Mann im Dunkel

von Paul Auster, Werner Schmitz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 40/2008

Ich hoffe, Obama schafft es

Auf den Straßen tobt der Marathon. Während sich Nachzügler mit vor Schmerz verzerrten Gesichtern durch Berlin Mitte dem Ziel entgegenquälen, angefeuert von Zuschauern mit bestimmt gutgemeinten T-Shirt-Sprüchen ("Schmerz vergeht – Aufgeben ist für immer"), erscheint drinnen in der Hotellobby ein entspannter Paul Auster und nimmt seine Sonnenbrille ab. Ans Aufgeben habe er nie gedacht, sagt er, bloß ein einziges Mal habe er einen bereits angefangenen Roman nach 50 Seiten wieder abgebrochen.
Der Starautor aus Brooklyn, New York, ist in einer Doppelfunktion zu Gast in der deutschen Hauptstadt. Er zeigt seinen Film "The Inner Life of Martin Frost", bei dem er auch selbst Regie geführt hat ("Eine Leidenschaft, der ich nur alle heiligen Zeiten nachgebe"). Und er beginnt hier seine Lesereise, die ihn am Mittwoch, den 1. Oktober auch erstmals nach Wien führt. Im Gepäck hat er den Roman "Mann im Dunkel", die düstere Meditation eines Schlaflosen über die USA und gleichzeitig eine Reflexion über Liebe, Verlust und Trauer (siehe Rezension im Kasten).

Falter: Wie haben Sie geschlafen?
Paul Auster: Sehr schlecht. Ich ticke noch nach New Yorker Zeit. In ein, zwei Tagen bin ich wieder der Alte.
Der Held von "Mann im Dunkel", August Brill, leidet unter massiven Schlafproblemen. Er denkt sich Geschichten aus, um die Zeit bis zum Morgen zu überstehen. Wie ist das bei Ihnen?
Auster: Bei mir ist Schlaflosigkeit zum Glück nichts Gewohnheitsmäßiges. Aber es gibt diese Nächte, wo man im Dunkel liegt und düstere Betrachtungen anstellt.
In Brills Story wacht ein junger New Yorker eines Tages in Uniform in einem tiefen Loch auf. Wie sich herausstellt, befinden sich die USA im Ausnahmezustand, nachdem sich die Bundesstaaten, die mehrheitlich demokratisch gewählt haben, im Jahr 2000 abgespalten haben.
Auster: Über diese gestohlene Wahl kann ich mich immer noch aufregen, es war ein empörender Moment in der amerikanischen Geschichte. Dieser Skandal hat mich zu der Geschichte in "Mann im Dunkel" inspiriert. Ich habe seitdem das unheimliche Gefühl, wir leben in einer Parallelwelt und die Bush-Jahre sind nur Einbildung. In der wirklichen Welt beendet Al Gore gerade seine zweite Amtsperiode, und es gibt keinen Krieg im Irak. Vielleicht hätte es auch kein 9/11 gegeben. Die Warnungen waren ja am Tisch, nur hat die Bush-Regierung sie in den Papierkorb geschmissen.
Es ist fast unmöglich, sich heute eine Welt ohne 9/11 vorzustellen.
Auster: Ich weiß. Im Nachhinein erscheint uns vieles als unvermeidlich. Man darf aber nicht vergessen, wie viele Kriege nicht stattfanden, weil jemand im richtigen Moment richtig gehandelt hat. Denken wir an die Kubakrise 1962. Zum Dritten Weltkrieg hat damals nicht viel gefehlt. Zum Glück hat Kennedy das sehr cool geregelt. Hätte er das nicht getan, sähe die Welt heute ganz anders aus.
In "Mann im Dunkel" kämpft Amerika einen neuen Bürgerkrieg.
Auster: Ich glaube, dass der auch in Wirklichkeit stattfindet, nur dass er nicht mit Kugeln, sondern mit Ideen ausgetragen wird. Der Graben zwischen den beiden Lagern wird immer tiefer. Es gibt kaum noch eine Gesprächsbasis.
So etwas passiert nicht von heute auf morgen. Woher rührt diese Spaltung?
Auster: Meines Erachtens begann es mit dem Erstarken der konservativen Bewegung in den 60ern, als Barry Goldwater für die Präsidentschaft kandidierte. Wir haben einen 40-jährigen Zyklus hinter uns, in dem das Soziale, Gemeinschaftliche nach und nach diskreditiert wurde. Heute steht jeder Mensch nur mehr allein und kämpft seinen einsamen Krieg. Aber wir müssen nun mal gemeinsam leben. Auch der Bankencrash zeigt das. Der Markt reguliert sich offenbar doch nicht ganz von selbst. Der Kapitalismus ist ein riesiger Organismus, der vom Verlangen nach Profit angetrieben wird. Letztlich also von Gier. Und Gier führt nun einmal dazu, dass man sich selbst auffrisst.
Das ist die ökonomische Seite. Wie sieht es weltanschaulich aus?
Auster: Nicht besser. Das fundamentalistische Christentum hat einen unglaublichen Zustrom erfahren. Es ist schwer zu schätzen, aber etwa 25 bis 30 Prozent der Amerikaner lesen die Bibel wortwörtlich, sind gegen Abtreibungen, für die Todesstrafe und wollen bestimmte Inhalte und Bücher an Schulen verbieten. Ein großer Teil dieses Landes hat beschlossen, zurück ins Mittelalter zu marschieren.
Höchste Zeit für einen schwarzen Präsidenten?
Auster: Ich hoffe, Obama schafft es. Ich glaube nicht daran, dass er alle Probleme wird lösen können, denn die sind immens. Aber vielleicht könnte er in seiner ersten Amtszeit zumindest ein paar der Dinge wieder bereinigen, die Bush verbrochen hat. Am 4. November wird sich zeigen, ob unsere Leute einen schwarzen Mann als Präsidenten wollen.
Was sagt Ihr Gefühl?
Auster: Ich bin nur zaghaft opti­mis­tisch.
Eine der einprägsamsten Szenen von "Mann im Dunkel" schildert die rassistischen Ausschreitungen in New­ark 1967, über die man bei uns nicht viel weiß.
Auster: Ich war dabei. Ich habe in dieses Buch überhaupt einige wahre Geschichten und reale Figuren einfließen lassen. Brills ältere Schwester etwa ist ein vages Abbild meiner Mutter. Im Auto nachhause hörten wir im Radio die Meldungen von den Ausschreitungen: "Newark brennt!" Mein Stiefvater fuhr direkt ins Rathaus. Ich sah den Bürgermeister, einen starken Mann, weinend an seinem Schreibtisch sitzen. Ein hoher Polizeibeamter wiederum meinte, man sollte alle schwarzen Bastarde in der Stadt töten. Ich bin auch ins Gefängnis gegangen und habe mir die verprügelten Männer angesehen. Zum Glück bin ich in meinem Leben kriegsähnlichen Zuständen nie nähergekommen.
"Mann im Dunkel" ist Ihr politischster Roman. Macht Sie das zu einem politischen Autor?
Auster: Es gibt viel Politisches in diesem Roman, das ich offenbar loswerden musste, aber es ist andererseits auch ein Roman über die intimsten Dinge: Leben und Tod, Liebe, Familie, Ehe, Kinder und Trauer.
Es fällt auf, dass Sie in letzter Zeit alte Männer als Helden bevorzugen. Ihr letzter Roman "Reisen im Skriptorium" handelte von einem Greis, Brill ist immerhin etwas über 70.
Auster: Diese beiden Romane bilden ein Diptychon. Es fing auch mit einem Bild an. Normalerweise habe ich Musik im Kopf, wenn mir die Idee zu einem Roman kommt, einen Sound oder einen Rhythmus. Diesmal sah ich vor meinem inneren Auge einen alten Mann im Pyjama auf seinem Bett sitzen, mit den Händen auf den Knien, den Blick auf den Boden gerichtet. Das Bild war sehr plastisch und hat mich über Wochen verfolgt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es mich selbst in 20 Jahren zeigt.
Kann man das eigene Alter literarisch antizipieren?
Auster: Glauben Sie mir, es fällt mir nicht sehr schwer, mich als alten Mann zu imaginieren. (Lacht.) Das Schreiben dieser Bücher war manchmal schmerzhaft. Andererseits bin ich froh, bekanntgeben zu dürfen, dass ich meinen nächsten Roman gerade abgeschlossen habe. Die Hauptfigur ist ein 20-jähriger Mann. Es ist also nicht so, dass ich nur mehr über alte Leute schreiben will.
Brill ist Literaturkritiker im Ruhestand ...
Auster: ... und er war ein guter. Keiner, der sich durch Verrisse wichtig machen wollte. Er hat sich Bücher ausgesucht, die er mochte, und diese seinen Lesern ans Herz gelegt. Ich will mich mit dieser Figur keineswegs an Literaturkritikern rächen, wie mir bereits vorgeworfen wurde.
So abwegig wäre es nicht. Sie haben einmal gesagt, Sie seien jener Autor, der die positivsten und die negativsten Rezensionen bekommt. Ist dem immer noch so?
Auster: Das hat sich nicht geändert. Wobei ich die Rezensionen nicht lese, ich lasse sie mir von meiner Lektorin erzählen. Sie macht das sehr geschickt: "Du hast eine Hymne in der Washington Post, eine sehr positive Besprechung im San Francisco Chronicle, und die im Boston Globe könnte nicht besser sein." Den bösartigen Verriss in der New York Times verschweigt sie mir lieber. Über den bin ich aus Versehen selbst gestolpert.
Leiden Sie noch unter Verrissen?
Auster: Ja, das hört nicht auf. Im speziellen Fall musste ich aber auch lachen. Da stand: "Paul Auster glaubt nicht an die traditionellen Werte des Erzählens." So sprechen Fundamentalisten, wenn sie ihre christlichen Familienwerte gegen angebliche Bedrohungen verteidigen. Offenbar stelle ich eine potenzielle Bedrohung dar. Da wären wir wieder beim gegenwärtigen Amerika.
Es gab Zeiten, da waren Sie in Europa erfolgreicher als in Ihrer Heimat.
Auster: Stimmt, ich habe eine Zeitlang in Deutschland und Frankreich mehr Bücher verkauft als in den USA. Das hat sich allerdings in den letzten Jahren geändert.
Wie verhält es sich mit dem Ruhm? Oft erleben Autoren eine Art Schock, wenn sie berühmt werden.
Auster: Ich habe versucht, weiterhin ganz normal zu leben und zu schreiben. Und ich glaube, es ist mir ganz gut gelungen. Vielleicht kennen die Leute mein Gesicht, aber die spannenden Dinge spielen sich dahinter im Kopf ab. Ich komme mir sehr anonym vor.
Es gelingt Ihnen jedenfalls, so viel Zeit fürs Schreiben zu reservieren, um fast jedes Jahr ein neues Buch vorlegen zu können. Wie sieht Ihre Arbeitsroutine aus?
Auster: Es gibt auch Zeiten, in denen ich kaum etwas mache. Wenn ich an einem Buch arbeite, dann sehr konzentriert an sechseinhalb Tagen pro Woche. Ich stehe irgendwann zwischen sieben und acht auf, trinke meinen Tee und lese die Zeitung. Danach gehe in ein Apartment, das ich ein paar Blocks von meinem Haus entfernt zum ­Schreiben gemietet habe. Ein sehr spartanischer Ort, an dem man außer Schreiben kaum was tun kann. Ich schreibe also. Irgendwann stehe ich auf und hole mir das Sandwich, das ich am Weg her gekauft habe. Meist esse ich es noch im Stehen. Dann schreibe ich weiter. Oft kommen mir die sieben oder acht Stunden dort wie ein paar Minuten vor.
Und wenn Sie nicht arbeiten?
Auster: Dann wandere ich ziellos durch die Stadt. Momentan habe ich mal wieder keine Idee, was als Nächstes kommen könnte. Es muss auch gar nichts kommen. Ich schreibe Romane nicht um ihrer selbst willen. Bislang war es mir immer eine Notwendigkeit und Leidenschaft, diese Geschichten aus meinem Kopf zu bekommen.
Wird das Schreiben einfacher oder schwieriger?
Auster: Wenn ich eine eindeutige Antwort geben muss, dann würde ich sagen, einfacher. Die Probleme sind immer dieselben. Aber als junger Mensch verzweifelt man leichter, wenn man bei einem Buch ansteht. Jetzt weiß ich, dass sich sehr wahrscheinlich eine Lösung auftun wird. Ich muss nur geduldig sein.
Benutzen Sie immer noch Ihre berühmte Schreibmaschine?
Auster: Ja, eine Olympia, ein wunderbares deutsches Modell. Die ersten Entwürfe entstehen in Notizbüchern, danach kommt die Schreibmaschine ins Spiel. Man soll das Körperliche am Schreibprozess nicht unterschätzen.
Sie verweigern sich nach wie vor Computern?
Auster: Ich bin einer der letzten Dinosaurier! Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Computer hätte. Ich will sie nur nicht in meinem Leben haben. Mit den Händen auf einem Keyboard kann ich nicht nachdenken. Außerdem wollen Computer ständig etwas von einem. Meine Schreibmaschine steht einfach nur da, wenn ich sie nicht brauche. Sie frisst auch keinen Strom. Ich arbeite also obendrein auch noch ökologisch.
Selbst wer noch keines Ihrer Bücher gelesen hat, kennt zumindest einige Titel: "Die Musik des Zufalls", "Die Erfindung der Einsamkeit" oder "Ich glaubte, mein Vater sei Gott". Führen Sie eine Liste?
Auster: So etwas habe ich tatsächlich. Es macht Riesenspaß, sich Titel auszudenken. Zudem brauche ich unbedingt einen, bevor ich mit dem Schreiben beginnen kann. Er ist sozusagen das Dach, unter dem die Handlung entsteht. Ich habe nur einmal während der Arbeit einen Titel geändert, und zwar bei "Die Musik des Zufalls". Die hieß ursprünglich "Die mysteriösen Barrikaden", nach einem französischen Musikstück aus dem 17. Jahrhundert. Ich bin froh, das geändert zu haben.
Stichwort Frankreich und letzte Frage: Sie haben als junger Autor einige Jahre in Paris verbracht und dort auch Samuel Beckett getroffen. Wie war das?
Auster: Unglaublich aufregend, zumal ich erst Mitte 20 war. Ich kann heute sagen, ich war in meinem ganzen Leben nie so nervös wie bei unserer ersten Begegnung. Er war aber sehr nett und hat es mir angenehm gemacht, in seiner Umgebung zu sein. Ich em­pfand es als Verpflichtung und Ehre, zu seinem 100. Geburtstag als Herausgeber einer neuen Werkausgabe zu fungieren. Wir haben dabei erstaunlich viele Druckfehler gefunden. Selbst wenn wir sonst nichts geleistet haben, können wir uns immerhin zuschreiben, die beseitigt zu haben.

Sebastian Fasthuber in FALTER 40/2008 vom 03.10.2008 (S. 32)


Rezension aus FALTER 40/1998

 "Also, wenn ich zu Ihnen sagen würde: Elfter September – hätte das irgendeine Bedeutung für Sie? / Eigentlich nicht. / Und World Trade Center? / (..) Was ist damit? / Stehen die noch? / Ja, sicher. Was ist bloß mit Ihnen los?"
9/11 ist in Paul Austers neuem Roman "Mann im Dunkel" ein Tag wie jeder andere. Zumindest im Kopf von August Brill, der nach einem Unfall in seinem Bett liegt und weder besonders beweglich ist noch besonders gut einschlafen kann. Dazu plagen ihn die Geister der Vergangenheit. Seine Frau ist vor nicht allzu langer Zeit an Krebs gestorben, der Ex-Freund seiner Enkeltochter hat sich in den Irak schicken lassen, wurde entführt und brutal ermordet. Das Video davon ist im Internet zu sehen. Gegen diese schrecklichen Bilder erfindet der pensionierte, eigentlich grundsympathische Literaturkritiker nun eigene Geschichten.

Was ihm in dieser Nacht einfällt, ist ebenfalls sehr noir – eine krude Mischung aus Science-Fiction, Kriegsspektakel und Agentendrama. "Ich habe ihn in ein Loch gesteckt", beginnt er seine Erzählung. Er, das ist ein junger Mann namens Owen Brick, der sich bislang für einen Glückspilz gehalten hat. An diesem Tag jedoch erwacht er in einem Land, das er nicht mehr wiedererkennt. Die USA befinden sich im Krieg mit sich selbst: Die Nation ist gespalten, die demokratischen Staaten haben sich von den republikanischen losgesagt, es herrscht eine Art neuer Bürgerkrieg.
Es wäre nicht Paul Auster, würde er daraus eine glaubwürdige Story zimmern – oder es auch nur versuchen. Vielleicht will er uns damit auch nur sagen: Literaturkritiker sollten besser keine Romane schreiben. Brill selbst hat jedenfalls bald die Nase voll von der Chose und schickt seinen Helden Brick los, um den Urheber dieses krausen Plots aufzusuchen und auszulöschen – eine vertrackte Form des Selbstmords, den auszuführen ihn dann doch der Mut verlässt.

Natürlich begnügt sich Paul Auster auch hier nicht mit einer "simplen" Handlung, sondern versorgt den Leser auch noch mit den Reflexionen Brills, dessen Leben nicht nur mit gut 1.500 Rezensionen, sondern auch mit einer verhängnisvollen Affäre und phasenweise zuviel Alkohol gefüllt ist. Dennoch ragt hier vor allem Austers Feier der Ehe als eine den Alltag bereichernde Institution heraus. Überhaupt ist der Ton des Buches letztlich tröstlich. Auf jede Nacht, mag sie einem auch noch so lang vorkommen, folgt ein neuer Tag. "Und die wunderliche Welt dreht sich weiter", zitiert Brill am Morgen Nathaniel Hawthornes Tochter Rose.
Im Vergleich zum Vorgänger "Reisen im Skriptorium" ist "Mann im Dunkel" ein weniger kunstvoller, dafür weitaus leichter lesbarer, weil nicht so stark von Selbstzitaten durchsetzter Text, und der Roman erreicht seine Leser auch auf einer emotionalen Ebene – etwas, was sich nicht von allen Büchern des Autors behaupten lässt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 40/1998 vom 09.10.1998 (S. 32)


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