Metropol

€ 24.7
Lieferung in 2-7 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Nach dem internationalen Erfolg von «In Zeiten des abnehmenden Lichts» kehrt Eugen Ruge zurück zur Geschichte seiner Familie - in einem herausragenden zeitgeschichtlichen Roman.
Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. Denn es verbindet sie mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt: Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, wo Kommunisten aller Länder beschäftigt sind. Umso schwerer wiegt, dass unter den «Volksfeinden», denen gerade in Moskau der Prozess gemacht wird, einer ist, den Lotte besser kennt, als ihr lieb sein kann. Eugen Ruge folgt drei Menschen auf den schmalen Grat zwischen Überzeugung und Wissen, Loyalität und Gehorsam, Verdächtigung und Verrat. Ungeheuerlich ist der politische Terror der 1930er Jahre, aber mehr noch: was Menschen zu glauben imstande sind.
«Metropol» ist eng mit Ruges Debüt «In Zeiten des abnehmenden Lichts» verbunden, aber auch mit einem Buch seines Vaters, das zeitlich zwischen beiden Romanen steht und die Lücke ausfüllt: Zusammen mit Wolfgang Ruges «Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion» entsteht eine der wohl umfassendsten und ergreifendsten Erzählungen des deutschen Kommunismus im 20. Jahrhundert.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Schau mal, wer beim Frühstück fehlt

Eugen Ruge erzählt von seinen Großeltern, über denen das Damoklesschwert von Stalins Terror schwebt

Der Titelheld von Eugen Ruges neuem Roman ist ein berühmtes Moskauer Hotel. Das Metropol ist ein Jugendstil-Prunkbau in Blickweite des Kreml und der Lubjanka, des Hauptquartiers und Folterkerkers von Stalins Geheimpolizei. Heute ist das Hotel Metropol die Luxusabsteige von Film- und Popstars, Oligarchen und Politikern, auch Mao Zedong oder Barack Obama sind hier schon abgestiegen. Nach der Oktoberrevolution 1917 hatten die Bolschewiken das Hotel beschlagnahmt und zum Regierungsgebäude umfunktioniert. Viele seiner Zimmer fungierten zu Sowjetzeiten als Büros für den rasch anwachsenden Regierungsapparat und als Wohnungsersatz für die neue Nomenklatura.

Parallel dazu lief der Hotelbetrieb weiter, mit internationaler Gästeprominenz. Doch es gab noch eine dritte Gruppe von Hotelgästen – und damit wurde das Metropol zu einem verschwiegenen Ort der Angst und des Terrors: In den Jahren der stalinistischen Parteisäuberungen und Schauprozesse 1936/37, als die staatliche Produktion von angeblichen Verrätern, Volksfeinden, Spionen und Trotzkisten auf Hochtouren lief und rund zwei Millionen Opfer forderte, beherbergten immer mehr Zimmer sogenannte „Unpersonen“, die in dieser luxuriösen Zwischenhölle ausharren mussten, zwangseingewiesen von der Geheimpolizei und ständig gewärtig, im Morgengrauen von NKWD-Bütteln abgeholt und in die Lubjanka verfrachtet zu werden.

Dazu zählten auch Eugen Ruges Großmutter Charlotte und deren Ehemann Wilhelm. Als deutsche Kommunisten waren sie 1933 in die Sowjetunion emigriert und hatten für den Geheimdienst der Komintern gearbeitet, bis sie im September 1936 abrupt ihren Arbeitsplatz verlassen mussten und ins Hotel Metropol eingewiesen wurden. Anderthalb Jahre mussten sie wartend in Zimmer 479 zubringen. Wartend und grübelnd, was die Partei ihnen vorwerfen könnte, denn sie hatten sich nichts zuschulden kommen lassen. Oder doch?

Dem Enkel Eugen Ruge ist 2011 mit seinem autobiografischen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der Geschichte von Aufstieg und Verfall seiner berühmten DDR-Familie, ein preisgekrönter Bestseller gelungen. Darin fungierten Charlotte und Wilhelm als die aus dem mexikanischen Exil in die neu gegründete DDR zurückgekehrten Großeltern. Die sowjetische Episode hatte Ruges „mexikanische Großmutter“ aus ihrem Leben gelöscht. Darüber wurde in der Familie nicht gesprochen. Sie kam erst wieder ans Licht, als der Enkel im Russischen Staatsarchiv in Moskau Charlottes Kaderakte öffnete und erkannte, dass dieses verschwiegene Kapitel seines Familienromans noch nachgetragen werden musste.

Der Roman „Metropol“ ist die faszinierende Geschichte einer Zermürbung und moralischen Zerrüttung in Zeiten der stalinistischen Panik und Paranoia. Eugen Ruge erzählt „eine Geschichte darüber, was Menschen zu glauben bereit, zu glauben imstande sind“.

Er gibt nicht vor zu wissen, was die Menschen sich damals angesichts des Terrors wirklich dachten. Er macht Vorschläge zu möglichen Wahrheiten. Er probiert und erfindet denkbare Varianten, umso glaubwürdiger, je präziser er die besonderen Lebensumstände jener Zeit rekonstruiert. Er führt vor, wie überzeugte Stalinisten angesichts der Schauprozesse und rasenden Verhaftungen ins Zweifeln geraten sein könnten. Er beschreibt ihre ketzerischen Gedanken, ihre Angst, ihre Unschuldsbeteuerungen, ihre Selbstbeschwichtigungen nach dem Muster „Wenn Stalin das wüsste“. Er zeigt ihre verzweifelten Rettungsfantasien: Man muss dem Genossen Stalin schreiben, man muss ihn anrufen, man muss ihm die Augen über die Umtriebe des NKWD öffnen. Denn die Geheimpolizei ist der wahre Volksverräter.

Ruge versucht erst gar nicht, die politische Logik hinter dem Großen Terror mit seiner massenhaften Vernichtung aller Eliten in Partei, Wirtschaft, Wissenschaft und Armee zu ergründen, hat, wie er gesteht, „der Stalinismus-Forschung nichts hinzuzufügen.“ Er beschränkt seine Erzählung zeitlich und örtlich auf die anderthalb Jahre Hotel-Haft seiner Großmutter und baut seinen dokumentarischen Roman rund um drei reale Figuren aus jener Zeit, aus deren jeweils personaler Sicht die Geschichte abwechselnd erzählt wird: Charlotte, das parteigläubige Opfer; Hilde Tal, Charlottes Vorgängerin als Wilhelms Ehefrau, die Denunziantin in der Komintern, deren geheime Anzeige den Ex-Mann und Charlotte ins Visier der Geheimpolizei rückt; und Wassili Wassiljewitsch Ulrich, der oberste Militärrichter der Sowjetunion, der im Laufe des Großen Terrors mehr als 30.000 Todesurteile unterschrieben hat.

Es ist eine böse Ironie der Geschichte, dass Wassili Wassiljewitsch damals im Hotel Metropol tatsächlich in einer Suite zwei Etagen unter Charlotte lebte und dass der Exilautor Lion Feuchtwanger auf Einladung Stalins im Januar 1937 ausgerechnet im Zimmer neben dieser einquartiert war. Durchaus plausibel daher die Vorstellung, diese so verschiedenen Hotelgäste könnten gleichzeitig unter dem leuchtenden Jugendstil-Glashimmel des Metropol-Speisesaals ihr Frühstück eingenommen haben – der Blutrichter der Partei, Stalins deutscher Stargast Tisch an Tisch mit den beiden Parias, die angstvoll ihresgleichen abzählen: Wer fehlt heute beim Frühstück? Wer wurde heute Morgen verhaftet und abgeholt?

Zuletzt sind nur noch Charlotte und Wilhelm übrig. Alle anderen Komintern-Genossen hat Stalins Terrormaschine verschluckt. Sie wurden als Einzige verschont. Warum ausgerechnet sie? Darauf weiß auch Eugen Ruge keine Antwort.

Sigrid Löffler in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 15)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498001230
Ausgabe 5. Auflage
Erscheinungsdatum 08.10.2019
Umfang 432 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Emil Zopfi
€ 28,30
Katharina Mosel, Katharina Mosel
€ 11,40
Lena Mitternacht
€ 13,40
Christian Hardinghaus
€ 12,40
Hwang Sok-yong, Ki-Hyang Lee
€ 14,40
Stefanie Leistner, Gunther Schumann, Leistner Stefanie
€ 25,70
Tomer Gardi, Anne Birkenhauer
€ 22,00
Eva Maria Leuenberger
€ 20,00