Sachbuch-BESTENLISTE Mai 2022

Der gekränkte Mann

Verteidigung eines Auslaufmodells | Die Rolle des modernen Manns heute
€ 22.7
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Männer sind die Geisterfahrer der modernen Gesellschaft: Der Feminismus stellt sie als Mängelwesen dar – »toxische Männlichkeit« ist zu einem Kampfbegriff geworden. Und die vermeintlichen Übeltäter? Passen sich geschmeidig an. Oder fühlen sich überrollt von einer Logik, die Männer grundsätzlich als Problem und Frauen als Lösung darstellt.
Wie fühlt sich diese Kränkung an, wenn man nicht wie ein Feldherr durchs Leben laufen, aber auch kein Vorzeigefeminist sein möchte, wenn man sich selbstkritisch beobachtet, aber auch nicht umkrempeln lassen möchte wie ein altes Hemd? Warum ist es gar nicht so einfach, einen Kultur- und Normenwandel anzunehmen, der alles, was einem jahrzehntelang als erstrebenswert verkauft worden ist, als peinlich, fragwürdig oder unmoralisch entwertet? Und wie kann man heute überzeugend Mann sein – offen und empathisch, aber nicht dressiert und glattgeschliffen?
 »Freches, faires, aufrichtiges Buch: Tobias Haberl kämpft sich durch das Dickicht der Geschlechterdebatten – zwischen den dauergekränkten alten und den enthaarten, veganen neuen Männern. Das geht alle an, Frauen wie Männer.« Eva Menasse

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FALTER-Rezension

Wo die wilden Kerle weinen

Männerdämmerung ist angesagt. Neu ist sie nicht. Seit "Hunderten von Jahren" schon ringen Männer um ihre Identität, und "seit zweihundert Jahren bröckelt die traditionelle Geschlechterordnung". Das befindet jedenfalls der deutsche Journalist Tobias Haberl in seinem Buch "Der gekränkte Mann". Historisch hält der Befund ebenso wenig stand wie der von Haberl perpetuierte Mythos, die Neolithische Revolution habe zu einer Arbeitsteilung und Hierarchisierung der Geschlechter geführt.

Egal. Die Männer, allen voran "alte weiße Männer", haben es heutzutage nicht leicht. Das findet Haberl nicht fair. Allzu leichtfertig würden männliche Eigenschaften als "überholt" oder "toxisch" denunziert, deren die Gesellschaft dringend bedürfe -Qualitäten wie Mut, Willensstärke, Wehrhaftigkeit

Das kann man jetzt einmal so stehen lassen, und es ist auch nicht alles ein kompletter Holler, was Haberl so schreibt. Wenn er, der für sein Porträt der feministischen Kolumnistin Margarete Stokowski den unvermeidlichen Shitstorm erntete, die "kaltschnäuzige Destruktivität und überschießende Urteilskraft" von Twitter-Brigaden kritisiert und es zynisch und herzlos findet, wenn Kumpel, die sich ein Leben lang für ihre Familien krummgeschuftet haben, nach der Schließung der letzten Zeche von ein paar Fridays-for-Future-Mädels auch noch als "Kohlennazis" denunziert werden, hat er fraglos recht. Er müsste dann aber auch die Kategorie "Klasse" ins Spiel bringen und den Umstand thematisieren, dass die Männer, die hier unter Applaus auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt werden, aus dem Proletariat stammen.

So kompliziert mag Haberl aber nicht werden. Sein Buch steht unter dem Diktat des bestimmten Artikels. Ständig ist von der Gesellschaft und den Medien die Rede, die den Männern dies und jenes abverlangen, vorschreiben und verbieten würden, wodurch diese unter den gewaltigen Druck geraten, "alles auf einmal sein zu müssen: cooler Daddy, trainierter Sportler, feuriger Liebhaber, ehrgeiziger Performer und feinfühliger Lebenspartner". Alle Gewissheiten und alles, worauf seine Identität gründete, sieht der Mann von heute infrage gestellt, entwertet und verhöhnt: "Der Mann ist nicht mehr der Garant der sozialen Ordnung und die Frau nicht mehr sein launisches Beiwerk." Indeed. Rip Van Winkle breaking news!

Die Geduld und Nachsicht, die Haberl einfordert, hat er im Überfluss - vor allem mit sich selbst. Er, der sein Lebtag nur männliche Vorbilder in dem immerhin nicht unbreiten Spektrum zwischen Rocky Balboa, Thomas Gottschalk und Hesses "Narziss und Goldmund" kannte, hat es einfach nicht besser gewusst und seine Männlichkeit nicht hinterfragt: "Ich hatte was zwischen den Beinen, meine Schwester nicht, fertig." Den Biologieunterricht hat der junge Tobias offenkundig auch geschwänzt.

Und dann auch noch dieser fatale Donnerstag im Jahr 2012, als die SZ-Edelfeder Haberl, süße 35 Jahre alt, die Praktikantin mit "Baby, kannst du mir bitte kurz helfen " anspricht, sich den verdienten Rüffel einhandelt, aber dann eh ur betroffen und peinlich berührt ist. "Der gekränkte Mann" ist eine geradezu schamstolzgeschwängerte Selbstbezichtigungsarie, für die der frischgebackene Frauenversteher seinerseits Verständnis, ja geradezu Applaus einfordert: "Seht her, so doof war ich, aber jetzt hab ich's eh gerafft." Und außerdem muss er am Ende von "Brokeback Mountain" immer weinen. Kann so jemand ein schlechter Mensch sein?

Welpenhaft winselnd bettelt Haberl um Streicheleinheiten und macht sich -nie darum verlegen, auf den Popanz einzudreschen, den er sich gerade zusammengezimmert hat - zugleich permanent lustig über die penibel depilierten, Pfirsiche einweckenden, Tofubällchen futternden und Kinderwägen schiebenden Achtsamkeitsdaddys von heute, die ohnedies keine Frau begehrenswert fände. Was kümmert's ihn? Biodeutsche Bobos sind ohnedies dem Untergang geweiht, denn wer schützt die deutschen Frauen, wenn sie auf der Kölner Domplatte von nicht hegemonial pigmentierten Typen sexuell belästigt werden? Ganz genau, ein Türsteher kroatischer Abkunft.

Überhaupt sind Männer mit Migrationshintergrund oder aus anderen Weltgegenden noch näher an ihrer Natur dran: ein Kerl wie Zlatan Ibrahimović, der so einen geilen Spruch wie "Covid hat den Mut gehabt, mich herauszufordern. Eine ganz schlechte Idee" ablässt; die Türken in den Teestuben um den Münchner Hauptbahnhof; die Männer am Strand von Rio, "die Dosenbier in sich reinschütteten, Fußball spielten, durch die Wellen tobten oder gewaltige Frauenhintern eincremten", während der blasse Tobi aus dem Glockenbachviertel wieder nur das Zeit-Feuilleton las. Buhuhu!

In einem Schnürlregen an Zitaten -der Soziologe Christoph Kucklick hat einmal dies, der Unternehmensberater Heiner Thorborg das und die Linguistin Ewa Trutkowski jenes gesagt - wiederholt Haberl, was längst gesagt wurde, aber eben noch nicht von allen.

Er behauptet das eine und ein paar Seiten später das Gegenteil. Er wäscht allen den Pelz und macht niemanden nass. Und bei allen Tränen, die er den 1980ern nachweint, in denen die Typen noch Koks geschnupft und Gas gegeben haben, scheint es ihm dann doch ganz okay, dass diese Ära nun langsam zu Ende geht: "Die Könige haben die Kontrolle über ihr Herrschaftsgebiet verloren. Nun stehen sie ratlos in der Gegend herum und versuchen, Schritt zu halten mit einer Welt, die sich ganz anders entwickelt, als sie es sich vorgestellt haben - und sei es nur, dass die Buhlschaft im Salzburger ,Jedermann' kurze Haare und wenig Busen hat."

Wahrlich, die Männer von heute stehen am Abgrund. Sie könnten einem glatt leidtun.

Klaus Nüchtern in Falter 19/2022 vom 13.05.2022 (S. 31)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783492071130
Ausgabe 1.
Erscheinungsdatum 31.03.2022
Umfang 256 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag Piper
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