieg, Ailey, nicht zum Abstieg. Du bist sehr, sehr braun. Du musst also jemand deutlich Helleren finden.“

Das so genannte „Passing“, also die „Chance“, als „weiß“ wahrgenommen zu werden, ist ein zweischneidiges Schwert: Es mag vor der Zwangsarbeit auf den Plantagen bewahren, aber die Angst aufzufliegen, bleibt auch nach Abschaffung der Sklaverei virulent. Das erfährt etwa Aileys hellhäutiger Großonkel, als er sich einmal in der „weißen“ Schlange fürs Brot anstellt und glatt von einem der Franklins verpfiffen wird, die im Roman generationenübergreifend für jene Weißen stehen, die ihre vermeintliche Zukurzgekommenheit durch übelsten Rassenhass kompensieren.

Der ein biblisches Alter erreichende „Uncle Root“ aber ist so etwas wie das personifizierte Gravitationszentrum des Romans. Er verkörpert den nicht nur intellektuell integren, sondern generell gütigen und solidarischen „Negro“, der es vorzieht, an einem College für Schwarze in Georgia zu unterrichten, statt Karriere an einer der prestigereichen Ivy-League-Universitäten im Norden des Landes zu machen.

In der deutschen Übersetzung wird der historische, als Selbstbezeichnung verwendete Begriff im Englischen belassen, weil das deutsche Äquivalent eindeutig rassistisch konnotiert ist. Darüber hinaus haben sich die beiden Übersetzerinnen, Maria Hummitzsch und Gesine Schröder, dazu entschlossen, immer wieder einzelne Sätze, Halbsätze oder Begriffe (wie etwa „brother“ und „sister“) im Englischen zu belassen, um das im Roman gesprochene African American Vernacular English nicht in einen deutschen Dialekt oder Slang übertragen zu müssen, der bloß nach „fehlerhaftem Englisch“ klänge.

Das funktioniert über weite Strecken sogar besser, als ein Deutsch à la „Die Tussi ist so krass schräg“ („That girl is so damned weird“) oder das enervierend oft gebrauchte „Spätzchen“ für „darling“. Der Umstand aber, dass die Sprache des Romans vor allem im den mythisch-pathetisch raunenden „Song“-Passagen immer wieder in blühenden Kitsch kippt und keinen konsistenten Ton findet, ist nicht der Übersetzung anzulasten, sondern ein entschiedenes Defizit des Originals, das seine hohen Ambitionen nicht literarisch triftig umzusetzen vermag.

Am stimmigsten sind „Die Liebeslieder des W. E. B. Du Bois“ noch dort, wo sie aus der Perspektive ­Aileys ­dialoglastig und ziemlich ­konventionell eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt, die von dem Umstand überschattet wird, dass nicht nur ­diese, sondern auch ihre beiden älteren Schwestern vom eigenen Großvater ­sexuell missbraucht wurden. Während Lydia ihrer ausführlich ­dargestellten Crack-Sucht erliegt, hat Coco auf ­Seite 637 ihren einzigen bedeutsamen ­Auftritt und muss sich ansonsten mit der Rolle der ­Quotenlesbe bescheiden.

Der Roman ist eine Mogelpackung insofern, als der ahnenforscherische Aufwand mit seinen endlos verzweigten und in alttestamentarischer Monotonie ausgebreiteten Stammbäumen außer Verwirrung und Ennui lediglich die fragwürdige Erkenntnis produziert, dass die vor Inzest und Pädophilie nicht zurückschreckende sexualisierte Gewalt eine Art kolonialer Erbsünde darstellt.

Überzeugender, wenn auch nach „Intersektionalismus“-Seminar-Masche gestrickt sind jene Passagen, in denen der Machismo der „brothers“ aufs Korn genommen wird, die den „sisters“ nur an die Wäsche oder schlicht bekocht werden wollen. Er stehle ihr nur die Zeit, in der Hoffnung „auf einen Nachschlag von meiner Schwarzen Frauenmuschi“, faucht Ailey einen Lover an. Die Frage, welche Geschlechter über eine Muschi verfügen, wird dann allerdings nicht mehr erörtert.

Klaus Nüchtern in Falter 42/2022 vom 21.10.2022 (S. 5)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783492070126
Ausgabe 1.
Erscheinungsdatum 29.09.2022
Umfang 992 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Piper
Übersetzung Maria Hummitzsch, Gesine Schröder

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