Sachbuch-BESTENLISTE Januar 2021

Die Schlange im Wolfspelz

Das Geheimnis großer Literatur
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Was ist das Geheimnis des guten Stils, wie wird aus Sprache Literatur? Dieser Frage geht Michael Maar in seinem Haupt- und Lebenswerk nach, für das er vierzig Jahre lang gelesen hat. Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? Maar zeigt, wer Dialoge kann und wer nicht, warum Hölderlin über- und Rahel Varnhagen unterschätzt wird, warum ohne die österreichischen Juden ein Kontinent des Stils wegbräche, warum Kafka ein Alien ist und warum nur Heimito von Doderer an Thomas Mann heranreicht. In fünfzig Porträts, von Goethe bis Gernhardt, von Kleist bis Kronauer, entfaltet er en passant eine Geschichte der deutschen Literatur.

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FALTER-Rezension

Großes Tennis: Stil, Satz und Syntax

Welche Rolle spielt Stil beim literarischen Schreiben, und welche Rolle spielt guter Stil? Stil ist etwas, das man im Creative-Writing-Kurs nicht wirklich lernen wird, etwas, bei dem Fehler manchmal mehr helfen als Fertigkeiten, und überhaupt etwas, bei dem man sich seiner Sache nie zu sicher sein sollte. Guter Stil, das ist in erster Instanz die Abwesenheit von schlechtem Stil, von Klischee, Schwulst und Jargon.

Der renommierte Literaturkritiker Michael Maar tritt nun an, in seinem Buch mit dem vorsätzlich verunglückten Titel „Die Schlange im Wolfspelz“ das „Geheimnis großer Literatur“ zu enthüllen, und eines macht er gleich zu Anfang klar: Es hilft nie, wenn ein Buch „overwritten“ ist, weil sich jemand als Stilvirtuose in Szene setzen will. Dann entsteht oft eher „Schreibe“ als guter Stil. Gibt es ernsthafte Schriftsteller, die gerne als „tolle Schreiber“ gelobt werden wollen?

Ältere erinnern sich vielleicht an einen Schatz im elterlichen Bücherschrank, der wunderbare Beispiele für schlechten Stil anbot: Ludwig Reiners’ „Stilkunst“, ursprünglich „Deutsche Stilkunst“ und leider nicht unberührt vom Ungeist des Erscheinungsjahres 1943. Reiners hatte, wie Maar berichtet, schamlos aus Eduard Engels „Deutsche Stilkunst“ von 1911 geklaut – der Verfasser war 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft mit Publikationsverbot belegt worden. An Engels Vorbild knüpft Maar an, nicht so sehr in sprachpflegerischer Absicht, sondern mit dem Urteilsvermögen des breit belesenen Literaturkritikers.

Eingangs bringt Maar seine Stilregeln auf den Punkt. „Regel I: Man ist Stilist oder ist es nicht.“ Unwahrscheinlich also, dass jemand Bücher mal in gutem, mal in schlechtem Stil schreibt, auch dann, wenn die Bücher mal gut, mal schlecht sind. „Regel II, modifiziert: „Es gibt ein paar unfehlbare Stilisten. Schopenhauer, Hebel, Gottfried Keller, Kafka.“

Das sind ausnahmslos Autoren aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert; Maar entdeckt wenig Besseres in der Gegenwart. Es sind alles Männer; obwohl Maar viel und positiv über Autorinnen schreibt, qualifiziert sich kaum eine für die erste Reihe. Und es sind samt und sonders Deutschsprachige, weil Maar sich aus guten Gründen auf sie beschränkt hat. Schließlich die „Hauptregel: Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können.“

Nehmen wir Thomas Bernhard, den Maar nicht besonders schätzt, auch nicht als Stilisten. Er bricht mit den Regeln des guten Stils, aber er kann es sich leisten. Was von seinen Büchern haften bleibt, ist trotzdem der Stil. Ist das dann überhaupt noch Stil, sondern nicht eher „Manier“, um Goethes Unterscheidung zu verwenden? Man kann bezweifeln, dass große Literatur und guter Stil notwendig zusammengehören. Vielleicht wäre ja Bernhard ein Beispiel für guten schlechten Stil?

Teil eins von Maars Buch liefert, reich an (vor allem) Prosa-Beispielen, eine literarische Stilkunde, vom Satzzeichen über das Phonem zum Verb, dann zum Rhythmus und zur Syntax. Weiter geht es dann mit den genuin literarischen Mitteln, der Metapher, der Variation, der Wiederholung und, natürlich, dem „Plot“. Niemand ist bei Maar unantastbar, aber nur wenige werden der Verdammnis überantwortet, mit Ausnahme vielleicht von Stefan Zweig. Dagegen lobt Maar Zeitgenossen wie (Joseph) Roth oder Lernet-Holenia über den grünen Klee.

Die Urteile sind pointiert, aber durchweg gut begründet. Bald schält sich schon früh die Vorliebe des Autors für ein Stilideal heraus, das man als kühnen Realismus beschreiben könnte: wahrnehmungssatt, detailfreudig und sprachspielerisch, ohne dass die Sprache die Oberhand gewinnt. Kein besonderes Faible hat Maar für modernistische Experimente. Für die Stummelsatz-Stilistik von Marlene Streeruwitz gibt es deshalb nur einen knappen Verweis. Elfriede Jelinek kommt ebenfalls nur ganz am Rande vor.

Im Grunde hat die schöne Literatur, dieses Fazit legt Maar indirekt nahe, den Höhepunkt ihrer stilistischen Potenz bereits überschritten. Man sieht das deutlich im Hauptteil seines Buches, betitelt „Die Bibliothek“. Maar hat dafür vieles wiedergelesen, was sich bei ihm in den Bücherregalen fand. In seinen knappen Stilprofilen einiger Dutzend Autoren kann Maar in aller Regel überzeugend darlegen, was bei der einen stimmt und beim anderen stört.

Man möchte gerne noch mehr darüber lesen, was Karl Philipp Moritz auszeichnet, wieso Novalis überschätzt ist, was großartig ist an Keller, Gotthelf und Raabe, was Benjamins Stil vor dem Adornos auszeichnet oder warum Thomas Mann bisweilen das Opfer seines eigenen Könnens wurde und trotzdem nie abgeschrieben werden kann. Was gegen den viel bewunderten W.G. Sebald spricht oder warum Clemens J. Setz mühelos Regel eins unterläuft, dass er nämlich heute ein Stilist ist und morgen keiner.

Leider fehlen unentschuldigt viele Autorinnen und Autoren, namentlich aus der Gegenwart. Nichts spricht etwa dagegen, den Doderer-Verehrer Martin Mosebach zu feiern, aber hätte Maar nicht wenigstens ein Wort, gerne auch ein kritisches, über Peter Handke und andere nicht ganz unbedeutende Gegenwartsautoren verlieren können? Man gewinnt irgendwann den Eindruck, dass Maar zwar vieles kennt, aber vieles eben auch nicht oder es nicht weiter wichtig findet. Sein Kanon ruht stabil in sich selbst.

Richtig wohl scheint er sich bei Kafka und Robert Walser, Doderer und Thomas Mann zu fühlen – auch wenn später noch Brigitte Kronauer, Herta Müller oder Undine ­Gruenter lobende Erwähnung finden. Risiken geht Maars Stilkunde nur ungern ein: Wie wäre es etwa mit einem Blick auf neue, „hybride“ und „migrantische“ Stile gewesen? Maars heiterer Plauderton mitsamt dem eingestreuten kleinen Literaturquiz verströmt ein wenig das Aroma der bürgerlichen Lesekultur von gestern. Irgendwann fragt man sich, wie denn eine literarische Stilistik von heute oder sogar für morgen aussehen könnte.

Stil zeige sich im „Craquelé“, sagt Maar überzeugend, das heißt in den Rissen und Sprüngen, die bemalte Leinwände und andere Oberflächen mit der Zeit aufweisen. Im „Craquelé“ des literarischen Textes wird die Faktur spürbar, etwas, das da ist und nicht bewusst erzeugt werden kann, außer durch eine Fälschung. Was wird eigentlich aus dem „Craquelé“, wenn Maschinen das literarische Schreiben lernen werden, in gutem, ja vielleicht in großem Stil? Solche Fragen jenseits vergangener Stilwelten und -ideale bleiben bei Maar ungestellt. Für eine literarische Stilistik im 21. Jahrhundert wären sie aber nicht ganz unerheblich.

Christoph Bartmann in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 27)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498001407
Ausgabe 8. Auflage
Erscheinungsdatum 13.10.2020
Umfang 656 Seiten
Genre Sachbücher/Kunst, Literatur/Literatur
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
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