Die Spionin
Olga Raue - CIA-Agentin im Kalten Krieg

von Stefan Appelius

€ 24,70
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 608 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.12.2018


Rezension aus FALTER 20/2019

Die große Faszinationskraft der Spionage hat zahlreiche Gründe: Die pfadfindereske Begeisterung, Briefe mit Geheimtinte zu schreiben, wird ebenso bedient wie der zerebrale Schachspielthrill des „Um-einen-Zug-voraus-Seins“, der erotische Kitzel, mit „dem Feind“ ins Bett zu gehen, ebenso wie die dunkle Verlockung, ein Doppelleben zu führen und Verrat zu begehen.

Von all dem findet man auch in Stefan Appelius’ Buch „Die Spionin“ reichlich. Olga Raue, Jahrgang 1928, war Teil eines in der DDR für die CIA tätigen Agentenrings, dem unter anderen auch noch ihr erster Ehemann Heinz, dessen jüngerer Bruder Gerd und deren Mutter angehörten. Sie alle wurden 1959 verhaftet und im darauffolgenden Jahr in einem Geheimprozess verurteilt. Während Heinz fast zehn Jahre absitzen muss, werden Olga und Gerd bereits Mitte der 60er-Jahre entlassen und für die Stasi tätig sein; und während dieser auf abenteuerliche Weise im Kofferraum nach Westdeutschland geschmuggelt wird, können Olga und Heinz legal in die Bundesrepublik übersiedeln.

Die Chronologie der Ereignisse kann man auf vier knappen Seiten am Ende des Buches nachlesen, eine Möglichkeit, von der man dankbar Gebrauch macht, denn der Autor nutzt die knapp 600 Seiten davor weidlich für Abschweifungen, Vorgriffe, Einschübe und haltlos selbstgefällige Exkurse darüber, wie er seine „Recherche“ (ganz eindeutig Appelius’ Lieblingswort) allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch vorantreiben konnte.

Angefixt von den mythisierenden Gerüchten über das pragmatisch-erotische Kalkül Olgas und die Teufelskerlhaftigkeit Gerds, der als Zahnarzt sogar dem Staatsoberhaupt Walter Ulbricht ein Abhörgerät ins Maul praktiziert haben soll, begibt sich der Autor auf die Spuren seiner Spione, kann aber nur noch mit der greisen Olga Kontakt aufnehmen, da sich Gerd und Heinz durch persönliches Dahinscheiden den Nachforschungen entzogen haben.

Sollte es die Intention des Autors gewesen sein, das vermeintlich glamouröse Agentendasein zu entzaubern, hat er ganze Arbeit geleistet. Weder der abenteuerlustige, maulheldenhafte Weiberer Gerd, für den die Spionage den „Sekt des Lebens“ darstellt, noch der verzwicktere Heinz oder dessen Gattin Olga nehmen einen sonderlich für sich ein. Es sind fraglos tragische Gestalten, die das Pech hatten, sich zum falschen Zeitpunkt an der falschen Stelle zu befinden, und sich von der Situation, in die sie auf recht naive Weise geraten sind, bald ziemlich überfordert zeigen, aber selbst das lässt einen eigentümlich ungerührt.

Das liegt vor allem daran, dass sich der Autor dazu entschlossen hat, sich zwischen die Stühle Sachbuch und Roman zu setzen – und dabei beide Genres verfehlt. Eine politische Kontextualisierung aus heutiger Sicht bleibt er ebenso schuldig wie ein überzeugendes Narrativ oder eine glaubwürdige Einschätzung dessen, wie wichtig die Arbeit der Raues tatsächlich war. Dafür wird das Klein-Klein des Agentendaseins im Stile eines Dokudramas mit großer Detailfreude nachgestellt: Wer wann mit wem in welcher Imbissbude Würstchen mit Kartoffelsalat verzehrt hat, weiß Appelius ganz genau.

Noch schlimmer als das vor Klischees strotzende 50er-Jahre-Reenactment, in denen „Gittchen“ und „Olgalinchen“ zur „Musiktruhe“ schreiten, sind die hölzernen, die Grenzen zur unfreiwilligen Selbstparodie immer wieder überschreitenden Dialoge. Als ein britischer Soldat Heinz auf dessen Bereitschaft für einen etwaigen geheimdienstlichen Einsatz abklopft, antwortet dieser: „Ja, ich habe starkes Interesse an einer solchen Tätigkeit. (…) Ich habe viel über die ganze Politik nachgedacht seit meiner Gefangennahme. Diktaturen muss man bekämpfen, sonst richten sie furchtbares Unheil an.“ Und der oberste Chef der DDR-Spionageabwehr wendet sich allen Ernstes mit folgenden Worten an Olga: „Der Kampf gegen den US-Geheimdienst ist eine große Herausforderung. Mit Ihrer Hilfe wollen wir die Schlupfwinkel des Verbrechens zerschlagen.“ Musste wohl auch einmal gesagt werden.

Klaus Nüchtern in FALTER 20/2019 vom 17.05.2019 (S. 36)


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