Timbuktu

von Paul Auster, Patrick Walder

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 37/1999

Traurige Hundeaugen

Paul Austers "Timbuktu" empfiehlt sich schon jetzt als Weihnachtsgeschenk: ein Roman, so ergreifend wie eine Christkindl-Doppelfolge von "Lassie".

Paul Auster ist ein Schriftsteller, dessen Wirken hinlänglich bekannt ist. Mit der "New-York-Trilogie" trat er Mitte der Achtzigerjahre in das Bewusstsein einer literarisch interessierten Öffentlichkeit und verweilt dort dank zahlreicher weiterer Romanerfolge und einer Erweiterung seines Tätigkeitsbereiches in Richtung Drehbuch (erfolgreich) und Filmregie (weniger) bis zum heutigen Tag. Gerade noch rechtzeitig vor der allherbstlichen Neuerscheinungslawine anlässlich der Frankfurter Buchmesse erscheint nun das jüngste Werk des mittlerweile auch schon 52-Jährigen: "Timbuktu".

Schöner Titel, zuerst einmal (geheimnisvoll!). Schönes Umschlagbild, auch: Ein schwarzhaariger Hund blickt ernst und traurig vor weißem Hintergrund. Alle Hoffnungen fahren lassen müssen jetzt jene, die sich aufgrund des Titels schon auf einen großen Herumirren-und-Sinnsuchen-in-Afrika-Roman a la Paul Bowles gefreut haben - nein, Timbuktu hat in diesem Roman nichts mit der gleichnamigen Stadt in Mali zu tun. Viel eher führt das Hundecover auf die richtige Fährte: Zentralfigur und Ich-Erzähler ist nämlich Mr. Bones, ein intelligenter und gutherziger Vierbeiner.

Dieser verbringt die ersten knapp hundert Seiten des Romans treusorgend an der Seite seines Herrchens Willy G. Christmas, eines schwerkranken schriftstellernden Obdachlosen, welcher verzweifelt versucht, seine hochverehrte Highschool-Englischlehrerin Bea Swanson zu finden, um ihr noch vor seinem Tod seine gesamten, nie veröffentlichten Manuskripte zu übergeben. Doch seine Kräfte schwinden, er bricht vor einem Wohnhaus Edgar Allan Poes (!) zusammen und wird ins Krankenhaus gebracht. Die ausfindig gemachte Mrs. Swanson eilt herbei, ein ausführliches Gespräch mit ihrem ehemaligen Schüler folgt, und Willy stirbt am darauf folgenden Morgen.

Nach einem kurzen Pufferkapitelchen - Mr. Bones, todtraurig, einsam und verzweifelt, freundet sich mit einem zehnjährigen Jungen an, wird aber von dessen Vater vertrieben - beginnt nun im zweiten Teil des Buches ein völlig neuer Lebensabschnitt für den sympathischen schwanzwedelnden Protagonisten: Er flüchtet aufs Land und wird von der vierköpfigen Familie Jones aufgenommen, gehegt und gepflegt und findet nach den vielen aufregenden, aber eben doch auch aufreibenden Jahren der Wanderschaft mit Willy in der von finanzieller Sicherheit und gut getrimmtem Rasen umgebenen Welt des amerikanischen Mittelstands ein spätes Glück.

Kein typischer Auster, wird man wohl spätestens jetzt erahnen. Und in der Tat erinnert "Timbuktu" aufgrund der vorherrschenden liebevoll-naiven Erzählstimmung, der unverhohlen klischeehaften Schilderung der Hauptfiguren und der großen finalen Verklärung christlicher Todeserlösungssehnsüchte eher an eine "Lassie"-Weihnachts-Doppelfolge als an einen durchschnittlichen Auster-Roman.

Doch selbstredend gibt es hinter dieser Hundemärchen-Fassade von "Timbuktu" auch noch ein "ernsthaftes", aufgrund von Austers Vita wenig überraschendes, jedoch auch nicht wirklich aufregendes Grundthema zu entdecken: den Vergleich zweier Lebensentwürfe nämlich. Schildert die erste Hälfte des Romans das Leben eines Einzelgängers, eines gesellschaftlichen Außenseiters, der zwar immer "sein eigener Herr" gewesen ist, frei und ungebunden von Arbeit und Familie, dafür aber ständige Geldnot und Gefahren in Kauf nehmen musste, so steht dem im zweiten Teil das "Gelobte Land" Familie gegenüber. Dort ist, wie Mr. Bones bemerkt, zwar "vielleicht nicht alles im Lot", doch scheint es angesichts der gebotenen Vorteile auch "gar nicht mehr so wichtig", "dass man den ganzen Tag angekettet" ist.

Am Ende des Buches heißt es übrigens Taschentuch bereithalten, um für den durchaus wahrscheinlichen Fall eines unkontrollierbar gewordenen Tränenflusses adäquat ausgerüstet zu sein.

Stefan Ender in FALTER 37/1999 vom 17.09.1999 (S. 62)


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