Orwells Rosen

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Kurzbeschreibung des Verlags:


«Ich liebe dieses Buch, und viele andere werden das auch tun. Ein berauschender Streifzug durch Orwells Leben und seine Zeit – und durch das Leben und die Zeit der Rosen.» Margaret Atwood

«Ein Buch über Abgründe und Erdbeeren – ein Buch über das Pflanzen von Rosen trotz des Zustands der Welt.» Der Spiegel

«Neben meiner Arbeit interessiert mich am meisten das Gärtnern», schrieb George Orwell 1940. Mit Erstaunen erkennt Rebecca Solnit nach einem Besuch im Garten von Orwell, wo seine Rosen noch heute blühen, dass es die Natur war, die Orwell Kraft gab, unermüdlich anzuschreiben gegen Faschismus und Totalitarismus.Die Verquickungen von Macht und Schönheit führen Rebecca Solnit aus Orwells Garten zu den drängenden Fragen unserer Gegenwart, die sie bereits in den dreißiger Jahren angelegt sieht. Sie findet koloniale Hinterlassenschaften in Blumengärten, erkennt in Stalin mit seiner Besessenheit, Zitronen am Polarkreis züchten zu wollen, einen Vorläufer der «Klimaskeptiker» und sieht in der Rosenindustrie ein Paradebeispiel globalisierter Ausbeutung. Rebecca Solnit macht sich unerschrocken auf in neue Gefilde – ihre Lektüre sensibilisiert für unsere Welt, spendet Trost und stellt sich, trotz allem unerschütterlich optimistisch, den Herausforderungen unserer Zeit. «Orwells Rosen» ist eine bemerkenswerte Reflexion über Lebenslust und Schönheit als Widerstandsakt.

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FALTER-Rezension

"Orwells '1984' ist voller Sehnsucht nach der Natur"

Sie suchte Obstbäume und fand Rosen, als sie im Herbst 2019 auf dem Weg von London nach Cambridge in George Orwells Garten trat. Der englische Schriftsteller, der mit "1984" und "Farm der Tiere" zu Weltruhm gelangte, hatte im Dorf Wallington Ende der 1930er-Jahre ein kleines Haus mit Garten gemietet. Dort pflanzte er Rosen, die noch heute blühen.
George Orwell kam 1903 als Eric Arthur Blair, Sohn eines Kolonialbeamten, im heutigen Indien zur Welt, damals noch britische Kolonie. Seine Mutter entstammte einer Familie, die mit Teakholz handelte. Von 1922 bis 1927 arbeitete Orwell als Polizist des Empire in Indien, was ihn zum unversöhnlichen Kritiker des Imperialismus werden ließ. Doch auch Europa barg wenig Hoffnung auf Demokratie und Menschenrechte: Orwell erlebte zwei Weltkriege, kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und starb 1950, mit 46 Jahren, an Tuberkulose.

Gerade am Ende seines Lebens gärtnerte er nicht nur, sondern baute einen Bauernhof auf der Hebriden-Insel Jura auf. In seinen Werken dringt sein Interesse an der Natur generell, aber eben auch an der Arbeit im Garten und in der Landwirtschaft in vielerlei Hinsicht durch. Oft in Metaphern, wie in seiner Fabel "Farm der Tiere", in der er mit der fehlgeschlagenen Revolution in der Sowjetunion abrechnet. In "1984", das er auf Jura schrieb, beschreibt er einen totalitären Überwachungsstaat. Das Grundthema - der Verlust der persönlichen Freiheit - ist durchdrungen von seiner Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Natur, nach autonomer Gestaltung der eigenen Umwelt.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit, die 2008 mit einem Essay über die Welt erklärende Männer den Begriff des "Mansplaining" inspiriert hat, nahm "Orwells Rosen" zum Anlass, über George Orwells lebensbejahende Liebe zum Gärtnern zu philosophieren. Diese scheint, wie viele auch während der Covid-Pandemie gerade selbst erlebt haben, das beste Gegenmittel zur Verzweiflung über die Weltlage zu sein. "Ein berauschender Streifzug durch Orwells Leben und seine Zeit und durch das Leben und die Zeit der Rosen", schreibt Margaret Atwood, die Autorin von "Der Report der Magd", über "Orwells Rosen".

Falter: Frau Solnit, die Pandemie hat viele von uns zum Gärtnern angeregt. War das der Grund, warum Sie sich in Ihrem neuen Buch mit Orwells Rosen beschäftigen?

Rebecca Solnit: Die Idee kam mir schon im November 2019, also vor Covid. Geschrieben habe ich es dann, als ich wegen der Pandemie mehr Zeit zum Gärtnern hatte. Ich habe mir wie viele andere in dieser Zeit so viele Fragen neu gestellt: Was können wir erfahren, wenn die Welt kleiner und kleiner wird? Was bedeutet es, wenn man die Vögel wieder singen hört? Und wenn die Menschen am Himalaya die Berge wieder sehen können, weil die Luftverschmutzung geringer ist?

Gärtnern galt ja lange Zeit bei vielen als bürgerliche Tätigkeit. Blumen schneiden wurde nicht unbedingt mit Intellektuellen verbunden.

Solnit: Die Engländer hatten wohl schon immer eine besondere Leidenschaft für Gärten. Grundbesitzer haben auf ihrem Landgut gerne Gärten anlegen lassen, Kleinhäusler pflanzten passioniert selbst Blumen im Vorgarten. George Orwell ist aber ein spezieller Fall: Seine Beziehung zum Gärtnern war ganz besonders intensiv. Orwell hat gerade in seinen letzten Jahren auf der schottischen Insel Jura eine ganze Farm aufgebaut. Mit Fischen, Hühnern und einem Garten voller Obst und Gemüse. Seine Tagebücher sind eigentlich Garten-Logbücher über das Wetter und wie viele Eier die Hühner gelegt haben. Ich fand es interessant, dass keiner der Orwell-Biografen sich für seine Passion für Gärten und Landwirtschaft interessiert hatte.

Zeigte sich all das auch in seinen Büchern?

Solnit: Ja, natürlich. Denken Sie an "Animal Farm"! Sein Wissen über Gärtnern und Tierhaltung half ihm beim Schreiben von "Farm der Tiere", dieser satirischen Fabel über den Sowjetkommunismus. Der Roman wurde von einem Erlebnis inspiriert, als Orwell einen Buben sah, der ein Lastpferd mit einer Peitsche antrieb. Vermutlich in Wallington in der Nähe von Cambridge. Hier wohnte er von 1936 bis 1940. In seinem Roman "Auftauchen, um Luft zu holen" aus dem Jahre 1939 geht es auch um ländliche Idylle. Sein größter Erfolg -"1984" - ist voller Sehnsucht nach der Natur und Widerstand gegen die Verrohung der Welt.

Ihr Buch birgt viele Seitenlinien zum eigentlichen Thema. Sie schreiben auch einen Exkurs zum Frauenwahlrecht. In Amerika wurde in den 1910ern kurzzeitig ein Slogan verwendet: "Für das Frauenwahlrecht, damit alle Brot - und Rosen bekommen." Haben Sie sich von Assoziationen leiten lassen?

Solnit: Das Buch ist in der Orwell'schen Tradition geschrieben. Orwell selbst schrieb oft in Auseinandersetzung mit der Linken, also nicht im Konflikt, sondern eher wie in einem Familienzwist. Er konnte die schönen Dinge genießen, und er bestand darauf, dass das möglich sein musste, auch mitten in politisch schwierigen Umständen. Einmal bekam er diesen köstlichen Brief von einer Frau, die sagte: "Blumen sind bourgeois!" Blumen galten damals noch als ein bürgerlicher Genuss. Er fand das natürlich nicht, sondern trat für die einfachen Freuden ein, die sich alle leisten konnten. An Blumen riechen, ein Glas Bier trinken. Er schrieb einen ganzen Essay darüber, dass jemand, der sich Zigaretten kaufen kann, auch Bücher erstehen könnte.

Wurde die Beschäftigung mit Rosen deshalb als bürgerlich angesehen, weil sie als Müßiggang galt, als unproduktive Huldigung der Schönheit?

Solnit: Orwell selbst merkte ja selbstkritisch in einem Essay an, dass die Engländer, die an sich keinen Sinn für Ästhetik hätten, große Blumenliebhaber seien. Für ihn war das kein Widerspruch, weil er das Gärtnern als Beschäftigung, als Hobby sah. Ich halte in meinem Buch dagegen: Man muss im Garten nicht unbedingt tätig sein, wir schöpfen Kraft daraus, Dinge zu betrachten, ohne sie verändern zu wollen. Dieses Nichtstun ist nicht Zeitverschwendung. Die stille Betrachtung schöner Gegenstände oder eben Rosen gibt uns Energie, um der Zerstörung in der Welt zu begegnen.

Orwell lässt seinen Helden Winston Smith in "1984" beim Anblick einer etwa 50-jährigen Frau sinnieren: "Der feste, konturenlose Körper verhielt sich () zu einem Mädchenkörper wie die Hagebutte zur Heckenrose. Warum sollte man die Frucht geringer achten als die Blüte?" Gut gemeint, heute erscheint das aber etwas altbacken.

Solnit: Seine Literatur ist voller Metaphern über Rosen und Hagebutten. Er verwendet sie für viele Themen, manche sind zeitgemäßer als andere. So untersucht er zum Beispiel die Beziehung zwischen der Schönheit der Natur und unserer Verantwortung für die Umwelt. Die Rosen, die ich in Orwells Vorgarten gefunden habe, schenkten mir eine Beziehung zu ihm, die ich nicht erwartet hatte.

Orwell erlebte den Anfang des Kalten Krieges, er wusste, welche Verwüstung Atombomben anrichten können. Sah er den Garten als das Gegenteil des Krieges?

Solnit: Einen Samen pflanzen, der ein Baum werden könnte -das war wohl schon auch eine Idee, die ihm in dieser Zeit der Zerstörung sinnvoll erschien. Einen Baum zu pflanzen gibt Hoffnung. In seinem Essay "A Good Word for the Vicar of Bray" aus dem Jahre 1946 ruft er die Öffentlichkeit dazu auf, Bäume zu pflanzen. In seiner Zeit wurde die Natur generell noch als außerhalb der politischen Welt gesehen.

Orwell aber bezog das Politische in das Private ein, brachte Weltpolitik und Natur zusammen?

Solnit: Ja. Ein weiteres spannendes Thema, das ich im Buch aufgreife, war die sowjetische Manipulation der Natur, die bereits in den 1920er-und 1930er-Jahren stattfand. Die sowjetische Wissenschaft akzeptierte den Darwinismus nicht. Die Sowjetunion experimentierte mit der Landwirtschaft in der Ukraine. Stalin verfügte, dass die ukrainischen Bauern ihre Höfe und Felder in Kollektive überführen mussten. Das führte 1932,1933 zur ukrainischen Hungersnot. Die Natur wurde also ein Politikum.

In Orwells Leben spielte die Abgrenzung vom sowjetischen Kommunismus eine große Rolle -er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und erlebte 1937, wie unter den kommunistischen Kämpfern Säuberungen im sowjetischen Stil durchgeführt wurden. Sie schreiben im Kapitel über Stalins Zitronen, dass die Liebe zur Natur keine Garantie für ein moralisches Leben ist.

Solnit: Stalins Zitronen sind für mich das perfekte Gegenstück zu Orwells Rosen. Stalin glaubte, Zitronen dazu zwingen zu können, in einem Klima zu gedeihen, das für sie nicht geeignet war. Er wollte sich die Natur wie die Menschen zum Untertanen machen. Ich frage mich immer, ob er gewusst hat, dass seine Mitarbeiter ihn nach Strich und Faden belogen, weil sie so Angst vor ihm hatten. Als eine Volkszählung ergab, dass die sowjetische Bevölkerung schrumpfte, weil er so viele Menschen umbringen ließ, ermordete er einfach die Beamten, die den Zensus durchgeführt hatten. Die nächsten brachten ihm dann einfach bessere Zahlen.

Was lernen wir daraus?

Solnit: Nicht alle, die die Natur lieben, sind nette Menschen. Es ist so schlimm, wie die Invasion der Ukraine uns an die 1930er-Jahre erinnert. Der Widerstand der Ukrainer gegen Stalin damals war wie der gegen Putin heute. Die Russen stehlen in der Ukraine alles, was sie bekommen können. Lastwägen mit Waschmaschinen, hunderte Tonnen Weizen Putins Krieg führt am Ende zu einer Hungersnot im Nahen Osten. Dieser Überfall auf ein unabhängiges Land, verbunden mit einer enormen Propagandakampagne, ist eine Wiederholung der schlimmsten Momente des vergangenen Jahrhunderts.

Wieso haben Sie die ausbeuterischen Rosenfabriken in Kolumbien mit in das Buch einbezogen? Orwell selbst war damit noch nicht befasst, die Produktion ging erst später los.

Solnit: Kolumbien versuchte ab den 1960er-Jahren, sich von der Produktion von Kokain zu lösen und stattdessen Blumen anzubauen. 80 Prozent der Rosen, die in Amerika verkauft werden, stammen aus Kolumbien. Die Arbeiterinnen in den Rosenfabriken haben wenig Rechte. Ich fand, das war ein Orwell'sches Thema.

George Orwells eigene Familiengeschichte war nach heutigen Maßstäben aber auch nicht ganz ohne, was die Ausbeutung von Natur und Menschen betrifft.

Solnit: Orwells Familie hatte eine politisierte Beziehung zur Natur -seine Vorfahren wurden durch Zuckerplantagen und Sklavenarbeit in Jamaika reich. Sein Großvater bereicherte sich an burmesischem Teakholz. Sein Vater kontrollierte als Kolonialbeamter in Indien den legalen Opiumhandel mit China. Orwell aber war natürlich nicht schuld an dem, was seine Vorfahren getan hatten.

Vor allem hat er selbst ein sehr kritisches Verhältnis zum britischen Empire entwickelt, als er dessen Auswirkungen mit eigenen Augen gesehen hat, wie Sie schreiben ...

Solnit: Seine Familie sandte ihn als Teenager nach Burma, um dort als britischer Polizist für das Empire zu arbeiten. Entsetzt merkte er, wie ungerecht dieses war. Er schockierte seine Eltern, weil er den Job hinschmiss. Nach seiner Rückkehr nach England lebte er sehr bescheiden als Schulmeister und Schriftsteller. Erst "Animal Farm" führte für ihn zu einem bescheidenen Wohlstand. Seine Haltung zu Imperialismus und Rassismus war in all diesen Jahren sehr kritisch.

Sie haben 2008 den Essay "Wenn Männer mir die Welt erklären" geschrieben und damit den Begriff "Mansplaining" geprägt. Wie kam es dazu?

Solnit: Ich habe "Mansplaining" zwar oft erlebt, aber als Begriff nur inspiriert, weil ich einen Essay darüber geschrieben habe. Erfunden hat ihn dann eine anonyme Posterin im Internet. Inzwischen ist der Begriff sogar ins Oxford English Dictionary aufgenommen worden.

Tessa Szyszkowitz in Falter 25/2022 vom 24.06.2022 (S. 44)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498003135
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 14.06.2022
Umfang 352 Seiten
Genre Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
Übersetzung Michaela Grabinger
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