Die Wut, die bleibt

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Kurzbeschreibung des Verlags:


Mareike Fallwickls neuer Roman über die Last, die auf den Frauen abgeladen wird, und das Aufbegehren: radikal, wachrüttelnd, empowernd.
Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Die Familie ist im Schockzustand. Plötzlich fehlt ihnen alles, was sie bisher zusammengehalten hat: Liebe, Fürsorge, Sicherheit.
Helenes beste Freundin Sarah, die Helene ihrer Familie wegen zugleich beneidet und bemitleidet hat, wird in den Strudel der Trauer und des Chaos gezogen. Lola, die älteste Tochter von Helene, sucht nach einer Möglichkeit, mit ihren Emotionen fertigzuwerden, und konzentriert sich auf das Gefühl, das am stärksten ist: Wut.
Drei Frauen: Die eine entzieht sich dem, was das Leben einer Mutter zumutet. Die anderen beiden, die Tochter und die beste Freundin, müssen Wege finden, diese Lücke zu schließen. Ihre Schicksale verweben sich in diesem bewegenden und kämpferischen Roman darüber, was es heißt, in unserer Gesellschaft Frau zu sein.

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FALTER-Rezension

Durch den Filter internalisierter Misogynie

Was machen Mütter, wenn sie nicht mehr können? Helene steht während des Abendessens auf, öffnet die Balkontür, macht zwei Schritte und stürzt sich hinunter. „Meine Mutter hat sich umgebracht und ich glaube, sie ist nicht am Muttersein gescheitert. Sondern am System“, meint Helenes Tochter Lola in „Die Wut, die bleibt“.

Immer wieder wurde die Pandemie als Krise der Frauen bezeichnet: Schon zuvor lastete die Sorgearbeit überwiegend auf dem weiblichen Teil der Gesellschaft, Corona hat die Situation bekanntlich noch verschärft. In Mareike Fallwickls Roman hat das drastische Konsequenzen: Helene verliert ihren schlecht bezahlten Teilzeitjob und kümmert sich fortan Vollzeit um die drei Kinder und die Hemden ihres Mannes. Helenes beste Freundin Sarah, die sich im Lockdown mit ihrem „Gspusi“ Leon in einen „behaglichen Kokon“ zurückzieht, erkennt tragischerweise erst nach Helenes Suizid die dramatischen Folgen der Kombination Mutterschaft plus Pandemiepolitik.

Fallwickl arbeitet sich in ihrem jüngsten Roman akribisch an der Last der Frauen ab und erzählt abwechselnd aus Sicht der beiden Hinterbliebenen Sarah und Lola. Sarah, die erfolgreiche Krimi-Autorin, steckt in alten Rollenmustern fest: Sie denkt über Kalorien nach, schminkt sich erst ab, wenn Leon schläft, und kümmert sich um den Haushalt. Falls es die Leserin nicht selbst kapieren sollte, leistet die Autorin Verständnishilfe: „Auch kinderlose Frauen tragen den Großteil der Care-Arbeit.“

Die enervierende Angewohnheit, Fachvokabular und politische Messages einzuflechten, zieht sich durch den gesamten Roman und lässt vermuten, dass die Autorin ihrer eigenen Erzählung nicht vertraut, die just dort am überzeugendsten ist, wo Begriffe wie „Mental Load“, „Body-Shaming“ oder „Heteronormativität“ weggelassen werden. Wenn sich stattdessen etwas tut, gleichzeitig das Wasser am Herd kocht, ein Glas zerspringt und das Kind auf den Boden kotzt, dann blitzt fast so etwas wie Humor durch.

Lola ist die woke 15-Jährige, die im Lockdown durch Instagram und Lektüre vom Mädchen zur Feministin heranreift. Über Sarahs Krimis, in denen ausschließlich Frauen Opfer von Gewalt sind, äußert die 15-Jährige allen Ernstes Sätze wie: „Deine Bücher tragen zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem ein Femizid stets im Bereich des Möglichen liegt“, oder: „Du schaust durch den Filter deiner internalisierten Misogynie.“

Dabei werden Frauen in Fallwickls Roman erst recht als Opfer vorgeführt, etwa wenn es heißt: „Fünfzehn Jahre lang war Helenes Körper unversehrt, dann nicht mehr. Dann sind Männer gekommen und Kinder, die ganze verschissene Welt, sie haben ihn kaputt gemacht, und ja, vielleicht hat Helene ihn am Ende selbst zerschmettert, aber eigentlich nicht.“

Letztendlich scheitert die Salzburger Autorin an dem Versuch, mit „Die Wut, die bleibt“ gegen die Viktimisierung der Frau anzuschreiben. Man nimmt ihr Lolas Geschichte einfach nicht ab: Nach dem Selbstmord der Mutter erkrankt die Teenagerin erst an Magersucht, um dann überraschend schnell davon zu genesen. Nach dem körperlichen Übergriff durch drei Burschen entdeckt sie den Kampfsport für sich. Gemeinsam mit Freundinnen gründet sie die Untergrund-Organisation „#wearekarma“: Aus dem Hinterhalt schlagen die vier Mädchen Männer zusammen, die Frauen Gewalt angetan haben. Die Methode, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, war selten eine gute Idee.

Dass sich die Selbstmordrate unter Müttern belegtermaßen in Grenzen hält, wäre kein Argument gegen eine Romanfigur, die anders handelt. Aber Helenes Suizid als Aufhänger für Fallwickls Rundumschlag gegen das Patriarchat ist einfach zu dick aufgetragen und bloßes Exempel in einem literarisch plakativ inszenierten Geschlechterkampf.

Sara Schausberger in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 14)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498002961
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 22.03.2022
Umfang 384 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
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