Ella und Laura

Von den Müttern unserer Väter
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Kurzbeschreibung des Verlags:


August Zirner und Ana Zirner beginnen etwa zeitgleich damit, sich für die Geschichten ihrer Großmütter zu interessieren. Beide empfinden eine zaghafte „Jewish Identity“, hinterfragen diese jedoch kritisch: Nutzen wir sie aus, um ein „reines Familiengewissen“ vertreten zu können? Und was kann uns noch gegeben werden von den starken Frauen, die uns vorangegangen sind? Sie blicken nach Wien, in die Zeit zwischen den Weltkriegen. Ella Zirner-Zwieback leitet das noble Modekaufhaus „Maison Zwieback“ in der Kärntnerstraße. Sie gilt als Grand Dame des Wiener Großbürgertums. Gleichzeitig lebt dort auch das Mädchen Laura Wärndorfer. Die Stoffe der Spinnerei von Lauras Vater werden in Ellas Kaufhaus verarbeitet. Die beiden Damen begegnen sich jedoch erst viel später, im Jahr 1942 in New York. Laura hat Ellas Sohn Ludwig geheiratet. Beide hatten aufgrund ihrer jüdischen Familien emigrieren müssen. Bei ihren Recherchen stellen Ana und August fest, dass es einzig die Bilder in ihren Köpfen sind, denen sie Glauben schenken können. Und so beginnen sie, die Welten ihrer Großmütter mit Fantasie zum Leben zu erwecken. Bis schließlich Laura und Ella selbst zu sprechen beginnen …

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FALTER-Rezension

Familiengeschichte und Selbstreflexion

Zeitgeschichte: Drei Familienautobiografien beleuchten das Wien des Fin de siècle bis in die Gegenwart

Eine Spezialgattung der Autobiografie sind sogenannte Familienbiografien. Mit „Vienna“ (2005) hat Eva Menasse einst einen Coup gelandet. Was treibt einen dazu, die (Auto-)Biografie einer Familie zu schreiben? Meist ist es der Wunsch nach Selbstfindung oder Selbsterkundung oder auch jener, die Einzigartigkeit der eigenen Familie für die Nachwelt zu dokumentieren.

Keines von beidem dürfte Michael Schnitzler bewogen haben, unter dem Titel „Der Geiger und der Regenwald“ eine Autobiografie zu verfassen. Bei ihm ist es eher das Bedürfnis, die eigene Lebensgeschichte nachzuerzählen und zugleich einen flammenden Appell in puncto Klimarettung zu lancieren.

Michael Schnitzler ist niemand Geringerer als der Enkel Arthur Schnitzlers und lebt in Wien im Cottage-Viertel in der unmittelbaren Nähe der Villa seines Großvaters. Aber Michael Schnitzler ist nicht nur Enkel eines Künstlers, sondern selbst einer, und zwar Violinist, als der er jahrzehntelang Konzertmeister der Wiener Symphoniker war und zwei eigene Ensembles auf die Beine gestellt hat, die Wiener Solisten und das Haydn-Trio. Außerdem hat er lange an der Musikhochschule bzw. Universität in Wien unterrichtet.

Sein Buch beginnt mit der Familiengeschichte der Schnitzlers und Strakoschs, zweier großbürgerlicher Familien, die im Wien der Jahrhundertwende zu Reichtum und Ansehen gekommen sind und aus denen Michaels Eltern hervorgehen: der Theaterregisseur Heinrich Schnitzler, Sohn Arthur und Olga Schnitzlers, und die Violinistin Lilly Schnitzler, geborene Strakosch. In beiden Familien ist Musik ein zentrales künstlerisches Ausdrucksmittel.

Prägend für die Schnitzlers und die Strakoschs war jedoch die Tatsache, dass sie als jüdische Familien 1938 emigrieren mussten. Zunächst landeten Heinrich und Lilly Schnitzler mit ihrem Sohn Peter in New York, wo sie auf viele Freunde trafen. Heinrich konnte umgehend am Broadway inszenieren. Dann erhielt er eine Berufung an die Universität Berkeley. Michael wurde 1944 in Kalifornien geboren und wuchs zunächst wie ein „richtiger“ Amerikaner auf. Von klein auf spielte er Geige. 1958 wagte die Familie den Sprung zurück nach Wien. Michael war 14 Jahre alt und sprach kaum Deutsch.

Die Musik bot jedoch viele Anknüpfungspunkte. Bemerkenswert sind die vielen Kapitel, in denen Schnitzler über die Dirigenten schreibt, mit denen er gearbeitet hat und die sich wie ein Who’s who der Musikgeschichte lesen: Karajan, Böhm, Giulini, Sawallisch, Abbado etc. Die Grundlage dieser Sequenzen bilden Tagebuchaufzeichnungen. Immer wieder gelingen ihm dabei komische Passagen, etwa wenn er die Charaktere der Dirigenten beschreibt, über Gastaufenthalte in fremden Ländern oder über eigene Missgeschicke schreibt. Da gerinnt das Buch zu einem einzigartigen Werk über ein Musikerleben im 20. Jahrhundert. Gespickt mit zahlreichen Fotos ist die Ausstattung des Buches auch opulent.

Insgesamt hat Schnitzler im Laufe seines Lebens über 3000 Konzerte gespielt. Doch entscheidend für sein Leben war letztlich, wie er beteuert, nicht die Musik, sondern seine Reiseleidenschaft. So kam er 1989 nach Costa Rica und verliebte sich auf Anhieb in das mittelamerikanische Land. Er kaufte ein Haus und begann damit, sukzessive Regenwald aufzukaufen, um ihn vor der Abholzung zu schützen.

Bald wurde daraus ein Charity-Projekt mit dem Namen „Regenwald der Österreicher“ (www.regenwald.at), in dessen Rahmen schließlich 40 Quadratkilometer Regenwald unter Schutz gestellt wurden. Außerdem sind eine Forschungsstation (www.lagamba.at) und ein Ökotourismus-Projekt (www.esquinaslodge.com) entstanden, bei denen Schnitzler ebenfalls entscheidend tätig war. Für sein Engagement erhielt er schließlich den Staatspreis für Umwelt, den sogenannten Konrad-Lorenz-Preis. Das Schlusswort seines Buches lautet: „Als Geiger und Lehrer war ich ersetzbar, als Naturschützer nicht.“

Der Schauspieler August Zirner hat gemeinsam mit seiner Tochter Ana ein Familienbuchprojekt der ganz besonderen Art ersonnen. Beide schreiben in „Ella und Laura“ über ihre Großmütter. Und zwar abwechselnd, zweistimmig, vierhändig, wie am Klavier. Das birgt die Gefahr, dass man des Öfteren den Faden verliert, weil man nicht weiß, bei welcher Großmutter man gerade ist. Allerdings sind die Damen doch grundverschieden und deswegen auch zeitlebens keine wirklichen Freundinnen geworden.

Beide sind jüdischer Herkunft, und das veranlasst August Zirner am Beginn des Buches über den Satz „There’s no business like Shoah-business“ zu reflektieren und sich die Frage zu stellen, ob er vielleicht bereit sei, seine eigene Großmutter zu verkaufen. Doch der Antrieb zu dem Buch ist ein anderer: Vater und Tochter haben sich lange nicht für die eigene Familiengeschichte interessiert, doch irgendwann, im Zuge einer Besinnung auf sich selbst – Stichwort: Selbstfindung – kam doch das Bedürfnis, diese zu recherchieren.

Entstanden ist dabei ein packendes Buch über jüdische Familiengeschichte im 20. Jahrhundert. Auch in diesem Fall entkommen alle näheren Verwandten dem Holocaust. Auch in diesem Fall führt der Weg nach Amerika, nach New York und nach Urbana, Illinois. Ella Zirner-Zwieback, Augusts Großmutter, hatte von ihrem Vater das Maison Zwieback übernommen, eines der elegantesten Modekaufhäuser Wiens.

Ihre Schwägerin Laura Beate Zirner, geborene Wärndorfer, war Grafikerin und Kostümdesignerin und Nichte eines der Begründer der Wiener Werkstätte, von Fritz Wärndorfer.

Das Wien der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert bis in die 1930er-Jahre herauf ist dann auch die Zeit, auf die besonders fokussiert wird. Es ist dies die Zeit der beginnenden Frauenemanzipation, und beide Frauen, Ella wie Laura, stehen mit beiden Beinen fest im Leben.

Als Leiterin des Kaufhauses hatte Ella eine Pionierinnenrolle. Auch in ihrer Ehe brach sie mit so mancher Konvention und empfing von ihrem Klavierlehrer ein Kind, das ihr Mann Alexander als Kuckuckskind akzeptierte. Es ist der Sohn Ludwig Zirner, Musikprofessor und Regisseur, zugleich Ehemann Lauras, der erst in der Emigration seine wirkliche Leidenschaft zum Beruf machen konnte.

Wie so oft in jüdischen Familiengeschichten geht es um mühsam erkämpfte Restitutionsansprüche. Nicht nur das Kaufhaus, auch das neben dem Kaufhaus von Ella Zirner-Zwieback begründete Café Zwieback, beide auf der Kärntner Straße, wurden 1938 enteignet und „arisiert“. Heute verkauft im ehemaligen Kaufhaus die Firma Apple seine blinkenden, klingelnden und überteuerten Gadgets, und das Café, das zeitweise den Gourmettempel Drei Husaren beherbergte, wurde restauriert und gehört jetzt zum Konditoreiimperium Sluka.

Die Geschichte dieser Renovierung ist die einer weiteren Brüskierung. Zunächst wurde an keiner Stelle auf die jüdische Vergangenheit des Cafés hingewiesen. Erst der Einspruch von Ellas Enkel, von August Zirner selbst, führte dazu, dass immerhin auf der Speisekarte ein Hinweis auf die ehemaligen Besitzer gesetzt wurde.

Eine „literarische Familienbiografie“ hat die bekannte Journalistin und Autorin Hanna Molden über Ernst Molden und dessen Sohn Fritz Molden verfasst. Letzterer war ihr Ehemann und ist 2014 verstorben. Das Buch trägt den Titel „Der Jahrhundertelefant“. Und dieser „Jahrhundertelefant“ ist eine Märchenfigur, die Vater Ernst Molden erfand und die in der Familiengeschichte wiederholt von Vater zu Sohn weitergegeben wurde.

Das Buch reißt kurz die Jugend von Fritz Molden an, des Sohns der Dichterin Paula Preradović, die bis heute als Texterin der Bundeshymne bekannt ist, und des Chefredakteurs der Presse Ernst Molden. Das Schreiben wurde in der Familie quasi genetisch vererbt. So übernahm später Sohn Fritz die Leitung und Chefredaktion der Presse. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er mehrfach von der Gestapo verhaftet, weil er sich mit dem Hitler-Regime anlegte.

Später gründete er den Molden Verlag, der 1982 in Konkurs ging, aber unter Mithilfe von Freunden neu gegründet wurde. Die Geschichte der Familie Molden ist ein Stück österreichischer Geistes- und Gesellschaftsgeschichte. Dass Hanna Molden diese Geschichte teilweise in Ton und Form eines Kinderbuchs erzählt, verleiht ihr einen literarischen Anstrich.

Die NS-Jahre werden mit dem Hinweis darauf, dass eine Familiengeschichte nie „restlos“ erzählt werde, „weil immer irgendwer der Wahrheit nicht ins Auge blicken will“, umschifft.

Das ist schade, aber nur zu verständlich.

Nicole Streitler-Kastberger in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 40)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783492070409
Ausgabe 1.
Erscheinungsdatum 30.09.2021
Umfang 352 Seiten
Genre Sachbücher/Musik, Film, Theater/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Piper
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