Liebeserklärungen und andere letzte Worte

von Harold Brodkey, Angela Praesent

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Harold Brodkey analysiert amerikanisches Freund-Feind-Denken, die Unterhaltungsindustrie und die eigene Eitelkeit.

Die Wahrheit steht nicht links oder rechts: Sie ist relativ und niemals absolutistisch. Aus Irrtümern an diesem Punkt entstehen Massaker." Das New York der Fünfzigerjahre mit seiner "überwältigenden Schönheit und Sorglosigkeit", das New York der (sexuellen) Subkulturen, das aufgeklärte, eitle Laboratorium für Kunst und Leben war Brodkeys Spielfeld. Es ist die Stadt der gebildeten Leser des New Yorker, in dem Brodkey die meisten seiner Erzählungen und der hier versammelten Essays publizierte. Vielleicht ist die spontane Rede davon, dass dieses großartige Konglomerat New York nach den Terrorattacken nie wieder das sein werde, was es einmal war, nur der unmittelbaren Wahrnehmung der Ereignisse geschuldet. Doch gerade die Lektüre der Brodkey'schen Essays, die größtenteils in den Achtziger- und Neunzigerjahren entstanden sind, bestätigen den spontanen Gemeinplatz: Plötzlich liest man sie anders als vorher, und das hat tiefer liegende Gründe. Die Texte feiern und kritisieren ein historisch gewordenes Amerika und New York und tragen andererseits dank ihrer analytischen Kraft zum Verständnis des nun manifest gewordenen Krieges der Kulturen bei.
Wogegen Brodkey in seinen Essays anschreibt, ist die Sicht der Welt durch die Brille einer solipsistischen Hollywoodmoral, wie er sie in einem brillanten Text über den Film "Schindlers Liste" analysiert ("Amerikanische Filme, Sex, Nazis und moralische Fragen"). Die Ideologie der amerikanischen Unterhaltungsindustrie interpretiert Kampf nur als Feldzug des Guten gegen das Böse, sie schließt die Spiegelung von anderem Wollen im eigenen aus. Gegen diese Form der Arroganz, die sich – etwa in der moralischen Repression der Rechten – auch unmittelbar politisch äußert, wendet sich Brodkey. Andererseits ist die mit Glamour gepaarte großartige Brüchigkeit ebenjener filmischen Ikonen, für Brodkey Ausdruck einer typisch amerikanischen Moderne, die er als Gegenentwurf zur europäischen Morbidität sieht. Im Geistig-Literarischen plädiert Brodkey für eine Weitung unserer intellektuellen Sensorien, "für eine zunehmende Wachheit der Träume und des Willens". All dies, die Arroganz und die Großartigkeit der amerikanisch dominierten Weltkultur, ist Gegenstand der Essays. Seit dem Terror gewinnt ein differenziertes Nachdenken darüber eine neue Dimension.
In der intellektuellen Sphäre New Yorks gedieh die Aura des Autors Brodkey als Genie, entstand der Kultstatus des bisexuellen, attraktiven, superintellektuellen Verfassers von Texten, die alle nur ein Thema kennen: Sexualität. Alles, was er denke und schreibe, sei sexuell besetzt, wiederholte Brodkey in seinen Interviews; diese Maxime ist Grundtenor auch der Essays: Sex als pornographische Provokation, wenn Brodkeys literarisches Alter Ego Wiley in "Unschuld", seiner berühmtesten Geschichte, der ebenso schönen wie unnahbaren Studentin Orra durch den längsten Cunnilingus der Literatur zum ersten Orgasmus verhilft; Sex als variable Imago der eigenen Persönlichkeit mit undefinierbaren hetero- und homosexuellen Anteilen; Sex als Thema eines Autors, der 1993 an Aids erkrankte und sein Sterben in einzigartigen autobiografischen Selbstbeobachtungen in der "Geschichte meines Todes" niederschrieb, die 1996 posthum veröffentlicht wurde; und schließlich Sex als Grundenergie von Macht, Eitelkeit, Kampf um Anerkennung, intellektueller Bewusstseinserforschung; als Energiestrom, der die Welt erst mit Farben, Tönen, Kontrasten, mit dem ganzen menschlichen Ausdrucksempfinden beseelt. "Eine flüchtige Seele" heißt der 1991 nach jahrzehntelangen Ankündigungen erschienene große Roman Brodkeys: 1400 Seiten grandiose, unerträgliche Bewusstseinsprosa über die Menschwerdung eines Kindes und Jugendlichen als sexuelles und sinnlich empfindendes Wesen. Autor, Erzähler und Protagonist verschwimmen hier zu einem minutiös registrierenden Bewusstsein.
Der Begriff der "Zeit", mit seinen Facetten der Simultaneität, der Koinzidenz, des Traumes, ist der Zentralbegriff der Brodkey'schen Poetik. In manchmal quälend langatmigen Wiederholungen erforscht dieser Autor in seiner Literatur die Geburt des Willens aus dem Geist der Zeit.

Worüber schreibt ein Autor dieser Statur Essays? Wie jeder gute Essayist über alles. Witzig, voller Selbstironie handeln sie auch von so handfesten Dingen wie dem Verhältnis von Auto, Mann und Image ("Autos und das Leben") oder vom Gegensatz zwischen europäischen und amerikanischen Gärten; sie räsonnieren über "Sex und Aussehen", über Marlon Brando und den Monat Oktober; über "Lesen, das gefährliche Spiel", über Filme und Massenkultur, den "amerikanischen Faschismus". Die Essays liefern außerdem den produktionstheoretischen Über- oder Unterbau des Brodkey'schen Schreibuniversums. Mehr als ein Drittel der Texte sind Erstveröffentlichungen aus dem Nachlass. Ein Manko der Ausgabe ist das Fehlen eines Nachwortes, das über Entstehungsbedingungen, Publikationsabsichten et cetera Auskunft gibt. Angela Praesent ist die kongeniale Brodkey-Übersetzerin. Gerade deswegen bekommt man aber Lust, den Brodkey'schen Esprit auch im Original zu erfahren; dafür bieten sich die Essays an. Wer Brodkey kennt, wird dort Vertrautes in
direkterer, "politischerer", "autobiografischerer" Form finden. Wer ihn nicht kennt, hat mit den Essays (und natürlich den "nahezu klassischen Stories") Gelegenheit, einen der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller kennen zu lernen. An manchen Stellen wird ein männliches Ego überdeutlich, das sich an der eigenen Attraktivität und Intellektualität narzisstisch begeistert. Wegen seines oft elitären Gestus halten die Amerikaner Brodkey auch für so europäisch. Es gibt allerdings keinen Gegenwartsautor, der eben diese Arroganz und Eitelkeit literarisch und essayistisch so präzise analysiert hat.

Bernhard Fetz in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 9)


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