Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben

von Harriet Köhler

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Verlag: Piper
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.09.2019


Rezension aus FALTER 41/2019

Forschungsexpedition ins Allervertrauteste

Lebenskunst: Harriet Köhlers „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ regt zur Nachahmung an



Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, dichtete Matthias Claudius. Die Autorin und Restaurantkritikerin Harriet Köhler beweist das Gegenteil, indem sie sich dem Reisen verweigert. „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ heißt ihr Buch. Die „Gebrauchsanweisungen“ des Piper-Verlags sind eine formidable Reihe, die schon 1978 mit Paul Watzlawicks „Gebrauchsanweisung für Amerika“ begonnen wurde und daher eine lange Tradition darin hat, (nicht nur, aber auch) Schriftsteller und Schriftstellerinnen schreibend über Reisedestinationen und andere Leidenschaften nachdenken zu lassen. Das ist bestens. Mitunter aber kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Titel, wären sie nicht Teil einer Reihe, mehr Aufmerksamkeit, zumal von Belle­tristiklesern, bekämen. So etwa Köhlers neues Buch, das jede Menge davon verdient.



Es hat Charme, Witz und Schwung. Es ist sehr gut geschrieben und innerhalb des Berliner Bobo-Biotops, in dem es sich bewegt, sehr gut beobachtet. Es ist Erlebnisbericht und Selbstversuch, Tourismuskritik und Reisekulturgeschichte, Plädoyer für umweltverträglicheres Verhalten und feuilletonistische Ausleuchtung des Naheliegenden. Und es funktioniert ähnlich gut wie Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ oder Karen Duves „Anständig essen“ von 2009, die als Selbstversuche so überzeugend waren, dass sich ganze Legionen von Leserinnen und Lesern zum Vegetarismus bekehrten.



Köhlers Buch wirkt ähnlich. Bei ihr ist das Daheimbleiben nicht einfach nur eine andere Variante von Urlaub. Es bedeutet auch: „einmal nichts zum Wirtschaftswachstum beitragen. Die Konsumgesellschaft boykottieren (…). Sich einmal gegen das Räderwerk des Kapitalismus stemmen, der von uns verlangt, unsere Arbeitskraft möglichst kostenintensiv wiederherzustellen.“ Denn wer auf Flüge, Hotels und Airbnb verzichtet, vermeidet auch Overtourism und erhöhten CO2-Ausstoß. Bei Köhler wird das Daheimbleiben zur „sanftesten aller Arten, Widerstand zu leisten“. Dabei, und das ist ihre zweite Hauptthese, verzichtet man in Wahrheit auf sehr wenig, weil es das Fremde im Naheliegenden zu entdecken gilt.



Ihre Vorschläge umfassen schlichte Dinge, die von einem Lunch zu zweit über Spaziergänge, das Kennenlernen von Nachbarn, von einem Museumsbesuch bis zum Sichnassregnenlassen oder deiner Zimmerreise reichen. All das könnte einfältig, unoriginell oder abgeschmackt wirken, tut es aber nicht, weil Köhler eine so hervorragende Erzählerin ist und wie nebenbei jede Menge Wissen zutage fördert. Oder wussten Sie, dass die Pull-to-refresh-Funktion von Apps nur mehr ihres Suchtpotenzials wegen existiert? Apps könnten sich nämlich längst automatisch aktualisieren. Oder dass das althochdeutsche Wort „urloup“, von dem unser „Urlaub“ kommt, die Bitte eines Ritters an seinen Lehnsherren bedeutete, sich entfernen zu dürfen? „Schon allein der Gedanke, sich abzumelden und anschließend nicht zu entfernen, sondern einfach zu bleiben, wo man ist, birgt ein gewisses Hochgefühl.“



Daheimbleiben wird hier zum gewaltfreien, revolutionären Akt geadelt, zum Gegen-den-Strom-Schwimmen und zur ethnologischen Forschungsexpedition ins Allervertrauteste: das eigene Zimmer, die eigene Straße oder die Gartenlaube der Freunde am Stadtrand, in der Eltern und Kinder gleichermaßen zu Ruhe kommen. Ja, ohne kleine Kinder am Rockzipfel von Köhler und ihrem Mann wäre dieses Buch vermutlich nicht entstanden. Trotzdem fühlt es sich nicht so an, als hingen für jemanden die Trauben des Reisens auf einmal in allzu mühsamen, kinderinkompatiblen Höhen. Viel eher schon hat Köhler entdeckt, dass man sich der Verwertungslogik auf vielerlei Weise entziehen kann, indem man weniger tut, es gemächlicher angeht und sich und uns daran erinnert, dass noch in den 1950er-Jahren die dritthäufigste Freizeitbeschäftigung der Deutschen war, einfach aus dem Fenster zu schauen. Fühlt sich an, als läg’s Jahrhunderte zurück.

Julia Kospach in FALTER 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 53)


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